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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-14 · Heft 7 (14.2.1871) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 7 (14.2.1871)
Date
1871-02-14
Page
Seite 128 (sequence 4)
Language
German
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128 an diesem in Erfüllung gehen würden. Zn diesem Volkscharakter beruht es, daß eineniheils die Vorgänge übertrieben und ins Wunderbare gesteigert werden, wie z. B. daß die Sara sieben Männer heirathete, die sämmtlich in der Brautnacht starben, daß Wundercuren gemacht werden u. s. w., anderntheils zur Abwickelung der einfachen und persönlichen Borgänge der Erzengel Raphael in Menschengestalt und der böse Geist Asmodi als Liebhaber der Sara in Scene gesetzt werden. Jndeß ist die eigentliche Geschichte gut erfunden und in geschickter Weise an geordnet. Der Gedanke des ganzen Buches ist, zu zeigen, wie sich selbst an die besten Handlungen gerechter und frommer Menschen großes Mißgeschick knüpft, das aber durch ^unmittelbares Walten Gottes in segensreiches Heil schließlich sich wandelt. Demungeachtet ist die Lehre, daß das Mißgeschick gerechter Menschen eine Prüfung sei, welche zur Entfaltung und Stärkung ihrer sittlichen Kräfte dienen soll, wie bas Buch Hiob sie begründet, hier nicht vorhanden, also nicht als in das Bolksbewußtsein übcrgegangen erwiesen. Vielmehr wiederholt das Buch die Anschauung, daß jeder Mensch sündige, also auch der Gerechte, und daß das diesen treffende Mißgeschick eine „Züchtigung" sei, durch welche der Gerechte dieser seiner Schuld ledig wird, so daß die Gnade Gottes um so reicher über ihn sich ergießen könne. Es kommt dabei nicht darauf an, ob dieser Gerechte der von ihm begangenen Sünden bewußt sei oder nicht; er hat sein Unglück als eine solche verdiente Züchtigung anzusehen, also auch von ihm verübte Sünden vorauszusetzen. Es sind dies im Grunde dieselben Ansichten, welche die Freunde Hiobs so weitläustg auseinander setzten, und insofern stellt Tobit ein Gegenbild zu Hiob auf, freilich ohne besondere Tiefe und ohne poetischen Gehalt. Denn Tobit setzt sehr ausführlich seinen frommen und sittlichen Lebenswandel auseinander, wie er die Vorschriften des Gesetzes, sowohl als er noch im heiligen Lande wohnte (Wallfahrt nach Jerusalem, Erstlinge und Zehenten), als auch in der Verbannung (Speisegesetze und Gebet), streng beobachtete, die von den assyrischen Herrschern Hingerichteten Juden heimlich und mit großer Lebensgefahr begrub und überaus wohlthätig war, ohne daraus eine völlige Schuldlosigkeit und darum einen Vorwurf gegen die Gerechtigkeit Gottes in seinem Mißgeschicke zu ziehen, sondern seine, obwohl ihin verborgene, Sündhaftigkeit anerkennend und sich der verzeihenden Barmherzigkeit Gottes überantwortend. Zu bemerken ist dabei wohl, wie der Verfasser Tobit durch Fügung aus seinen besten Handlungen das Unheil erfahren läßt. Ihm ist zum Wochenfeste ein köstliches Mahl bereitet; da sendet er seinen Sohn aus, um Arme zu holen, die an dem Mahle Thcil nehmen sollten. Dieser kehrt zurück und meldet dem Vater, daß er wieder die Leiche eines Hingerichteten Glaubensgenossen gefunden. Tobit macht sich auf von seinem Mahle und begräbt die Leiche, obschon er wegen ähnlicher That hatte flüchtig werden müssen und kaum bennadigt worden. Wegen der Berührung des Todten ist er unrein und legt sich an die Mauer seines Hauses. Hier werfen ihm Schwalben ihren heißen Koth in die Augen und er erblindet. Offenbar ersetzt diese Erzählung die große Scene in Hiob, wo Satans Einwand das unverdiente Unglück Hiobs herbeiführte. Fehlt nun unserem Buche die Tiefe, die strenge Dogmatik und der dichterische Glanz jener Einleitung des Buches Hiob, so kann man doch nicht verkennen, daß jenes dem wirklichen Leben näher steht und die tägliche Erfahrung einfacher vorführt. Zn naiver Weise besteht denn auch das zurückgekehrte Glück Tobits in sehr langem Leben, großer Nachkommenschaft und Reichthum, wie dies auch bei Hiob der Fall war. Wir wollen hiermit nicht behaupten, daß der Verfasser des Buches Tobit wirklich die Absicht hatte, ein volksthümliches Pendant zum Buche Hiob zu geben; er hat es aber gethan, was leicht aus dem wirklichen Leben, dessen Wandelbarkeit und den daraus entstehenden Fragen, die den Menschengeist zu allen Zeiten bewegen, erfließen konnte. Man erkennt übrigens hieraus, daß im jüdischen Volksleben die in diesem Buche ausgesprochene Anschauung die bleibende geworden. Die beiden Bücher „Sprüche Sir ach s" und „Weisheit Salomonis" schließen sich unmittelbar an die biblischen Sprüche Salomonis an. Wenn das crstere auch manchen glücklichen Gedanken und einen zutreffenden Ansdruck für ihn enthält, auch im Ganzen einen zusammenhängenderen Faden verfolgt, als dies in den Sprüchen Salomons der Fall ist, so steht es doch an Mannigfaltigkeit des Inhalts und an Gediegenheit der Form weit hinter seinem biblischen Vorbilde zurück. So versenkt sich denn auch der Verfasser nur wenig in die dogmatische Frage, die uns hier beschäftigt, und spricht nur hier und da in der gewöhnlichen Weise die Bestrafung deS Sünders und die Belohnung des Gerechten theils durch die unmittelbaren praktischen Folgen ihrer Handlungsweise, theils durch die Gerechtigkeit Gottes aus. Zm Ganzen sicht er im Walten der göttlichen

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