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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-28 · Heft 9 (28.2.1871) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 9 (28.2.1871)
Date
1871-02-28
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 der Bearbeitung namentlich der „Alterthümer" zurückgehalten hat. Dabei dachte sich der Verfasser nicht etwa die Hinznsügung bloßer Anmerkungen, sondern er beleuchtet den bezüglichen Gegenstand ziemlich vollständig, so daß sich in seiner Arbeit eine Reihe kleiner Abhandlungen darbietet, die sich über die mannigfaltigsten Objecte auslafsen. Allerdings giebt Josephus manchmal hierzu nur eine schwache Veranlassung. Aber mit geringer Ausnahme ist, was der Verfasser sagt, von Werth, und ein gutes Sachregister läßt leicht zu, einen Artikel auszusuchen, für den man sich interessirt. Wir wollen nicht verhehlen, daß Herr Dr. Z. nicht immer kritisch zu Werke geht mld von vornherein die Neigung hat, Josephus und die Tradition in Einklang zu bringen. Allein wir sind eben aus diesem Gebiete noch immer erst im Beginn, und die hier gesammelten Materialien sind sehr willlcuimen. Sicher ist es, daß durch Nichts eine bestinuntere Einsicht in die überaus wichtige Periode vor dem Fall Jerusalems, in den damals herrschenden Volksgeist, in die obwaltenden Anschauungen im gebildeteren und gelehrten Theile des Volkes und in wie weit das, waö die Tradition als solche später nicderschrieb, während des wirklichen Volköbeftandes in Kraft und Uebung war, uns verschafft wird, als durch die Vergleichung der Schriften des Josephus mit Talntud und Midrasch. Wir sind daher dem Herrn Dr. Jellinek zu Dank verpflichtet, daß er die Herausgabe dieser hinterlassenen Schrift gefördert hat. — „Ze'ustimmen. Reden von Di*. Ad. Jellinek. II. Wien, 187 t. Herzfeld und Bauer." Wer die in den letzten Jahren von Di*. Jellinek veröffentlichten Predigten und Reden kennt, weiß, daß er, dem ein warmes Herz für die Fragen der Gegenwart schlägt und der sie mit Scharfblick aus dem Gewühle des Tages heraußerkennt, cs liebt, sie in seinen gottesdienstlichen Vorträgen zu behandeln. Es versteht sich, daß wir unter diesen Fragen der Gegenwart nicht die politischen Tagesereignisie verstehen, sondern die großen Probleme und Erscheinungen in der geistigen Tiefe der civilisirten Welt, des Völkerlebens, der Religion und der Wissenschaft. Selbstverständlich kann in solchen Predigten ein derartiger Gegenstand erschöpfend weder dargestellt, noch besprochen werden, noch dazu da Dr. I. die tresfliche Eigenschaft hat, seine Reden, wie die vorliegenden erweisen, nicht zu lang, sondern zu engen Rahmen großer Figuren zu machen. Ihm gilt eS vielmehr, die obschwebende Frage vom Geiste der Religion durchdringen, vom Lichte der religiösen Erkenntnis beleuchten zu lasten, und andrerseits sie in ihrem Zusammenhänge mit der Vergangenheit in ihrem Alter und Fortschritt zu zeigen. Dahin zielen auch die neuen Reden des vorliegenden Heftes, wie schon die Ueberschriften bezeugen, z. B.: „über den eingetretenen Wendepnnct im religiösen Völkerleben," „eine alte Schutzrede für die Proselyten„die erste, schöne Jugendzeit des Judenthums," „der freie, völkerfreundliche Geist des jüdischen Opfercultus."- Hierbei wollen wir eine Bemerkung wiederholen, die allerdings keinen unmittelbaren Bezug auf den Verfasser dieser trefflichen, ebenso geistwie gemüthreichen Reden hat, ja die wir schon ein Mal betreffs der Predigten jüdischer Kanzelredner gemacht, und die sich uns immer wieder aufdrängt. In diesen Predigten wird allüberall die Geistesfreiheit und die Vernnnftmäßigkeit des Judenthums hoch erhoben und gepriesen, und diese als die eigentlichen Motoren im Judenthume bezeichnet. Blicken wir uns aber, sobald das Wort auf der Kanzel verhallt ist, in der Wirklichkeit um, so gewahren wir wenig davon, und das herrschende Princip ist die unbedingte Herrschaft des Herkommens, der vor Jahrhunderten geschassenen und fixirten Formen. Irgend ein längst veraltetes Gebet, wie das babylonische Jeknm purkan, oder eine Gebetformel, die geändert und dem Bewußtsein unserer Zeit angepaßt werden soll, erregt den furchtbarsten Sturm und droht augenblicklich mit Spaltung, mit Bruch und Trennung, und giebt zur Verleumdung, Verketzerung, Haß, Erbitterung die einschneidendste Veranlassung. Wie schön sagt der Verfasser in der letzten Rede (S. l<»5): „Denn das Judenthum schlägt die Vernunft nicht in Fesseln, verlangt keinen dumpfen, blinden Glauben, hat, besonders in der Zerstreuung, keine Behörde, die sich anmaßen dürfte, die Gewissen von ganz Israel im Namen Gottes zu beherrschen und dem freien Denken und Forschen den Raum zu verkümmern." Ferner: „Wie Jericho ist die Burg des Glaubens außerhalb Israels fest geschlossen, so daß kein Strahl des prüfenden und forschenden Geistes eindringen kann und darf; anders aber in Israel! Die Bundeslade voran, welche die. Aussprüche der göttlichen Weisheit enthält, stoßen die Priester Israels in die Posaune des freien Geistes, der von Gott ftanunt, die abschließenden Mauern stürzen zusammen, und einzieht die göttliche Vernunft in Die GotteSstadt, die Religion!" Nun, Herr Dr. I. sieht jetzt in Wien die tobende Menge Derer um sich, welche nicht etwa verlangen, daß man ihnen gestatte, für die

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