Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1871)
- Date
- 1871-02-21
- Page
- Seite 167 (sequence 19)
- Language
- German
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11)7 Von Ilimsk war ich nach Selenginßk gelangt, indern ich die Mündung der Uda in die Selenga überschritt und am linken Ufer der letzteren weitergegangen. Bon Selenginsk wollte ich mich nach Petropawlowsk begeben, diesem Stapelplatz chinesischer Waaren, die von da auf Floßfahrzeugen nach Rußland gesandt werden. In Selenginsk erhielt ich einen anderen Wagen mit drei munteren Kofakenpferdcn bespannt. Leider mußte ich aber meinen treuen Iwan Michailowitsch dort zurücklaffen, da er plötzlich erkrankt war; er sollte mich, wenn er sich erholt, in Petropawlowsk wiedertreffen. So war ich denn dem Postknecht und seinem Gespann überlaffen. Ich muß gestehen, daß mir derselbe wenig Vertrauen einflößte, denn, abgesehen von seinem außergewöhnlichen Schmutze, und das will was sagen bei den dortigen Knechten, sah er so dumm und beschränkt aus, daß er wenig von Menschenverstand zu besitzen schien. Allein der Postmeister versicherte mir, daß er den Weg, von Straße konnte keine Rede sein, genau kenne, und übrigens war er der Einzige seiner Art, der augenblich aufzutreiben, und so mußte ich schon auf mein gutes Glück mich verlaffen. Der Mensch war auch wirklich kaum im Stande, auf eine an ihn gerichtete Frage zu antworten, wozu freilich auch das wenige Russisch beitragen mochte, das ich mir biß dahin zu eigen gemacht. Wir fuhren ab, und die Pferde liefen so schnell und so ununterbrochen im raschen Fluge, daß ich das Ziel meiner Reise am Abend zu erreichen hoffte. Es war aber anders in den Sternen geschrieben. Der Weg, den wir fuhren, war sehr abwechselnd, bald bergauf, vergab, bald durch ein Stück Wald oder um die Ecke eines solchen, bald rechts, bald links, so daß ich die Richtung völlig verloren halte. Fragte ich den Kutscher, ob wir auch auf dem rechte Wege seien, so nickte er, und rief: „Weiß Bescheid!" und wies rechts hin mit der Bemerkung: „Selenga rechts." Die Gegend war durchaus still und einsam, keine Spur von Menschenwohnung und Menschenarbeit. Gegen Mittag, die Sonne brannte heiß von der Höhe des Himmelsgewölbes herab, machten wir eine Stunde Rast am Saume eines Waldes, wir verzehrten einen Theil der mitgenommenen Speisen, und unsere Pferde ließen sich das frische Gras am Abhang eines Hügels schmecken. Dann ging es weiter im rasenden Galopp, eine Stunde und noch eine Stunde. Wir fuhren langsamer. Ich gewahrte, daß der Kutscher sich oft nach allen Seiten umschaute, bisweilen eine andere Richtung einschlug, und endlich gestand er auf wiederholtes Fragen zu, daß er den Weg verloren, so weit wäre er niemals gekommen, und er wisse nicht, wo wir wären. Das war eine niederschmetternde Eröffnung. Das Land, durch welches wir fast seit dem Morgen gekommen, zeigte so gar keine Spuren des Anbaus, wir waren vom Flußgebiet offenbar schon so weit entfernt, daß ich aus der Figuration des Bodens nichts entnehmen konnte. Der Compaß belehrte mich, daß wir viel zu viel nördlich gefahren, um nach Petropawlowsk zu gelangen. Es war. also die . Aussicht gegeben, in der Wildniß übernachten zu müffen j und vielleicht Tage lang umherzuirren, bevor wir nach : einem Städchen oder Dörfchen kämen. Ich suchte mich, - so gut es ging, zu orientiren, und da mir das Ersteigen einer Anhöhe nichts weiter gezeigt als ein Chaos unre-! gelmäßig ziehender Hügel, Wald und Steppe, so entj schloß ich mich kurz, wies den Kutscher an nach Osten; zu fahren, um sobald.wie möglich wieder in die Nähe des Flußes zu kommen. Ter Mensch ließ seinen Aerger an den drei wackeren Pferden aus, die in ihrer Unermüdlichkeit pfeilschnell davonflogen, wie auch das Terrain beschaffen war, und wobei ich nur wie durch ein Wunder dem Mißgeschick, sammt dem Wagen zerschmettert zu werden, entging. In der Physiognomie der Landschaft änderte sich nichts, mochten wir auch Werst nach Werst zurücklegen. Es sing bereits an zu dunkeln. Mit schwerem Bangen blickte ich hinter mich auf die Sonne, welche dem Rande scharf Umrissen er Berge, die jetzt den Hintergrund schloffen, sich zusenkte. Wäre mein Gelnüth freier gewesen, hätte ich die Gegend, wie sie jetzt noch mir in der Erinnerung vorschwebt, mit Bewunderung angeschaut. Der Himmel wölbte sich wolkenlos, nur einige Abendwölkchen begannen sich zu röthen, und der Horizont ging von der Bläue in licktes Grün über. Die Wälder kleideten sich in ein dunkles Blau, .während die Hügel von den Sonnenstrahlen golden schimmerten. Gegen Norden erhoben sich die Berge zu einer bedeutenden Höhe und der höchste derselben schimmerte von silberweißem Schnee. Noch blickte ich nach der untergehenden Sonne und dem schneebedeckten Berggipfel, als mein Kutscher einen furchtbaren Schrei ausstieß, und den Ruf „Wolf! Wolf!" hören ließ. Ich blickte erschrocken nach vorn, und sah. allerdings noch von fernher ein mächtiges Thier in großen Sätzen auf unser Gespann heraneilen. Der Kutscher riß eben die Pferde herum, in der Flucht unser Heil zu suchen, als wir aus dem gegenüberliegenden Walde ein anderes Exemplar dieser gefräßigen Raubthiere auf uns losstürzen und uns noch näher bedrohen sahen. Jetzt war an ein Eutkounnen nicht mehr zu denken. Der Kutscher duckte sich unter die Lederschürze und hoffte wahrscheinlich, daß die Wölfe sich mit den Pferden genügen lassen würden. Die Pferde, welche anfänglich gebebt und gezittert, geriethen jetzt in eine außerordentliche Aufregung; sie bäuinten sich hoch auf, dann wieder wandten sie sich um und wollten ihre Hinterhufen frei haben, um sich gegen die Wölfe zu vertheidigen, wodurch sie sich in die Stränge verwickelten, daß sie bald ganz gefangen waren. . Ich selbst hatte mich in dem offenen Wagen aufgerichtet, nachdem ich aus einem Kästchen meinen Revolver genommen. Ich wollie den herankommen- ■ den Wölfen Feuer entgegenblitzen laffen, damit sie sich aus Scheu vor demselben wieder entfernten. Aber, o Unheil! da ich ich ihn seit undenklicher Zeit nicht gebraucht, hatte mein treuer, aber sehr fauler Iwan Michailowitsch ihn ungeladen gelaffen. So war alle Ret-