Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1871)
- Date
- 1871-02-14
- Page
- Seite 146 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Von dem Klosterdache schweift Ihr Auge über Meer und Sand, Walv und Ebene, Hügel und Stadt, über die Landschaft, die ihre Schönheiten vor Elia ausbreilete, als er die Wolke vom Meere aussteigen sah. Zu Ihren Füßen toben die blauen Meereswogen; hier ist die arabische Stadt Haifa; dort, jenseits der Bai, liegt Acre mit seinen weißen Mauern, Minarets und Thürmen; oberhalb jener Stadt steht das kühne Vorgebirge Capo Blanco, eine syrische Nachahmung der Dover- Klippe. Jenseits dieses Küstenbildes liegen, dem Auge unsichtbar, dem Gedanken niemals fern, im Meer und Sand begraben, die Paläste von Tyrus und die Ruinen von Sarepta: jenes Tyrus, das Josua als eine feste Stadt bezeichnte, jenes Sarepta, in welchem Elia der Wittwe Sohn wiederherstellte; und genau auf der Stelle, wo Sidon, die Mutter von Karthago und Cadiz, eine Stadt, die älter war als Jerusalem, eine 'Nebenbuhlerin von Damaskus, lag, steht das arabische Dorf Saida, ein Haufen Mauern und Gärten, einige gelbe Häuser und eine Moschee. Von der Küste oberhalb Sidon aus steigen die Höhen des Libanon auf, Schulter auf Schulter, hoch über die Grenze des ewigen Schnees. Ties sind die Cedernberge, mit den Maroniten und Drusen bevölkert. Höher als die übrigen schwingt unter jenen Höhen der Hermon sich empor: der heilige, der schöne Hermon, mit seiner kühnen Vorderwand, seiner schneebedeckten Spitze und seiner leuchtenden Wolke; die Alpe Israels, sichtbar von dessen hohen Orten aus, in Norden seine Grenze, gleich einem Stern ihm überall in's Auge glitzernd. Der Senkung an seinem Fuße entströmen die Wasser des Jordan. Zwischen diesen vier natürlichen Grenzen — dem Hermon in Norden, dem Jordan in Osten, dem Karmel in Süden, dem großen Meer in Westen — liegt die Provinz Galiläa. Der Sec Scnezarcth (Chinnereth, Liberias, Galiläifches Meer). In einer tiefen und schmalen Mulde liegt der Binnensee Genezareth: ein kleiner und lieblicher See, der Zuger-See Palästinas, von den Armen eines Kreises winziger Alpen umschlossen und durch eine Menge Ströme und Wasserfälle gespeist. Äm Sommer lag seine Oberfläche sechshundert Fuß unter dein Spiegel der Bai von Acre. Das Wasser war frisch und gesund, den Lippen des Menschen und Thieres angenehm und im Verhältnis zu der geographischen Breite und dem Niveau betrachtet, war es außerordentlich kühl. Ließ man es in einem Kruge in der freien Luft stehen, so wurde es so kalt wie der künstliche Schnee, mit welchem die Bewohner seiner Ufer ihre Speise und ihren Trank abzukühlen pflegten. Juden, die in Aegypten und Italien gelebt hatten, sprachen von dieser Kühle des galiläischen Sees als einem Wunder der Natur und meinten, um sie vollständig zu würdigen und zu genießen, müsse man in Syrien geboren sein. Eine Folge dieser Frische im See war das schöne und gegen einander abstechende Laubwerk an seinen Ufern; denn da die Sonne heiß und das Wasser kalt war,' so sah man in den Gärten seiner sonnigen Küsten viele Bäume und Pflanzen, die gewöhnlich einander fremd sind, wie die caspische Wallnuß, die syrische Feige und die Nilpalme, in Gruppen beisammen wachsen. Der See war gegen dreizehn Meilen lang und sieben Meilen breit, an Gestalt einer Feige ähnlich, deren unteres Ende nach Süden lag. Fische gab es in großer Menge und vielerlei Arten. Die Tiefe des Wassers änderte sich mit der Zeit des Jahres; am höchsten stand es nach dem Regen im October; aber selbst in den trockenen Sommermonaten war es tief genug, um römische Kriegsschiffe zu tragen. In der westlich vom See liegenden Gegend stiegen die Berge allmälig an und waren der Farbe nach fast grün; sie wurden jedoch immer höher und kahler, je weiter sie sich nach dem Hattin und dem Tabor, den beiden Hauptgipfeln dieser Bergkette, hinaufwälzten. Jenseits des Sees, auf dem östlichen Ufer, war die Steigung kühner, das Grün spärlicher, der Felsen abschüssiger und schroffer. Ja, das Erbtheil Manasse's, das östlich vorn Jordan und dein galiläischen See lag, war ein wildes und schwer zugängliches Land, eine Gebirgswüste, mit einigen reißenden Bergströmen, einigen kahlen Strichen Hochland und über diesen Wüsten mit einer feldlagerähnlichen Reihe unzugänglicher Spitzen. Die Natur hatte durch ihre Wahrzeichen den Menschen eingeladen, aus den westlichen Ufern des Sees zu wohnen, wo sie die sanften Abhänge zugänglich gemacht und ihre erfrischenden Quellen verborgen hatte. Auf der Ostküste war hier ein Städtchen, dort eine größere Stadt gebaut worden, wie jene großen Städte Hippos und Gamala, die in den römischen Kriegen eine traurige Berühmtheit erlangten. Auf dem galiläischen Ufer dagegen drängten die freundlichen Städtchen und Dörfer sich an einander, wie in unserer Zeit rings um die Küsten des Comer- und Genfer-Sees Villen und Weiler funkeln. Auf jedem Fleckchen Lehmboden, in jeder Felsenspalte, auf jedem sanft ansteigenden Hügelchen stand eine Gruppe steinerner Hütten, die Wohnungen von Schnittern und Fischern; denn jeder Weiler hatte sein bischen unebenes Getreidefeld, seinen schmalen Rand mit Weinstöcken und sein winziges Sandgestade. Da manche der nahen Bergspitzen vulkanisch waren, so waren von ihnen gewaltige Massen Basaltgestein herabgestürzt und lagen längs der Küste, besonders nach Kapernaum hin. Der Jordan war natürlich da, wo er sich in den See ergoß, von einer breiten Marsch umgeben. Der hauptsächlichste Baum in dieser Landschaft war die Palme. Längs dem Gestade lag alle zwei bis drei Meilen eins der funkelnden Städtchen. Bethsaida, ein Fischerort, wie schon der Name andeutet, stand am Jordan, ein Stückchen oberhalb der