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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-14 · Heft 7 (14.2.1871) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 7 (14.2.1871)
Date
1871-02-14
Page
Seite 136 (sequence 12)
Language
German
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136 Der rabbinischc Jude, sagt Redner, vertrage sich ganz gut mit dem jüdischen Staatsbürger, vr. Friedenthal sucht den Vorwurf, der den Juden häufig gemacht wird, zu entkräften, daß ihre Gebete um Erlösung und Rückkehr nach dem gelobten Lande ein Verrath am Vaterlande seien. An dem Tage, wo alle Juden von Gottescrkenntniß beseelt sein werden, sei Jerusalem wieder zum Ecntrum der Nation bestimmt. (Stürmischer Jubel.) vr. Friedenthal beantragt im Falle der Nichtbeachtung des Protestes Lossagung von der Eultusgcmcinde. Pultzer, der Vorstand der Josephstädter Juden, will den Protest vorläufig vertagt wissen, wird aber während seiner Ausführungen unterbrochen. Es entsteht ein laug anhaltender Tumult, und erst nach einer Viertelstunde gelang es dem vr. Frankel, die Ruhe hcrzustellen und das Wort zu ergreifen. Er opponirt dem Vorredner und spricht sich gegen jeden Aufschub aus.' Gleich dem Engländer, der auf London stolz sei, gleich dein Katholiken, der sich sein Rom nie nehmen läßt, (?) brauche sich auch der Jude Jerusalems nicht zu schämen, der Wiege seiner Eultur, aber nicht auch seiner Gebete. Der Redner wünscht schließlich, das Ministerium für Eultus und Unterricht mögen eine allgemeine jüdische Synode einbcrusen. * *) Der laute Beifall, welcher dieser Rede folgt, weicht aber schnell einer lärmenden Scene, als ein Missionsprediger die Tribüne, recte Kanzel betritt und für die Reform Propaganda machen will. Schon bei den ersten ein Urtheil amnaßen, die Ihr keine Fachmänner seid! Bringen sie Gutachten von Rabbinen vor, so heißt es: diese Rabbinen haben unser Vertrauen nicht. Vereinigen sich Rabbinen und Laien, so ist cs eine ungesetzlich constituirte Versammlung, und noch dazu im Auslande. Dies ist ein Drehen im Kreise herum. Warum sagt Ihr nicht einfach: es giebt keine Versammlung, keine Rabbinen und Laien in der Welt, welche ein Jota an dem ganzen Gebetbuch und Machsor und an allen Formen und Minhagim des jüdischen Gottesdienstes zu ändern auch nur das leiseste Recht haben. Das wäre klar und ehrlich. Eorresp. *) Das Beispiel, welches das Schicksal des jüdischen Eongresses in Ungarn, der doch nur die Vcrfassnngsfrageu behandelte, gegeben, wird wohl schwerlich den österreich. Eultusminister zur Berufung einer Synode reizen, welche stricte religiöse Fragen zu discutircn hätte — und dieselben Protestirenden würden gegen diese Synode anstreten, wenn sie, wie doch immerhin möglich, Beschlüsse gleich denen der Wiener Gemeindevertretung faßte. Eorresp. Worten werden Schlußrufe laut und wird von allen Seiten verlangt, dem Missionär das Wort zu entziehen. Der Vorsitzende thut cs erst, als der Redner die Gebete der Juden angreift und sie unnütz nennt. Die Aufregung war aber schon so hoch gestiegen, daß viele der Anwesenden sich zur Kanzel drängten und den Missionsprcdiger hcrabzogen. Nachdem sich der Lärm gelegt, wurde zur Abstimmung geschritten und der Protest mit großer Majorität angenommen. Noch am Abend wurden etwa 600 Unterschriften gesammelt. Der Protest wird in allen Bcthäusern auflicgen.*) Wien, 1. Februar. lPrivatmitth.) In Folge der Beschlüsse des Vorstandes bezüglich der gottesdienstlichen Reformen versammelten sich die sogenannten Orthodoxen in ihrer Synagoge und beschlossen einen Protest, in welchem hervorgehoben wird, daß der Vorstand nicht berechtigt gewesen sei, da er aus Laien zusammengesetzt ist, derartige Beschlüsse zu fassen. Ich möchte mir erlauben folgende Bemerkungen zu diesem Proteste zu machen. Es wird niemand billigen, daß irgend ein Rcligionszwang ausgeübt werde. Durch die Beschlüsse des Vorstandes wird jedoch auf jene Herren kein Zwang irgend welcher Art geübt, da sie in ihren Synagogen nach wie vor nach ihrer Weise selig werden können. Zu einem Proteste könnten diejenigen, welche Sitze in den beiden Gotteshäusern der Gemeinde haben, berechtigt sein; diese haben jedoch vorläufig keine Bemerkungen erhoben. Der Vorstand hat übrigens nicht aus eigener Initiative die Fragen aufgeworfen. Seit einem halben Jahrhundert und noch länger werden sie von Fachmännern vcntilirt, und überdies lag ihm das Substrat *) Ob der Gemcindevorstaud nachgebeu oder bei seinen Beschlüssen stehen bleiben werde, wissen wir nicht. Würde die Majorität sich gegen sie erklären und eine entgegengesetzte Strömung sich garnicht kundthnn, so würden wir cs nicht ausfällig finden, wenn der Vorstand die Beschlüsse a<1 acta legte. Diese Beschlüsse sind in der That durchaus nicht so wichtig für die Verbesserung des Gottesdienstes, und der Vorstand hat gerade die für diese wichtigeren Anträge fallen lassen, daß es eines wirklichen Kampfes garnicht werth wäre. Der Vorstand würde dabei nur das Schicksal haben, das Alle trifft, welche zwischen zweien Parteien, d. h. zwischen zweien Bedürfnissen mitten inne stehen wollen. Eorresp.

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