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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-28 · Heft 9 (28.2.1871) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 9 (28.2.1871)
Date
1871-02-28
Page
Seite 185 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Feuilleton-Beilage M Ar. 9. Leipzig, den 28. Februar 1871. Das Judeudorf in Sibirien. Erzählung eines Reisenden. (Fortsetzung.) Mit seinem Beile und zerbrochenem Speer trat der Mann nun an den Wagen heran. Als er meine Uniform gewahrte und auch das Ordensbändchen im Knopfloch — von diesem trennt man sich in Rußland nie, weil dessen Abwesenheit der Mißachtung und Übeln Behandlung aussetzt machte er eine tiefe Verbeugung, und sprach: „Woher kommt der gnädige Herr? und wohin will er?" — Hätte ich noch gezweifelt, wen ich vor mir habe, die ersten Worte, die er sprach, hätten mich dessen vergewissert. Ich kannte ihn ja, und halte ihn allzu viel gehört im lieben Polen, wenn ich auch bei guter Laune mich an ihm ergötzte, diesen schrecklichen Jargon der polnischen Juden, dieses entsetzliche Deutsch mit vielen hebräischen und wenigen polnischen Wörtern vermengt, und der dennoch des Studiums eines Sprachforschers werth wäre, weil ich mich überzeugt halte, daß darin noch viele Elemente des Mitteldeutschen enthalten sind. Die eigenthümliche Aussprache, der sonderbare Gebrauch lnancher Wörter und die ungewöhnliche Wortnnd Satzstellung machen ihn zu einem Dialect, der, wenn er auf irgend feinere Bildung gestoßen wäre, dem Holländischen zu vergleichen stände. Ich konnte nicht anders als dem in seinem Muthe und seiner Besonnenheit so einfachen und schlichten Manne meinen ganzen Dank als meinem Lebensretter und meme volle Bewunderung über seine Geschicklichkeit und Sicherheit in Handhabung seiner Waffen auszusprechen. „Nun, sprach er schmunzelnd, das war ja nichts Großes und ich liege mit den Bestien einmal im Kriege. Auch bekomme ich ja für den .Kopf, den ich nach Jlinsk liefere, einen Rubel von der Regierung, und der Felle kann man in diesem Lande nicht genug haben. Wenn man uns nur erlaubte Schießwassen zu führen, dann sollte ganz anders unter ihnen aufgeräumt werden! Uebrigens, gnädiger Herr, kann man innner nicht wissen, wie so ein großer Mann uns armen Leuten nützen kann, und da werde ich nicht blöde sein, zu fordern." Er schielte dabei auf meinen Revolver, der seine Wünsche erweckt zu haben schien. Doch ich wollte nähere Bekanntschaft mit ihm machen. „Heißt Ihr nicht Zeinkof?" fragte ich ihn. Er blickte mich erstaunt an. „Wieso kennt Ihr mich, Herr?" „Nun, ich vermuthe es blos. Ich habe unter Euren Brüdern in Polen und Galizien so viel gelebt, daß ich die Namen derselben wohl kenne." „Unter meinen Brüdern in Polen? Ja, da werdet Ihr meinem Vater sehr willkommen sein, denn der hört gern etwas Neues von draußen. Ich aber weiß nichts davon, ich bin hier zu Lande geboren." Jetzt war das Erstaunen auf meiner Seite, denn der Mann schien mir Anfangs der Vierziger zu stehen, und somit mußte der Vater, von welchem er sprach, schon über vier Jahrzehnte in Sibirien ansässig sein. Doch er kam jetzt auf seine erste Frage zurück und ich theilte ihm mit, daß ich morgens von Selenginsk abgefahren und nach Petropawlowök wollte. Er schüttelte das mächtige Haupt mit der Fülle schwarzer Locken und rief erstaunt: „Euer Kutscher muß die Knute haben. Der Herr sind von Petropawlowök gerade noch soweit entfernt wie heute früh in Selenginsk. Sie sind in der Irre und im Kreise umhergefahren. Da hilft nichts, der gnädige Herr muß nach dem Dorfe meines Vaters, und im Hause meines Vaters übernachten. Wir haben da Platz genug für den Herrn und Speise in Fülle, und Stall und Futter für die Pferde." „Wie weit ist es bis dahin?" „Kaum ein halbes Stündchen." „Nun, dann laßt uns hinfahren." Der Mann ergriff alsbald die Zügel der Pferde, nachdem er die todten Wölfe hinten an den Wagen gebunden, schwang sich auf den Bock, schob den Kutscher beiseite, wandte das Gespann um, und lenkte in die Berge hinein. Nach kurzer Fahrt kamen wir an eine Art Landstraße, wenigstens waren die Geleise von Wagen sichtbar, und ehe ich es noch erwartet, traten wir aus einem Hohlwege hinaus, und ich sah eine Gruppe Häuser liegen, welche das Dorf des Vaters meines Lebensretters

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