Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1871)
- Date
- 1871-03-07
- Page
- Seite 197 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226809--29268-3252098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
197 schritt unter sorgfältiger Bewahrung der Zustände und Einrichtungen, die sich als gut und heilsam erprobt, gleiches Recht und wahre Freiheit für Alle und ein möglichst ungestörtes, friedfertiges, auf gegenseitiger Anerkennung. Achtung und Gerechtigkeit begründetes Zusammenleben und Zusammenwirkender verschiedenen Eonfessioncn. Dreihundert Jahre haben wir Deutschen um letzteres Gur schwer gerungen, wehe, wer sich daran vergreift oder dagegen frevelt!" Möchte sich dies der e v a n ge li s ch e Sberkirchenrath sammt seinen Consistoricn von dem katholischen Geistlichen gesagt sein lassen. Trier, 5. Februar. (Privatmitth.) Zu den von Ihnen gewünschten Notizen über die jüdischen Soldaten aus der hiesigen Gemeinde füge ich noch bei, daß zwei hiesige jüdische Aerzte in den Militärlazarelhen beschäftigt und aus unserm Regierungsbezirke noch drei als Stabsärzte bei der Armee angestellt sind. Unsere jüdischen Aerzte, die selbst in den finstern Zeiten unserer Erniedrigung und Zurücksetzung als Leibärzte bei den Fürsten angenontmen waren, was gewiß nur deren Tüchtigkeit wegen geschah, bewähren jetzt wieder ihren alten Ruhm und sind auch in der Armee stark vertreten. Dieses ist ein kleiner Ersatz für den Mangel an jüdischen Dfficieren, und hoffen wir, daß dieser blutige Krieg auch diese Ausschließung und Zurücksetzung völlig beseitigen wird. Einen ungünstigen Eindruck macht auf mich, und gewiß auch auf noch viele uujeu-t Glaubensgenossen, das in Nr. 5 d. Z. mitgetheiltc Schreiben des Herrn L. Marcus, Vorsteher in Schwerin. In diesem spukt wieder gewaltig das alte Gespenst der jüdischen Hierarchie, resp. die Furcht vor derselben von Seiten der Rabbiner, wenn solchen die geringste Macht und das unbedeutendste Ansehen vom Staate cingeräumt und zuerkannt würde. Man sollte doch glauben, daß diese Furcht ans dem Herzen der eifersüchtigen Borsteher geschwunden sei, da die Rabbiner, sowohl der alten, als der neuen Zeit, hinreichend bewiesen haben, daß sie nur Lehrer und Erklärer der Religion, was ihr Name: mit ihrem jüdischen Titel: wiin (mein, unser Lehrer) beweist, und weiter Nichts sein wollten. N'och mehr war von jeher und ist jetzt noch von der Anmaßung und willkührlichen Herrschaft der alten und neuen »Vorsteher) zu fürchten. Und wegen dieser ungegründeten Furcht und einseitigen Principienreiterei sollen unsere braven und helvenmüthigen jüdischen Soldaten des Genusses eines erbauenden und erhebenden Gottesdienstes an den vielen Sabbathen und Feiertagen während der Dauer des Krieges, die jüdischen Verwundeten und Kranken der stärkenden und beruhigenden, und die Sterbenden der tröstenden und den letzten Kampf mildernden Worte eines jüdischen Geistlichen entbehren!! Grausam ist wahrlich ein solches Ansinnen, das all Dieses dem reinen Zufall überlassen will! Und um wie viel leichter und--beruhigender wird dem Sterbenden das Scheiden auf immer.von den Seinen in der Heimath, wenn er weiß, daß sein Geistlicher jenen die Kunde hiervon und seinen' letzten Willen mittheilcn wird! und welchen Trost spendet der Geistliche hierdurch den Trauernden! Herr Marcus wird mit dem, was der Herr Cultusministcr in dieser Angelegenheit in letzterer Zeit nachgegcben hat, um so zufriedener sein, als die drei zugelassenen jüdischen Theologen nur „jüdische Felds celsorger" und nicht einmal „Rabbiner", geschweige denn „Geistliche" in jenem ntinistericllen Oiescripte betitelt werden, auch weiter nicht angestellt sind, und gar kein Gehalt beziehen, vielmehr denselben, wie den zudringlichen Bettlern, die nicht mehr abzuweisen sind, wenige Almosen hingcworfen werden. Wir aber dürfen uns durchaus hiermit, sowie mit noch vielem Andern, nicht länger mehr begnügen, müssen vielmehr das Uebel mit der Wurzel auszureißen suchen. Wir müssen nämlich mit aller Energie bei dem bald zusammentretenden Reichstag des deutschen Reiches petitioniren, d a ß u n s e r e R e l i g i o n f o r ta n nicht mehr als eine blos geduldete und daher in Allem, waS auf sie Bezug hat, vom Staate ignorirtc, sondern gleich den übrigen Religionen anerkannt und wie diese in allen Beziehungen behandelt werde. Dieser unser so gerechter Wunsch wird aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Reichstage um so eher erfüllt werden, als in mehrcrn der süddeutschen Staaten und in denen zu unserm deutschen Vaterlande neu hinzukommcnden französischen Provinzen diese vollkommene Gleichstellung schon lange besteht. Sehr wünschenswerth wäre eS, wenn Sie diese so wichtige Angelegenheit wieder in Ihre Hände nehmen würden. Sie könnten gewiß auf die Mitwirkung und Unterstützung sehr Vieler zählen. 10