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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-28 · Heft 9 (28.2.1871) · p. Seite 170

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 9 (28.2.1871)
Date
1871-02-28
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 nöthige Terrain für denselben Gegenstand in Preußen geebnet wird. Die evangelische theologische Faeultät in Wien kostet, wie wir gesehen, dem Staate jährlich 2 1,000 st. Da nun die Zahl der Protestanten in Westösterreich nur die Hälfte der jüdischen Bevölkerung daselbst beträgt, so kann es keinem Zweifel unterworfen sein, daß, wenn C»0(i<j st. sich als eine zu schwache Ziffer erweist, die Erhöhung bis zur genügenden Summe zu fordern vollständige Berechtigung vorhanden ist. Die Frage, dies wollen wir noch einmal bemerken, nach dem Namen der zu errichtenden Anstalt, läßt uns gleichgültig. Wir werden darum die Sache nicht gefährden wollen. Hat doch jene Bezeichnung auch bei Juden Anstoß gefunden, und man hat daher in Wien wie in Berlin an andere Bezeichnungen gedacht. Was wir wollen, ist einfach: die Errichtung mehrerer Lehrstühle an einer großen Universität für die jüdische Theologie oder „die Wissenschaft des Judenthums," deren Inhaber einen Lehrkörper bilden, um a. die Vorlesungen nach einem bestimmten Plane zu halten, b. die Eandidalen zu prüfen, ihnen Befähigungszeugnisse auszustellen und, so es für nöthig erachtet wird, eine Titulatur zu ertheilen. J) Die weitere Frage ist nun, J) Eine Faeultät unterscheidet sich nämlich von einem „jüdisch-theologischen Seminar" in folgenden wichtigen Puneten. 1 > Die Faeultät hat die zwiefache Bestimmung, unmittelbar die Pflege der Wissenschaft des Iudenthums rntd die Ausbildung der Rabbiner, Prediger und höheren Religionslehrer zu erwirken, während ein Seminar nur die letztere zu seiner eigentlichen Aufgabe hat, und hierdurch nur die Wissenschaft an sich fördert. Dies macht aber einen großen Unterschied aus, denn das Seniinar wird sich nur die Frage vorzulegen haben, welche Disciplinen zur wissenschaftlichen Ausbildung solcher Männer erforderlich seien, während die Faeultät auch diejenigen Disciplinen berücksichtigen muß, welche eine rein wissenschaftliche Tendenz haben und zur Gesanuntheit der 'Wissenschaft gehören. 2) Dahingegen wird die jüdischtheologische Faeultät, da sie sich unmittelbar an die Universität lehnt, diejenigen Disciplinen außer Acht lassen können, welche anderweitig auf der Universität genügend vorgetragen werden, und nichts zu berücksichtigen haben, was nicht zur jüdischen Wissenschaft gehört. Das Seminar aber als eine für sich abgeschlossene Anstalt muß alle ihm nöthigen Disciplinen selbst beschaffen, und außerdem für die allgemeine wissenschaftliche Bildung seiner Zöglinge Sorge tragen und so z. B. classische Literatur, Mathematik u. s. w. in seinen Unterrichtskreis ziehen. 3) Und dies ist ein Hanptmoment, ist die Methode auf Faeultät und Seminar sehr verschieden. Jene wird ihren welche Lehrstühle sind nothwendig, um den ins Auge zu fastenden Zweck zu erreichen? Daß dieser Zweck in der wissenschaftlichen Darstellung aller zur jüdischen Theologie gehörigen Disciplinen und dann in der Ausbildung von Nabbinen, jüdischen Predigern und höheren Religiouslehrern besteht, brauchen wir nicht auszuführen. Aus der Anzahl dieser Lehrstühle ergiebt sich dann die ungefähre Höhe des Etats, die dazu erforderlich ist. Wir werden uns hierbei auf das Nothwendige und Unentbehrliche beschränken, in der Voraussetzung, daß eine fernere Entwickelung die sich herauöstellenden Lücken ergänzen werde und unter der Berücksichtigung, daß Gegenstände, die bereits auf der Universität anderweitig Hörern nach einem sorgfältig erwogenen Plane die Vorlesungen darbieten, es ihnen aber freistellen, wie sie diese und welche von ihnen sie benutzen wollen, während das Seminar in bestimmter schulmäßiger Weise den Uhterrichtsgang verfolgt. Wenn hiermit die Faeultät zunächst für die Wissenschaft selbst und für die geistige Bewegung ihrer Jünger Bedeutenderes leisten kann, auch dem eigenen Genius und den eigenthümlichen Anlagen der letzteren einen freieren Spielraum gewährt, und hierdurch für die Entwickelung des Iudenthums von großer Bedeutung ist, da sie der Einseitigkeit, der Uniformität und Abgeschlossenheit weniger leicht verfällt, so könnte mau die Frage aufwerfen, ob dies nicht mit einem geringeren Grade von praktischer Wirksamkeit erkauft werde? Wir könnten hiergegen nur auf die Erfolge der deutschen Universitäten verweisen, aus deren Hörsäälen das ganze Heer der praktischen Beamten des Staates und so vieler im Leben praktisch wirkender Männer wie Aerzte u. s. w. hervorgeht. Aber wir glauben, daß allerdings bei der Eigenthümlichkeit der Verhältnisse und Aufgaben unserer jüdischen Cultusbeamlen jenem Zweifel dadurch entgegengearbeitet werden müsse, daß mit den einzelnen Zweigen der Faeultät Veranstaltungen verbunden werden müssen, in welchen die praktische Seite in angemessener Methode vorzugsweise betrieben wird. Dies ist bereits bei mehreren Facultäten der Universitäten der Fall, und man hat mit einzelnen Facultäten B. ein philosophisches Seminar, ein historisches Seminar u. f. w. verbunden, in welchen nicht Vorlesungen, sondern Uebungen, Disputatorien, Ausarbeitungen u. s. w. seitens der Hörer vom Professor vorgcnommen werden. Solche Einrichtungen müssen an der jüdisch-theologischen Faeultät, wie wir zeigen werden, in recht ergiebigem Maße hergestellt werden, um auch in praktischer Beziehung bedeutende Resultate zu erzielen. Dies hat um so weniger Schwierigkeiten, als derselbe Lehrer, welcher Vorlesungen hält, auch den praktischen Uebungen vorstehen kann.

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