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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-28 · Heft 9 (28.2.1871) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 9 (28.2.1871)
Date
1871-02-28
Page
Seite 188 (sequence 20)
Language
German
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188 könne. Die Männer, sämmtlich Söhne und Schwiegersöhne des Reb Koref, waren ebenfalls kleine, schmächtige Gestalten, unter denen mein Jeinkof an Höhe und Breite wie ein Niese emporragte, so daß ich nicht begriff, wie er gerade unter diese Schaar gekommen sei. Doch hatten die Männer nicht das bleiche, abgezehrte Gesicht wie die Mehrzahl der polnischen Juden, sondern inan sah den kräftigen, wettergebräunten Gesichtern die Arbeit, die harte Arbeit an. Noch umringte mich die Schaar, als die Thüre sich aberrnals öffnete, und eine Frau an der Spitze mehrerer Weiber hereintrat. Das war unstreitig die Mutter meines Jeinkof. Obschon sie bereits 7-1 Jahre zählte, trug sie ihre hohe Gestalt ganz gerade und war noch mit ansehnlicher Fülle versehen. Dasselbe ebenmäßige, runde Gesicht wie ihr Sohn, nur daß die Augen noch mehr leuchteten und einen schärferen Verstand verriethen. als mein Freund zu besitzen schien. Wie sie daher kam, die Männer ihr Platz machten, die Frauen ihr folgten, erkannte man sofort, daß sie die Seele des Hauses, ja der ganzen Niederlassung sei, und daß, wenn ver Mann ihrer Energie durch feine Schlauheit zur Hülfe kam, er dennoch sicherlich den größten Theil ver Ausführung ihr willig überließ. Sie war fast reich geschmückt und trug das bekannte Sterntuch auf dem Haupte, mit vielem kostbarem Zierrath versehen. Alsbald begannen nun die Gebete und Ceremouien, wir setzten uns zu Tisch, wobei ich neben dem Hausherrn zu sitzen kam, und es wurde reichlich aufgetragen, wozu ein selbstgebrannter Wißky mit vieler Virtuosität getrunken ward. Es war mir doch wundersam zu Muthe, als ich die überaus fetten und süßen Speisen aus Warschau und Wilna hier in Sibirien, nicht weit von der chinesischen Mauer, vor mir stehen sah und das Deutsch dieser Leute hörte. Wahrlich, es besteht eine immerwährende Völkerwanderung und die Nachkommen des uralten Wanderers Abraham, der ja davon den Namen sJbri) haben soll, nehmen keinen geringen Antheil daran. Mein Wirth sah mich sehr erstaunt an, als er endlich herausbrachte und verstand, was für ein Beamter ich eigentlich wäre. Er verstand dies aber erst, als ich ihm beispielsweise erklärte, daß ich Goldminen und im Nichtfalle auch Blei und andere Erze in den Bergen aufsuchte. Das war ihm sehr einleuchtend und er drang in mich, doch auch die benachbarten Berge darauf zu untersuchen und so lange bei ihm Wohnung zu nehmen. Daß die die Ebene und so auch den Kessel dieses Dorfes umziehenden Berge so beschaffen wären, daß Goldminen und Erzgänge darin unmöglich, wollte der alte Mann nicht begreifen. Denn Berge waren ihm Berge, und auf das Belieben des Herrgotts wäre es angekommen, ob er Gold hineingesteckt, und wenn er wollte, könne er eS noch jetzt und jeden Augenblick hineinstecken. ^Fortsetzung folgt.) Cnriosnm. Ein Feuilleton der „N. fr. Pr." „Kaulbach und Schwindt" legt dem Ersteren einen Vergleich des gegenwärtigen Frankreichs mit Jerusalem vor dessen Fall in den Mund, und indem er die drei jüdischen Helden, welche Jerusalem vertheidigten, Eleazar, Johann und Sünon, als Gegenstände seiner Bewunderung gezeichnet, vergleicht er mit ihnen — Gambetta. Wir weisen diesen Vergleich zurück. Jene Helden haben die Stadt und das Heiligthuin mit den Waffen in der Hand und mit ihren kampfgerüsteten Schaaren vertheidigt und ihr Leben dafür hingegeben — während Gambetta Hunderttausende zusammenraffte und in einen sinn- und erfolglosen Kampf zum Tode oder zum Elend sandte, selbst aber den Schlachtfeldern fern blieb und mit Lug und Trug seine Nation immer. wieder zu verblenden suchte. Kaulbach schließt dort mit der Behauptung, daß Gambetla ein Jude sei. Eine andere Nachricht bringt ein Stuttgarter Blatt, nämlich, „daß Gambetta's Großvater ein Württemberger gewesen, zu Munter? fingen geboren sei, und Conrad Gemperle geheißen habe. Zur Zeit der Napoleonischen Continentalsperre sei er nach Frankreich ausgewandert und habe daselbst mit einem von ihm erfundenen Surrogat-Kaffee große Geschäfte gemacht. (Also wohl ein Verwandter der berühmten Firma Gemperle in Wien?) Sein Sohn habe eine italienische Jüdin gehcirathet und seinen Namen in Gambetta verwälscht. Das Stuttgarter Blatt knüpft an diese Mittheilung die Belnerkung, daß durch solchen Sachverhalt vielleicht der physiologische Schlüssel zu den tollen Schwabenstreichen der Bordelaiser Surrogat-Negierung gefunden sei." — Wir geben auf alle derartige Mittheilungen nichts, und führen dagegen an, daß wir in den Pariser jüdischen Blättern nichts Derartiges gefunden haben, während doch Gambetta schon seit der Afsaire Bodin die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Xenien. Junger Most gährt leicht, das ist ihm nicht zu verübeln — Doch ist ihm Gift schon gemischt, wird er niemals gesund. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur H. Lotze.

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