Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1871)
- Date
- 1871-02-28
- Page
- Seite 187 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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187 nicht hat. Besonders siel es mir erfreulich auf, daß die Leute für die Gesellschaft ihrer HauSthiere nicht so viel Anhänglichkeit hatten, daß sie dieselbe zu. ihren Stubengenoffen und Scklafkameraden gemacht, wie dies in Polen überall der Fall ist. Mein Lebensretter und gegenwärtiger' Kutscher trieb, je näher wir dem Dorfe kamen, die Pferde desto mehr an. Plötzlich stürzte uns aus dem offenen Thore ein Rudel gewaltiger Wolfshunde und Bullenbeißer entgegen , welche Miene machten, sich mit ihrem scharfen Gebiß auf uns zu werfen. Aber kaum hatten sie den Mann auf dem Bocke gewahrt und einen gellenden Psisf aus seinem Munde gehört, als sie mit den lebhaftesten Freudenbezeugungen das Gespann und den Wagen umsprangen und bellend und wedelnd uns das Geleit gaben. Sobald wir das Thor pafsirt hatten, wurde es von einem bereit stehenden Manne geschloffen, und inein Freund berichtete mir, daß eben der Schabbes angebrochen und das Thor vor Sonntag früh nicht wieder geöffnet werde. Die Mauer um das Dorf wäre für den Schabbes sehr nützlich; worin dieser Nutzen bestand, konnte er mir nicht mehr erklären, denn wir waren bereits auf dem Ring und vor dem Hause seines Baters angelangt. Ich wunderte mich einen Augenblick, daß die Straße so menschenleer und still, und alle Häuser, obschon es noch gar nicht so dunkel war, hell erleuchtet waren; auch an einem Theile des großen Gebäudes strahlten die Fenster von Lichterglanz. Aber ich erinnerte mich schnell an den eben gedachten Anbruch des Schabbes, und daß die Leute, Männer und Frauen und Kinder, bereits in die Schul' geströmt sein mochten. Wir hielten vor der Thür. Eine ältliche Magd kam heraus und fuhr grämlich meinen Freund an. „Schön von Dir, Jeinkof, rief sie aus, so in den Schabbes hinein zu fahren! Neb Koref ging ärgerlich genug in die liebe Schul', und wird. . ." „Bekümmere Dich um Deine Sachen, erwiederte ruhig der Angeredete, und führe den gnädigen Herrn in die Stube hiueiu, ich will dem Kutscher den Stall zeigen." In diesem Augenblicke gewahrte die Alte die an den Wagen hinten angebundenen Wölfe und fuhr, obfchon sie todt waren, entsetzt zurück. Jeinkof lachte, wies meinen Kutscher an, wohin er Wagen und Pferde zu bringen, und eilte nach der Schul' hinüber, während ich unter Leitung der Magd inö Haus trat. Sie führte mich in ein Zimmer, das sehr geräumig, wenn auch niedrig, für emen kleinen Saal gelten mochte, in welchem man schon eine Versammlung oder ein Tanzvergnügen halten konnte. In der Mitte stand ein langer Tisch zum Mahle hergerüstet, und von der Decke hing eine siebenzackige kupferne Lampe herab, deren Lichter eine angenehme Helligkeit verbreiteten. Der Boden war mit frischen Tannennadeln bestreut, die den Raum mit harzigem Duste erfüllten. Das Meublement war sehr einfach. Außer zwei großen gepolsterten und sehr abgeseffenen Lehnstühlen waren nur hölzerne Sessel vorhanden, auf deren einen ich »mch. niederließ, harrend der Dinge, die da kommen würden. Die polnischen Juden sprechen viel und darum schnell; aber noch schneller als unter einander svrechen sie mit ihrem Gotte, und sie sind daher mit ihren Gebeten, die, wie ich beobachtet hatte, sie alle auswendig kennen, sehr rasch zu Ende, wenn nicht etwa ein beliebter Vorsänger vielfach gcschnörkelte Melodien cinlegt, die sie gern an hören und in welche sie brummend mit einstimmen. Ich hatte deshalb gar nicht lange zu warten, bis die Thüre sich öffnete und eine Anzahl Männer hereintrat, unter denen ich meinen Netter bemerkte und an deren Spitze ein Greis schritt. ES war der Herr des Hauses, den sein Sohn auch den Herrn des Dorfes zu nennen beliebte. Es war ein kleiner hagerer Mann, dem man die Nähe der Achtziger doch nicht geradezu ansah. Silberweiß war sein Haupthaar, silberweiß die Schläsenlocken, und gewaltig stoß ihm der silberweiße Bart fast bis auf den Gürtel herab. Seine Wangen waren noch lebhaft geröthet und seine dunkeln Augen blitzten. Er hatte unverkennbar den Ausdruck großer Schlauheit. Seine Gestalt war in einen blauseidenen Kaftan gehüllt, an welchem vorn breite schwarzsammtne Streifen heruntergingen, und die ein schwarzseidener Gürtel umschloß. Auf dem Haupte trug er eine sehr hohe Pelzmütze, etwa wie wenn man einen großen Damenmusf auf den Kopf stülpt. Fügt man Schuhe mit silbernen Schnallen hinzu, so gab dies eine, für einen Europäer fremdartige, aber ansehnliche Ausstattung ab. Ich hatte mich erhoben, und er trat mit einigen freundlichen Begrüßungsworten auf mich zu. Ich aber rief ihm den jüdischen Gruß entgegen: „Aleichem Scholaum!", wie ich ihn so oft von den Lippen meiner polnischen Bekannten gehört hatte. Dies macht? offenbar einen sehr günstigen Eindruck auf ihn; ein heiteres Lächeln überflog sein Antlitz und er schüttelte mir die dargereichte Rechte. Wir wechselten mehrfache Höflichkeitsreden, die von seiner Seite ungefähr nach der Art der Perser lautete: „Mein Haus ist Dein und Alles, waS darinnen, ist Dein"; von meiner Seite die lebhaftesten Ausdrücke meines Dankes für die großen Dienste enthielten, welche mir sein Sohn geleistet, und den Wunsch, daß ich ihm nicht lästig fallen möchte. Mit Befriedigung bemerkte ich jetzt und weiterhin, daß der Greis und seine Familie zwar noch jene demüthige Uuterthänigkeit an sich trugen, welche die polnischen Juden so gut wie das ganze niedere polnische Volk gegen die Herren des Landes in Wort und Manieren auf für uns Westeuropäer widerwärtige Weise bezeigen, dennoch aber auch schon den Eharakter der Selbstständigkeit, der Würde des freien Eigenthümers angenommen hatten. Eine eigentliche Vorstellung der anderen Männer fand nicht statt. Ein Jeder trat an mich heran, krümmte den Rücken, .drückte die dargebotene Hand und sah mich mit halb unterwürfigem, halb freudigem Blicke an. Mein Wirth und die Seinigen begriffen sehr wohl, daß jeder russische Beamte ihnen wenig nützen, aber viel schaden