Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1871)
- Date
- 1871-02-28
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226808--29256-3252085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 vorstellte. Die Lage war überaus glücklich gewählt. DaS Dorf lag dicht unter einem schroff ansteigenden Berge, der ihm eine Art Kessel gewährte, so daß hier ein guter Schutz gegen die furchtbaren Nordstürme gegeben war, welche eigentlich Sibirien zu dem rauhen Klima verurtheilen und zu Zeiten alles Leben darin erstarren. Nach Süden dagegen blickte das Torf in die unbegrenzte Ebene hinaus, und vom Berge selbst rieselte ein munterer Bach hernieder. „Wie nennt Ihr Euer Dorf?" fragte ich den Mann, der sich mir zugewandt hatte, wahrscheinlich um den Eindruck zu beobachten, den der Anblick seines väterlichen Dorfes auf mich machen werde. „Beisrächle", antwortete er, und als er meine Verwunderung über diesen Namen bemerkte, den ich nicht zu deuten wußte, da er weder russisch, noch polnisch, noch deutsch war, fügte er mit einem Lächeln um den Mund hinzu: „Das ist hebräisch, gnädiger Herr, und heißt zu Ehren meiner Mutter: Haus Rächle's." Eben sielen die letzten Sonnenstrahlen auf die Schindeldächer des Dorfes, als wir hineinlenkten. -Ich gestehe, daß ich sehr gespannt war auf Alles, was ich daselbst zu erwarten hätte. Die letzte Stunde hatte mir so viele Ueberraschungen gebracht. Die Verirrung von meinem Wege, die so trübselige Aussichten für die Nacht, vielleicht noch traurigere Folgen für die nächsten Tage versprach, die augenscheinliche Lebensgefahr, und nun die unerwartete Rettung durch einen polnischen Juden mitten in Sibirien, und dieser in Sibirien geboren und mich zu dein Dorfe seines Vaters führend! Ich versprach mir viel Interessantes. 2. Schon ehe wir dem Dorfe nahe waren, bemerkte ich fast mit Bewunderung, welch' schön bestellte Roggenfelder sich von ihm ziemlich weit über die Ebene hinaus erstreckten, ich sage schön, indem ich dabei an Sibirien denke und dessen für den Ackerbau ungünstige Verhältnisse. Es mußte großer Fleiß und viel Achtsamkeit darauf verwendet sein, wenn freilich dies Mal der überaus günstige Sommer das Beste daran gethan haben mochte. Denn das ist eben in jenen Landstrichen die Schwierigkeit, daß mehrere Jahre mit nur geringem Ertrage vergehen, ehe in diesem oder jenem Jahre der Fleiß reichlich belohnt wird. Es bedarf also der muthigen Ausdauer , und diese ist das Eigenthum nur weniger Volksstämme. Wie ich das Dorf übersehen konnte, befaßte es ungefähr vierzig Feuerstellen, und mochte somit etwas über 200 Bewohner haben. Eine Kirche besaß es nicht, doch, wie ich mich hernach unterrichtete, ein ziemlich großes Gebäude im länglichen Viereck in der Mitte, um welches ein freier Platz und dann im länglichen Kreise Häuser lagen, die, wenn auch nicht geschlossen, doch ziemlich regelmäßig einen sogenannten Ring bildeten, wie man in so vielen großen und kleinen polnischen Städten findet. Von da ab lagen die Häuser unregelmäßig, ohne Straßen oder Gassen zu bilden, denn jedes Häuöchen hatte einen kleinen Obst- und Gemüsegarten um sich. Was nun dem Dorfe ein sonderbares Aussehen gab, war, daß jedes dieser Gärtchen mit einer sehr hohen hölzernen Mauer umgeben war, wie ich mich später überzeugte, um die Pflanzen, besonders die Bäume möglichst zu schützen, welche letztere während des langen und eisigen Winters dicht mit Stroh bis auf die Enden des kleinsten Zweiges eingewickelt wurden. Zuletzt zog sich eine noch höhere hölzerne Schutzwehr um das ganze Dorf, welche von jeder Seite durch ein Thor durchbrochen und verschlossen ward. Diese diente zugleich gegen den Einbruch der Wölfe, Bären und anderer Raubthiere, welche die rauhe Jahreszeit oft genug mit peinigendem Hunger in starken Schaaren zu dem Dorfe hin trieb. Gegen diese lagen die Bewohner denn auch stets im Kriege. Dieser Gartenbau brachte einen lohnenden Ertrag, der zum Theil in den zunächst gelegenen Städten verwerthet ward. Alle Gebäude des Dorfes bestanden nur aus dem Parterre und waren aus Balken und Lehm gebaut und von außen mit Brettern verschaalt. Die Schindeldächer — denn Stroh war nicht genug vorhanden, um die Häuser damit zu decken — waren mit großen Steinen belegt, wie in der Schweiz, um sie vor plötzlichen Windstößen und Orkanen zu sichern. Das lange Gebäude in der Mitte enthielt die „Schul", d. h. den Raum, wo der Gottesdienst verrichtet ward, das sogenannte „Beismedrasch", d. h. das Lehrhaus für die Erwachsenen, und das „Cheder" für die Kinder. Außerdem war ein Theil für Kranke, alte und verarmte Personen bestimmt, der aber wenig benutzt ward. . Ein für alle Mal will ich den freundlichen Lesern hier bemerken, daß sie keine Schilderung der Sitten meiner jüdischen Freunde zu erwarten haben. Ich könnte ihnen vielleicht Vieles davon erzählen, denn ich hatte auf meinen mehrjährigen Reisen in Polen und Rußland Gelegenheit genug, sie kennen zu lernen. Aber für Diejenigen, welche selbst damit bekannt sind, wäre dies eine überflüssige Arbeit, und für die Anderen könnte ich einen allzu großen Raum füllen, ohne zu glauben, daß ich genug gethan und daß ich überall das Nichtige getroffen. Ich gebe vaher hier nur das wieder, was mir in diesem Judendorfe, von dessen Dasein ich keine Ahnung gehabt, Besonderes anfsiel. Nun, ich will nicht behaupten, daß sich dieses Dorf durch Reinlichkeit auszeichnete; zu manchen Zeiten des Jahres muß es garschwer sein, sich durchzuarbeiten, oder nur von einem Gehöft zum anderen. Aull) überließ man der Luft und dem Regen, der Außenseite der Häuser eine andere Farbe als die natürliche des Materials zu geben. Doch war es im Innern der Häuser, die ich betrat, wohnlicher und erträglicher, als in Polen, wozu wohl auch beitrug, daß ich gerade am Sabbath dort war, zu welchem stets die Wohnungen in Etwas gesäubert werden, eine Wirkung, die der Sonntag bei den Christen jener Länder