Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1871)
- Date
- 1871-02-28
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 genügend behandelt werden, hier nicht wieder zu erscheinen brauchen.* 2 * * * *) Diese Lehrstühle sind: I. Ein Lehrstuhl für die biblische Wissenschaft,^) und zwar 1. Einleitung in die ganze Bibel und in die einzelnen Bücher derselben: 2. Bibelexegese, besonders der wichtigsten und schwiegt Es handelt sich hier nicht um ein Schema für die Wissenschaft des Iudenthums, um eine rubricirte Zusammenstellung aller hierzu gehörigen DiSciplinen (s. die Abhandlung über Encyklopädie und Methodologie der jüdischen Theologie Jahrgang 1^37 d. Z.j. sondern um die praktische Frage, welche Lehrstühle unentbehrlich, durchaus erforderlich sind, um den genügenden Kern einer sich entwickelnden Anstalt abzugeben. 3) Wir würden es für einen großen Jrrthum halten, wenn man an nehmen wollte, daß, da die Schriften des Alten Testaments auf der Universität in philologischer, exegetischer und didaktischer Beziehung reichlich behandelt werden, die Hochschule, wenigstens anfänglich diese außer Acht lasten könne. Hiergegen spricht einerseits, daß sich schwerlich noch ein Werk findet, besten Verständniß und Auslegung sich von vornherein nach den Confessionen oder nach der subjectiven kritischen Anschauung aus einen so specisischen Boden stellt, wie dies mit dem Alten Testamente der Fall ist. Der erste Schritt über das Philologische hinaus führt sofort in sehr gesonderte Anschauungen hinein, und die Behandlung geht alsbald von Stand- und Gesichtspuucten aus, welche durchaus verschiedenartig und von oft entgegengesetzten Resultaten begleitet sind. Das Iudenthum hat daher die Pflicht, die ihm ursprüngliche und in ihm entwickelte Anschauung geltend zu machen und durchzuarbeiten. Die wissenschaftliche Behandlung unsrer Bibel vom jüdischen Standpuncte ist daher das erste und unabweiölichste Erforderniß für eine Hochschule der jüdischen Wissenschaft. Andererseits aber ist es die eigenthümliche Richtung des Iudenthums unserer Zeit, sich theoretisch und praktisch zur Bibel wieder zurückgewandt zu haben. Bis zu unsrer Zeit hatte die traditionelle Auffassung innerhalb des Iudenthums eine so ausschließliche Herrschaft, daß alles Biblische nur durch die Augengläser der Tradition betrachtet wurde. Dies ist eben nicht mehr der Fall; unsre Wissenschaft geht in allen Puncten selbstständig aus die Bibel zurück; unsre Weltanschauung, der Gedankeninhalt unsrer Lehre schöpfen unmittelbar und nach eigner Forschung aus der Bibel; unsre Lehrer aller Stufen ziehen ihren Lehrstoff zumeist und zunächst aus der Bibel. Es ist daher gerade ein hoher Beruf der zu gründenden Facultät, die Bibel wistenfchaftlich auf dem jüdischen Standpuncte zu lehren. rigstcn Schriften und mit besonderer Berücksichtigung der jüdischen Exegeten aller Zeilen; 3. das biblische Seminar,') in welchem mit den Hörern ansgewählte Stücke der heiligen Schrift gelesen, über biblische Fragen diöcutirt und hebräische Stylübungen vorgenommen werden.'') II. Zwei Lehrstühle für die lalmudifche Wissenschaft, und zwar 1. die Sprache der Mischna und Gemara; (i) 2. Einleitung in die Mischna und die Gemara, die babylonische und jerusalemitische, in den ganzen Talmud, wie in die einzelnen Abtheilungen desselben; 3. Interpretation der wichtigsten Abschnitte mit Berücksichtigung der Commentatvren; l. die nachtalmudische Entwickelung der Halacha in Fortsetzung, Codisication, Response» und Bearbeitung, sowie die Ritualgesetze in ihrer gegenwärtigen Anwendbarkeit; - ü. das lalmudifche Seminar, in welchem mit den Hörern talmudische Stücke gelesen und interpretirt und Disputationen vorgenommen werden.7; ') Ueber den Begriff eines solchen Seminars s. Anmerkung 1. r,j Was die hebräische und chaldäische Grammatik, die syrische und arabische Sprache, die Geschichte der hebräischen Grammatik und Lexikographie,- die biblische Archäologie, die Geographie Palästinas u. s. w. betrifft, so können wir sie den vorhandenen Vorlesungen der Universität zuweisen, und die letzten drei Gegenstände der Privatdocentur und der weiteren Entwickelung überlassen. ü) Nur für die Sprache der Mischna sind die ersten Versuche einer wissenschaftlichen Bearbeitung bis jetzt geschehen, und es wird daher eine der ersten Aufgaben der Facultät sein, hierfür den Boden zu ebene»,. Zugleich ist zu erwägen, daß für das Talmudstudium die Facultät eine völlig neue Methode schasst, welche, den» alten Lehrwege gegenüber, mit einer wissenschaftlichen Sprachbehandlung beginnen muß, wenn sie irgend welchen Erfolg erzielen will. 7) Diese überaus wichtigen Gegenstände, welche zugleich zum ersten Male in den Kreis der Universitätsvorlesungen eingeführt werden, müssen ihrem Umfange nach in der Zukunft den anwachsenden Mitteln der Facultät gemäß ausgedehnt und Vorlesungen über die wichtigsten Specialgegenstände aus diesem Gebiete (wir heben hier als Beispiele das mosaisch-talmudische Rechtssystem in allen seinen Zweigen und talinudische Archäologie hervor) hinzugefügt werden. 9*