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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-28 · Heft 9 (28.2.1871) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 9 (28.2.1871)
Date
1871-02-28
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 III. Ein Lehrstuhl für 1) die Geschichte des Iudenthums und 2) Geschichte der jüdischen Literatur. s) IV. Ein Lehrstuhl für I) daß Lehrgebäude des Iudenthums, Dogmatik und Ethik, historisch begründet und systematisch ausgeführt; 2.. Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie; 3. jüdische Homiletik, und zwar Darstellung der biblischen Homiletik, der Hagada und der ganzen Midraschliteratur, der rabbiuischen Homiletik, sowie der Theorie der modernen jüdischen Homiletik nach ihren Aufgaben, Stoffen und Formen; 1. homiletisches Seminar, in welchem Midraschstücke gelesen und homiletisch bearbeitet, sowie honriletische Uebungen vorgenommen werden. Wer irgend sachkundig ist, wird zugestehen, daß keine dieser Disciplineu fehlen dürfe, wenn das ganze Institut irgend auf genügende Wirksamkeit rechnen soll, daß wir vielmehr auf die Ausfüllung der Lücken in der Folge, sowie durch Privatdocenten, zählen. Ebenso erkennt man leicht, daß diese Lehrstühle wahrlich keine Sinecuren sind und tüchtiger Kräfte bedürfen. Hieraus folgt auch, daß 0000 fl. jährlich ungenügend sind. In Preußen ergiebt sich durchschnittlich für jede theologische Professur 120 Thlr. Gehalt, wobei dann auf die Collegicngelder als eine bedeutende Einnahme der Professoren gerechnet wird, da zwar die Theologie-Studirenden nur kleine Honorare *) Das Judenthum in seiner ganzen innern- und geistigen Entwickelung, nach feinen religiösen, ethischen, cnltuellen und culturhistorischen Momenten bildet den großen Inhalt der ersteren, sowie das ganze Schriftthum des jüdischen Stammes nach seinen vielseitigen Auszweigungen den der zweiten Disciplin, und ist ohne dieselben der Bestand der Facultät nicht zu denken. Dahingegen kann der weiteren Folge Vorbehalten bleiben: die politische Geschichte der Juden, die, abgesehen von den Einblicken, welche die Vorlesung über die Geschichte des IudenthumS in sie werfen muß, vorläufig getrost dem Selbststudium überlassen werden kann. Es wäre empfehlenöwerth auch ein literar-historisches Seminar hinzuzufügen, in welchem mit den Hörern ausgewählte Stücke aus der philosophischen, poetischen u. s. w. Literatur der Juden gelesen und Specialitäten sowie Bibliographie getrieben werden. Es ist nicht zu verkennen, daß das B. Moses in seinen Hauptstncken, die Reden der Propheten, Capp. 1 —9 der Sprüche u. s. w. von homiletischem Charakter sind. zu zahlen haben, aber durch ihre große Anzahl dafür entschädigen, und wenn sie wegen Mittellosigkeit nicht gleich zahlen können, später die gestundeten Honorare pünctlich abzahlen müssen. Diese Quelle der Einnahme wird für die Professoren der jüdischen Theologie wenig fließen, da ihre Zahl immer nur gering sein wird, wohl auch überhaupt diese ungerechte Einrichtung der Zahlung von Collegiengeldern bald von den deutschen Universitäten verschwinden wird. 1200 Thlr. wird demnach das geringste Gehalt eines Professors, zumal in den theuren Hauptstädten wie Wien und Berlin, sein können, und somit die jüdische höhere Lehranstalt in Wien mit mindestens 10,000 fl. jährlich ausgestattet sein müssen, in Berlin mit 0 - 7000 Thlrn. Wir glauben nicht, daß, da wir nur eine solcher Anstalten für Preußen und eine für Westösterreich fordern, dieser Anspruch irgendwie ein unverhaltnißmäßigcr und ungerechter wäre. Doch müssen wir hier noch eine Frage berühren, nämlich: wir haben feit 1837 wiederholt die Errichtung einer jüdisch-theologischen Facultät durch freiwillige Spenden unserer Glaubensgenossen befürwortet, während wir jetzt dieselbe ans Staatsmitteln hergestellt .verlangen. Nun, das Beste darf nicht der Feind des Guten sein, und da alle Versuche, das Ziel auf jenem Wege der freiwilligen Gaben zu erreichen, sich bis jetzt als unzulänglich erwiesen, so ist es keine Jnconsequenz, auf einem anderen Wege dahin zu gelangen. Bis zur neueren Zeit wäre es sehr thöricht gewesen, zu glauben, in Preußen und Oesterreich werde eine jüdisch-theologische Lehranstalt vom Staate errichtet werden. Dennoch ist dies in Oesterreich voraussichtlich, in Preußen möglich geworden. Vom Standpuncte der Gleichberechtigung ist es sogar eine Pflicht, es zu verlangen und so lange darauf zu dringen, bis es erfüllt worden. — Der eigentliche Einwand ist aber, daß der Einfluß des Ministeriums auf die Facultät, auf den Lehrplan und die Wahl der Lehrer, der nothwendiger Weise aus der Hergabe der Mittel fließt, die gesunde und kräftige Entwickelung des Instituts schädigen könne. Dieses Moment ist allerdings von Wichtigkeit, und würde eben die Wahl frei stehen, so würde man auch jene Unabhängigkeit bei Weitem vorziehen. Aber man schlägt diesen Einfluß und dessen Gefährlichkeit zu hoch an. Es versteht sich von selbst, daß der protestantische Minister bei der Wahl jüdischchcolvgischer Professoren ebenso wenig ganz freie Hand haben kann, wie er sie bei den katholischen hat, bei

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