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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-21 · Heft 8 (21.2.1871) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 8 (21.2.1871)
Date
1871-02-21
Page
Seite 166 (sequence 18)
Language
German
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166 ob sie durch Jrrthum und Bosheit, oder als Opfer der Tugend und des Rechtes gefallen. Und welch' ein Wort des Gebetes könnte nun heute auf unseren Lippen liegen, als daß: erfülle unsere Hoffnung. laß die lichten Aussichten sich nicht wieder trüben, sende uns den Frieden, den ganzen, vollen Frieden'. Der Prophet spricht: Tropfen am Eimer sind die Völker, Staubkorn auf der Waagschale die Nationen. Ja, vor der Allmacht des Herrn - - aber vor der Liebe, vor der Allgüte des Herrn sind sie die Hügel, auf denen die Eedern des Libanon wachsen und daS Gewild des Feldes weidet und die Vögel des Himmels nisten, sind sie die Berge, in welchen die Schätze des Goldes und das strahlende Edelgestein, sind sie die Ströme und Meere, welcke die Fluren befruchten und die Luft mit Segen erfüllen! Darum, Herr, laß die Nationen sich nicht aufreiben und vernichten im blutigen Kampf, laß die Völker einander nickt ins Verderben stürzen, in den tiefen Abgrund, aus welchem sie sich nicht wieder zu erheben vermögen, gieb ihnen den Frieden! Sende über die Versammlung des einen den Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rathes und der Besonnenheit, und festige in den Führern des anderen den Geist der Mäßigung und der Billigkeit, der Milde und Schonung — auf daß sie sich treffen auf ihrem Wege, in der Demuth vor Dir und in dem Bewußtsein Deines Willens zum Frieden kommen! So möge bald durch die Länder der Ruf erschallen: Zu Ende ist der Kampf, vorüber der Krieg, in die Heimath ziehen die Heere, der Friede ist da! Das Jndendorf in Sibirien. Erzählung cincs Rciscrwcn. 1. Rußland ist das Land der Rathsel und der Geheimnisse. In den europäischen Ländern kennt man es nur von Der Oberfläche her. Aber auch unter den Rusien selbst giebt es nur sehr Wenige, welche viel von ihm wissen. Denn das Reich ist so ausgedehnt, erstreckt sich durch so viele Klimate, faßt so verschiedene Ländergebiete, so unzählige Völkerschaften von den mannigfaltigsten Sprachen und Sitten und so getrennten Culturstufen zusammen, daß man am Ende einer Provinz nicht weiß, was Alles am anderen Ende vorhanden, und nur Derjenige bildet sich eine Vorstellung davon, welcher viel und lange darin umherreist. Dies war nun bei mir der Fall, und dennoch mag ich nickt behaupten, daß ich eine genaue Kenntniß selbst nur eines Theiles dieses nach seinem Umfange größten Reiches, welches jemals auf diesem Erdenrunde bestanden, besitze. Ich war als praktischer Geolog in den Dienst der russischen Regierung getreten und hatte bereits große Reisen im Kaukasus und Ural gemacht, theils um Forschungen über die geologische Beschaffenheit der von mir bereisten Länderstriche anzustellen und deren Ergebnisse in Karlen zu verzeichnen, theils uin besonders nach Metallgängen zu suchen, und so, wenn mir das Glück günstig war, Fingerzeige für Bergbau zu sammeln. Beschwerden hatte ich genug zu ertragen, Kenntnisie erwarb ich mir in einem schönen Umfange, aber daß ich solche Funde gemacht, welche bei den Menschen am höchsten in der Achtung stehen und die mir den besonderen Beifall der Regierung zugezogen hätten, kann ick gerade nicht sagen. Bergbau, der großartigen Gewinn au edlen oder auch nur nutzbaren Metallen beabsichtigt, gleicht einer Lotterie, in welcher weder der Fleiß, noch der Scharfsinn, sondern der Zufall entscheidet. Vielleicht war ick auch zu sehr Deutscher, der die Dinge zu gründlich und zu wissenschaftlich nahm, und den eine eigenthümliche Steinformation so beanspruchte, daß er darüber Alles andere vergaß und der wissensckafrlichen Erforschung derselben eine Zeit zuwandte, die jeder Andere für verloren hielt. Doch dies interessirt uns nicht weiter. Im Sommer 1868 war ick nach dem südlichen Sibirien beordert, und hatte mich rechtzeitig auf den Weg gemacht, um den kurzen Sommer zu benutzen und namentlich bis an die ckinesische Grenze so weit vorzudringen wie möglich. Man irrt, wenn man das ganze Sibirien, dieses ungeheure Landgebiet, welches durch so große Ströme von Süden nach Norden durchstoßen wird, unter Schnee und Eis vergraben glaubt. Vielmehr hat es, besonders in seinem südlichen Theile, einen zwar kurzen, aber sehr heißen Sommer, der freilich ohne Frühling und Herbst sich schnell aus den eisigen Umarmungen des Winters losreißt, und ebenso schnell wieder in dieselben zurücksinkt. Es giebt dort ausgedehnte Striche, wo Hafer und "Roggen gedeihen und wo bei besonderer Pflege der Gartenbau nickt ohne reichen Ertrag bleibt. Viele dieser Landschaften sind zu dieser Zeit mit großen Reizen geschmückt, die dem Auge um so mehr wohlthun, je weniger es sie erwartet und je mehr es sich danach sehnt. Der Boden ist dort hügelig und erhebt sich hier und da zu ansehnlichen Bergzügen. Die unabsehbaren Fichtenwälder sind dann und wann von lichten Birkenhainen unterbrochen und grenzen dann an weite Ebenen, die, unermeßliche Steppen, wenn man es mit den weiten Entfernungen nicht genau nimmt, von zahlreichen Flüsien durchschnitten werden. Jeder, der eine solche Gegend schon einmal bereifte, weiß, welch' einen tiefen Eindruck es auf das Gemüth macht, wenn man aus den Thälern und Schluchten eines Gebirges und dem Dickicht tageweiter Wälder hinaustritt, und nun das Auge über eine unabsehbare Ebene schweift, deren Saum sich in gelblicher Färbung mit dem Horizonte vermählt, eine Ebene, die durch Nichts unterbrochen, nicht von Städten und Dörfern besetzt, des Lebens beraubt in majestätischer Einsamkeit seit dem Anbeginn der Schöpfung so zu ruhen, der ewigen Stille sich zu erfreuen scheint.

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