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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-07 · Heft 6 (7.2.1871) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 6 (7.2.1871)
Date
1871-02-07
Page
Seite 123 (sequence 19)
Language
German
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123 hat ihn fast versperrt; gewöhnlich aber besteht die Oberfläche, auf der Sie wandeln, aus Schlamm und Sand. Kairo ist nicht gepflastert, Bagdad ist nicht gepflastert. Jerusalem blieb von der Zeit Salomo's an bis auf Herodes ungepslastert. Auch jener große Kunstfreund versuchte, obgleich er die Hauptstraße von Antiochia mit Marmor belegte, um den Bewohnern ein königliches (beschenk zu machen, doch nie denselben großen Dienst feiner jüdischen Hauptstadt zu erweisen. Zu Agrippa's Zeit waren die Straßen noch immer nicht gepflastert. In einer morgenländischen Stadt, wo kein breiter Pfad vorhanden ist und freier Verkehr nicht gewünscht wird, würde ein glattes Pflaster keinen besonderen Nutzen haben. Wozu cs Herstellen? In einigen Ecken und Winkeln Jerusalems, wo die Gassen gepflastert sind, wie auf den Märkten und Bazars, scheint das Pflaster schon vor langer Zeit durch fremde Hand hcrgestellt und nie reparirt worden zu sein. Die Gassen der Bazars waren einst mit Marmor belegt, der jetzt zum großen Theil abgenutzt und zerbrochen, an der einen Stelle bloß und glänzend, an der andern Stelle unter einer Schlammvecke begraben liegt. Vor den GcschäftSläden in der Davidsstraße ist der Fußboden mit. gewaltigen runden, schädelförmigen Steinen belegt, auf denen weder Mensch noch Thier die Füße erhalten kann. Jede Gasse hinab läuft ein offener Kanal, in welchem verdorbenes Fleisch und Aas, faulende Früchte, todte Katzen, lebte Hunde, der Mist von Kameelen und Eseln verwesen und auf den säubernden Regen warten. Mehr als einmal sollen, wenn die Stadt mit Koth verstopft und mit der Pest bedroht war, in der Nacht die Thore geöffnet worden sein, damit die Hyänen herein kommen und den allzu vielen Unrath verschlingen konnten: ein Mittel, das man häufiger anwenden würde, wenn die Bewohner sich vor einem möglichen Besuch von Seiten der Adauan, eines räuberischen Beduinenstarnmes, nicht noch ärger fürchteten, als vor der Pest. Alle diese Gaffen sind dunkel, gewölbt und malerisch. Hohe Häuser, an der Vorderseite kahl, mit Unterlagen und Gewölben aus der Zeit des Herodes, mit Gitterfenstern u".d oberen Stockwerken aus der Zeit Saladin's, von denen manche schräge Grundsteine haben, mit Thürgewänden und Bogen der reichsten arabischen Kunst, fassen die Straßen Jerusalems ein und nicken einander zu, wie die Palazzi Genua's und Venedigs. Das erste Geschoß nehmen Geschästsläden und Kaffeehäuser ein, wie in der Hauptstraße Kairo's; aber sie haben größere Tiefe und bieten mehr Abwechslung als die kairenischen Läden. Die Häuserreihen werden alle Augenblicke durch öffentliche Gebäude — alte Klöster, Hospitäler, Kirchen, Moscheen — unterbrochen, die jetzt in Trümmern liegen, und da die Miethe hoch ist und das Geschäft schlecht gebt, so sind die Gewölbe dieser zerbröckelnden Gebäude von arabischen und jüdischen.K'ausleuten in Beschlag genommen, zum Theil ausgeräumt, zum Theil gestützt und in Ställe, Bäder und Fabriken verwandelt worden. Das eingefallene Hospiz der Tempelritter, daß neben dem heiligen Grabe liegt, gewährt in seinen Gewölben und Corridoren einer großen Menge Kupferschmiede, Barbiere und Kornhändler Obdach; das eine Zimmer in der großen Ruine wird zu einem Bazar, ein zweites zu einer Gerberei, ein drittes zu einem öffentlichen Bade benutzt; der Syrier gräbt sich in die Fundamente des alten Hospizes ein, gerade so wie der ägyptische Hirt sich in ein Grabdenkmal kauert und der römische Schmied in der Mauer eines Palastes sein Unterkommen sindet. Gehen Sie in dies Kaffeehaus-, wo der alte Scheik in der Nähe der Thür seine Pfeife raucht, rufen Sie den Kasidscheh, den Kellner, gewöhnlich ein Negersklave, und bestellen Sie eine Taffe schwarze Labung, einen Narghil,' und ein Stückchen glühende Kohle. Dann sehen Sie sich im Gewölbe um. Ein Dutzend Männer, Sie selbst ausgenommen, alle bronzefarben und bärtig, manche in reichen Gewändern und Shawls, manche bis an die Taille nackt, manche nur in Säcke und Sandalen gekleidet, hocken im Zimmer umher, jeder mit seiner Huhka und Taffe, entweder für sich schlummernd, oder mit seinem Nachbar plaudernd, oder Einem zuhörend, der seine endlosen Liebes- und Kriegsabentcuer erzählt. In der Mitte sprudelt ein Brunnen. Ganz hinten fressen Maulthiere. Eine Ecke des Zimmers füllt ein Haufen Steine und Mörtel aus, und durch Riffe in der Decke erblicken Sie einen Streifen oder auch einen Kreis des blauen Himmels. Sie sitzen in der Krypta einer Kirche, deren Dach und Schiff schon lange cingestürzt sind, und die Krypta wird eines Tages mit Gekrach diesem Beispiele folgen. Fragen Sie den Kasidscheh, warum er die Löcher in der Decke nicht ausbessern läßt; — er giebt zur Antwort, daß sein Haus den Griechen gehört, und daß über ein Loch im Dache Niemand etwas sagt, außer wenn es regnet. Aber warum repariren und erhalten die Griechen ihr Eigenthum nicht in Stand? Er weiß nicht. Niemand würde sie fragen. Gott ist groß und die Esfendis sind weise. Ueberreste aus allen Zeiten bedecken und schmücken die Gaffen: hier liegt eine zerbrochene Säule, dort ein korinthischer Knauf, anderswo ein ägyptischer Sarkophag. In eine Gartenmauer baut man vielleicht einen Porphyrschasl, und eine Plinthe von Ophicalcit dient als Schncidertisch. Viele der gewöhnlichen Gewerbe werden aus der Straße betrieben, besonders solche, die daS Speisen der Fremden und Armen betreffen. Ein öffentlicher Durchgang ist oft des armen Arabers einziges Haus, wo er essen und trinken, kaufen und verkaufen muß. Wenn er sich waschen, ruhen und beten will, geht er in den Vorhof seiner Moschee, und zu bestimmten Zeiten in die Moschee selbst; denn die Moschee ist die wahre Heimath des MoSlcmen, die er zu betreten ein Recht hat, und auS der kein Angestellter ihn vertreiben kann. Im Borhof seiner Moschee sindet er sicherlich Wasser, im heiligen Gebäude sindet er sicherlich! Schatten. Nachdem er seine Andacht verrichtet hat, wirft

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