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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-07 · Heft 6 (7.2.1871) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 6 (7.2.1871)
Date
1871-02-07
Page
Seite 124 (sequence 20)
Language
German
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124 er sich auf die Matten und schläft. Kein Diener der Moschee hat das Recht, ihn aus dem Hause Gottes zu verjagen. Die Geschäfte aber, die zu der feierlichen Würde der Moschee nicht paffen, muß er auf den öffentlichen Plätzen verrichten; dort muß er sein Kameel laden, seine Eselin füttern, zu Mittag speisen und rauchen. An den Straßenecken warten auf ihn bescheidene Köche und Kasidschehs. Auf drei oder vier zerbrochenen Steinen zündet der Koch einen Reisbündel an, wirft in eine Pfanne einige Oliven und Linsen, ein Stück Fett und eineHand voll geröstetes Getreide, hält die Pfanne über die heiße Asche und rührt und kocht aus diesen Speisen ein Gericht, dessen Geruch schon die Seele des Arabers entzückt. Ein Zopf grobes Brod, ein Becher frisches Waffer und eine Pfeife Libanontabak machen den Rest seiner Mahlzeit aus. Dann wickelt der müde Wanderer den Mantel um das Gesicht, legt sich mitten in die Steine und verbringt die milde Sommernacht, indem er von dem schönen Himmel seines Glaubens träumt, in welchem die Hitze nie Feuer und die Kälte nie Frost ist, in welchem die Brunnen immer voll, die Datteln immer reif und die -Jungfrauen ewig jung sind. ^Fortsetzung folgt.) Notizcn- In diesen Tagen siel uns eine ältere Schrift in die Hände, die wir nicht gekannt, nämlich „Rückblicke auf Personen und Zustände. Bon Eduard Gans. Berlin 1830." Dieselbe enthält Schilderungen aus Paris. Es siel uns dabei auf, wie damals drei hervorragende getaufte Juden nach Paris gingen, um dort unmittelbar aus den Ergebniffen der Julirevolutiou zu schöpfen und für ihren Liberalismus Nahrung zu ziehen, sich aber bald sehr enttäuscht sahen. Es waren dies Börne, Heine und Gans. Alle drei hatten sich zuerst als Bertheidiger der Juden und des Judenthums, als Verfechter der Emancipation, sowie der Cultur unter den Juden hervorgethan, waren aber später aus sehr nachweisbaren Gründen zum Christenthmne über getreten. Börne huldigte dem Radicalismus, sprach sich niemals über seine Taufe aus, fuhr aber fort, wo er Gelegenheit fand, gegen das, an den Juden verübte Unrecht zu eifern. Heine war durchaus nicht so entschieden in seinem Liberalismus, wie er es von Zeit zu Zeit kundzugeben für gut fand, denn bei ihm überwog die Stimmung die Ansicht; wie oft er sich schmerzlich über seinen Uebertritt aussprach, und gegen Ende seines Lebens am meisten, ist bekannt. Börne und Heine blieben in Paris bis zu ihrem Tode. Gans hingegen weilte dort nur zu längerem Besuche, und zwar 1825, 1830 und 1835. Diese regelmäßigen Zeitabschnitte deuten schon auf den deutschen Proseffor hin, und er erklärt sich denn auch für einen treuen Anhänger der „Ordnung". Er, der von den Dreien nicht blos als Verfechter der äußerlichen Rechte, sondern auch des wissenschaftlichen und religiösen Gehaltes des Judenthums mit großem Aplomb und mit der entschiedenen Tendenz gegen die christliche Propaganda aufgetreten war, fand sich als guter Hegelianer mit allein Bestehenden ab und daher wie trotz seines Liberalismus mit dem Absolutismus, so auch mit dem Christenthume, wie mehrere Auslassungen auch in diesem Buche erweisen. Bekanntlich ist nach Hegel Alles was da ist, vernünftig, und so mußte Ganz auch sein Thun, so widersprechend es war, für vernünftig halten. Widersprüche machen der Hegel'schen Dialektik keine großen Schwierigkeiten. Alle drei Genannten schrieben'Briefe aus Paris; aber während die Börne's und Heine's an Form und Inhalt noch nicht veraltet sind und auf den Leser stets einen frischen Reiz üben, kann man dies, trotz vieler feiner Beobachtungen, dem Berliner Profeffor nicht nachsagen. Sein Buch wird nur Den noch interessiren, welcher die damaligen Zustände und Stimmungen besonders studiren will. Der Styl kann sich dem Schulpedantismus nicht entziehen, llebrigens hat Gans in seiner Lebensperiode n a ch seinem Uebertritte als gelehrter Schriftsteller nichts mehr geleistet und den gehegten Erwartungen nicht entsprochen. Sein „Erbrecht", welches einen Theil der von ihm beabsichtigten Universalgeschichte des Rechts ausmachte und sein „Commentar zum Gajus" fielen vor jenen Act. Zu der vor Kurzem mit großer und wohlverdienter Begeisterung begangenen 80jähr.Geburtstagsfeier des Dichters G r i l lp a r z e r widmete auch Herr Dr. MoritzNappa p o r t in Lemberg dem verehrten Dichtergreise ein an Inhalt wie Form gediegenes Gedicht, für dessen Uebersendung wir dem Verfasser Dank sagen. Auch in diesem Gedichte klingt eine Klage durch, welcher wir von unserem Gesichtspunkte aus vor Kurzem in d. Bl. (Nr. 4) das Wort liehen, nämlich über die tiefgehende Scheidung, welche zwischen Deutschland und Oesterreich bis jetzt vorhanden war, und die endlich überbrückt werden möge. Selbstverständlich ist hiermit nicht sowohl die politische Trennung, denn diese ist ja erst neueren Datums, gemeint, als vielmehr die geistige, welche selbst die gegenseitige Anerkennung bedeutender Leistungen verhinderte. Verlag von Daumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. 33. Hirfchfeld. Verantwortlicher Ncdacteur £>r. H. Lotze.

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