Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1871)
- Date
- 1871-02-14
- Page
- Seite 131 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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131 fastung zu bewerkstelligen. Die einzelnen Stadien, vie vielen und umfangreichen Documente, die Beurtheilung derselben und culturhistorische Bemerkungen füllen die vorliegende Schrift aus. Der Verf. strebt danach, sich über den Parteien zu erhalten, ihre Mängel und Vorzüge, ihr Recht und Unrecht unparteiisch zu würdigen. Ob ihm dies überall gelungen, ob das Zünglein seiner Waage stets gerade die Mitte hielt und nicht hier und da mehr nach einer Seite gravitirt, und zwar nicht auf die der Congreßfreunde, maßen wir uns, als fern vom Schauplatz, zu entscheiden nicht an. Zwei Bemerkungen, die sich uns aufdrängten, wollen wir nicht verschweigen. Die erste, daß sich eine nicht zu übersehende, Analogie zwischen den Wegen, welche die orthodoxe Partei in Ungarn eingeschlagen, und denen derselben Fraction in Berlin ergiebt. Dort wie da strebte jene, so lange sie das Heft in Händen zu haben glaubte, nach einer sehr festen und zusammenhaltenden Verfasiung der jüdischen Gemeinden, wohl ausgerüstet mit einer strengen „Kirchenzucht;" sobald aber die Gefahr bevorstand, daß die Zügel ihrer Hand entgleiten und in die einer anderen Richtung, sei sie auch noch so gemäßigt und zu gerechten Zugeständnisien geneigt, übergehen würden, machte sie Front gegen jede Organisation und stellte sich auf den Boden unbedingter Gewissensfreiheit, unbekümmert ob diese mit ihren eigenen Grundsätzen übereinstimme oder nicht. Andrerseits scheint uns die Arbeit Löws gerade die Congreßidee, d. h. die Tendenz nach einer Organisation der jüdischen Gemeinden in Ungarn, dadurch zu rechtfertigen, daß er zeigt, wie sie nicht an sich etwas Willkürliches ist, sondern in einer achtzigjährigen Entwickelung, also in einem geschichtlich sich erwiesenen Betz ürfniß wurzelt. Wenn man z. B. die Geschichte der Juden in Preußen während dcsielben Zeitraums betrachtet, so findet man auch nicht die geringste Spur eines Strebend nach einer solchen Organisation. Es wurde niemals, weder von Seiten der Gemeinden, noch der Negierung, der Versuch gemacht, oder von den ersteren der Wunsch ausgesprochen, eine organisatorische Verfasiung zu erlangen; die Gemeinden wollten stets autonom und für sich bestehen bleiben, und selbst die Vereinigung einiger kleinen Nachbargemeinden mit einer größeren zu einem sg. Synagogenbezirke, die das Gesetz vom 23. Juli 1847 bewerkstelligte, wird sehr ungern ertragen. Tauchte hier und da einmal der Gedanke einer Consistorialverfasiung für die Juden in Preußen auf, so wurde er alsbald perhorrescirt. Man kann also nicht verkennen, daß dieses so consequent sicb wiederholende Streben in Ungarn auf ein inneres Bedürfniß hinweist. Inwieweit nun die Congreßstatuten entsprechend und der Gewisienßfreiheit zusagend seien, darüber wollen wir nicht urtheilen und haben ein solches Urthcil auch noch nicht ausgesprochen. — Vermeiden wir also hier eine Ansicht nach der materiellen Seite kundzugeben, so gestalten wir uns doch über die Schrift LöwS nach der formalen Seite eine Meinung zu äußern. Seit langer Zeit ist Löw beschäftigt, eine Geschichte der Juden in Ungarn zu verfasien und hat dazu ein überaus reiches Material gesammelt. Wir können dies nur mit Freude begrüßen und hegen von der Reichhaltigkeit der zu erwartenden Leistung eine große Meinung. Löw ist mit außerordentlichem Fleiß und Geschick zum Sammeln des Stoffes und mit tüchtiger Schärfe der Kritik begabt. Als Geschichtsforscher fleht er daher mit in erster Linie. Dahingegen können wir aus dem vorliegenden Werke seine Befähigung als Geschichtsschreiber noch nicht genügend erkennen. Dazu gehört vor Allem, sich von der Fülle des Materials nicht beherrschen zu lasten, sondern es zu beherrschen, nicht jede aufgefundene Notiz anzubringen, sondern den gefammten Stoff zu sichten, das Unentbehrliche, Prägnante und Charakteristische aus der Maste zu scheiden, und alles Nebensächliche und Documentarische aus dem Texte heraus und in etwaige Anhänge zu bringen. Dadurch allein wird der Zusammenhang, die Entwickelung und der Charakter zur Anschauung gebracht. Hier ist dann die weitere Kunst nothwendig, angemessen zu gruppiren, das Wesentliche hervortreten zu lasten und hierauf das Licht zu concentriren. Endlich gilt es, überall mit wenigen Strichen prägnant und entschieden zu zeichnen, oder bester, die Gestalten und Vorgänge sich zeichnen zu lasten. Diese Eigenschaften sind zur Geschichtsschreibung durchaus erforderlich: nicht Anhäufung des Materials, nicht Menge der Notizen, nicht redselige Besprechung, nicht Zurückgehen bald auf diese oder jene Zeit, wodurch eher Verwirrung als Aufklärung, eher Verdunkelung als geschichtliches Verständniß bewirkt wird, machen den Werth eines Geschichtswerkes aus. Je größer wir daher uns die Hoffnung auf Lews Geschichtswerk gebildet haben, desto eher glaubten wir auf Grund des vorliegenden Werkes, das für seinen Gegenstand so verdienstvoll ist, uns oiese Bemerkung gestatten zu dürfen. — — Da wir einmal in Ungarn weilen, so wollen wir noch zweier uns zngekommenen Schriften erwähnen. mbsn Izrae!