Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1871)
- Date
- 1871-03-07
- Page
- Seite 199 (sequence 11)
- Language
- German
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109 das seit etwa drei Jahrzehnten in hiesiger Gemeinde und Stadt erstanden, rühmlichst bekannte Tabaks - fabrikant und Stadtrath, Herr Joseph Heilbronn, und seine würdige Gattin haben — anläßlich ihrer demnächstigen llebcrsiedelnng nach Posen, wo sie als Frucht ihrer fast vierzigjährigen geschäftlichen Thätigkeit der verdienten Ruhe genießen wollen — der hiesigen Stadt ein Geschenk von 1000 Thlrn. gemacht, deren Zinsen zu folgenden wohlthätigen Zwecken verwendet werden sollen: Die Hälfte zu Stipendien für dürftige Gymnasiasten ohne Unterschied der Religion und Rationalität: ein Fünftel zur Unterstützung des hier bestehenden Ret tnngsvercins für arme verwahrloste Liiuder: drei Zehntel zu einer alljährlichen Neisenntersn'itznng für hiesige jüdische Einwohner, die durch ihre Verhältnisse genöthigt sind nach Amerika auszuwandern. Oesterrtichischungarische Monarchie. Wien, 8. Februar. Der Streit, der hier seitens der Betstubeubesucher gegen die Beschlüsse des Borstandes über gottesdienstliche Veränderungen in den beiden Tempeln augesacht worden und bereits viel Staub aufwirbclt, zeichnet sich, wie der Verlauf der ganzen Angelegenheit, in den folgenden Berichten ab, die wir den Wiener Tagcsblättern entnehmen. Ter Versammlung, welche am 25. v. M. in der nach orthodoxem Ritus eingerichteten Synagoge der Schiffgasse stattfand, folgte am 5. d. eine zweite. Herr I. V. Freistaol erösfnete dieselbe, indem er den Versammelten ies waren ihrer gegen 0- bis 700dankte, daß sie ans Zutrauen zu ihm den beschlossenen Prorest reichlich mir Unterschristen versehen haben, hierbei aber den Wunsch ausdrückte, daß derselbe modificirt werde, um eine womöglich noch bestimmtere Sprache zu führen, die gar keine Mißdeutung zuließe. „Wenn cs," meinte er, „im Proteste gegen den Beschluß des Vorstandes heißt, daß noch in vielen Staaten die Juden unter einem Drucke seufzen, will damit nichts weniger gemeint sein, als daß sie berechtigt wären, den Gedanken an die Heimkehr nach Palästina aufzngeben, so sie auch allenthalben frei wären. Wenn cs ferner heißt, die Regierung möchte eine Synode einberufen, will damit nicht gesagt sein, als ob deren Beschlüsse in jedem Falle eine bindende Gewalt hätten. 'Rein! Was unsere Vorfahren beobachtet haben, müssen auch wir beobachten, und daher muß der Protest insoserne geändert werden, daß er ganz klar und präcise dies auSsage." Hierauf nahm das Wort Rabbiner Spitzer: „Meine Herren! Wenn das Feuer ausbricht und man wahrnimmt, daß die Spritzen über das Ziel hinausschießen, muß der erfahrene Mann ohne Zweifel zugreisen, und folglich sehe ich, der sich bis jetzt im Hintergrllnde zurückhiclt, mich genöthigt, in die Action zu treten. Ich will nicht Frieden um jeden Preis, allein da die Gährung in der Metropole die Provinzen leicht anstecken und eine höchst bedauerliche Spaltung im Schoße der Judenschaft zur Folge haben kann, so will ich, sintemalen die Augen Europas auf uns gerichtet sind, noch nicht die Kriegstrompetc blasen und über Steuerausmaß und Steuerverweigerung in der Euttuszemeinde schweigen." Er häufte hierauf unter donnernden Bravo Rufen eine Eitatenmasse aus Autoren, „die man anerkennen müsse", und sagte unter Anderem: „Man muß glauben einzig und allein darum, weil es in der Heiligen Schrift geschrieben steht, und nicht aus anderen Motiven." Herr Spitzer ist übrigens nicht kriegerisch gesinnt, will, bevor der geharnischte Protest erlassen wird, keinen friedlichen Versuch scheuen und schlägt vor, daß die Vorstände sämmtlicher Bethäuser den EultuSvorstand ersuchen, derselbe möge im Interesse des Friedens und der Ruhe in der Gemeinschaft seinen Reformbeschluß vom 22. Januar sistiren. Der Antrag wird angenommen, der Präsident erklärt die Versammlung für geschlossen, und die Menge schickt sich bereits an, auseinanderzugehen; da besteigt nachträglich Dr. Frankl die Tribüne, um zu verkündigen, daß er sich immer „in die gewisse Mitte gehalten hat", daß die Journale seine Rede nicht wortgetreu wiedergegeben haben, daß er in seiner Eigenschaft als Jurist den Vorstand der Jucompetenz in Religionsdingen zeihe, gegen daS sogenannte Nenjiidenthum, dessen Organ, die „Neuzeit", feierlichst Verwahrung einlcgc und sich keineswegs erniedrigen werde, den Vorstand anzuflehen, während ihm das Recht ungesäumt zu protestireu zustehc. Herr Spitzer replieirt: „Dr. Frankl sprach als Advocat, ich bin Priester und will sogar „Staub lecken", ich will Alles versuchen, um Eintracht, so nur möglich, zu erzielen. Gelingt cs nicht, dann haben wir das letzte Wort noch nicht gesprochen. Friede! Friede! Amen." Der Vorsitzende constatirt, daß ihn ebenfalls das Bitten etwas aufgebracht habe, er jedocb Herrn Spitzer zuln'be darauf einzugehen ge- 10*