Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1871)
- Date
- 1871-02-07
- Page
- Seite 122 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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122 :u sich ein, um saure Getränke zu schlürfen und nochmals einander zu sagen, daß es noch immer nichts NeneS giebt; ein Mottah läßt vielleicht einige Scheits auf sein Dach kommen, wo sie auf reinlichen Teppichen kauern und ihre Abendgebete sprechen. Mit Zitronensaft erquickt, durch Andacht begeistert, suchen diese nüchternen ^Nachtschwärmer, Jeder mit seinem Diener und seiner Laterne, ihre Wohnungen und Betten um die Stunde auf, wo in London die teilte sich zum Diner setzen. Aber weder Gastmähler noch Gesänge, wenn es den Genuß solcher Dinge in Jerusalem überhaupt gäbe, würden bei Nacht einen Mann aus seinen Zimmern locken, in dessen reger Phantasie die Straßen der Stadt weniger sicher sind, als die Höhen von Mizpe und dem Oelberg, die Gebirgsthäler Tophet und Gehenna, ja als die furchtbare Wüste selbst. Abgesehen vom Beduinendieb, obgleich er gewandt und flink ist, und von dem Bkschi-Basuk, obgleich er stolz und hitzig ist, hat man in Jerusalem mit Recht zu fürchten, daß, wenn man bei Nacht durch die Straßen geht, man von einem Aussätzigen berührt, von einem Kameel geschlagen, von einem Hunde gebissen werden und in eine Grube fallen kann. Die Gassen Zions und vor allen die Gaffen des Judenquartiers dunsten von faulenden Früchten, todten Thieren und Menschcnkoth, für das Auge ebenso widerlich wie für die üJtefe, und mitten in diesem Düngerhaufen Wettrennen und kämpfen unzählbare Heere Eidechsen und Ratten. Auch die hungrigen Hunde gehen des Nachts auf Leute ans; sie sind wild wie Wölfe und nicht minder kühn. Der Syrier, der gegen Thiere jeder Art ein weickes Herz hat. schützt mit besonderem Eifer Ratten und Schlangen, die Freunde seines Hauses, und Jagd- und Kettenhunde, die seinen Hof reinigen; es wagt und wünscht daher Niemand, die heilige Stadt von diesem gefährlichen Ungeziefer zu säubern. Aber noch schlimmer als die genannten Landplagen Jerusalems sind bei ''Nacht die wandernden Fakire, die ihr Leben Allah widmen und sich an den heiligen Orten umhcrtrciben, jeden Augenblick bereit, die Giaure zu züchtigen, die nach ihrer rohen Ansicht die Moscheen entweihen. Der Sultan unterdrückt diese Wichte mit unbarmherziger Gewalt; denn er hat Verstand genug, um einzusehen, daß sie der Politik nicht minder als dem Gesetz zuwiderhandeln, dennoch treten sie immer wieder auf; sie kommen von allen Enden der Erde, aus dem Sudan, von Borneo, aus dem Punjaub; sie sind zum Glauben Reubelehrte, begeistert vorn Eifer des Märtyrers. Vor diesen Fakiren können Sie sich nicht schützen, außer bei Tage, denn Sie können nicht wiffen, womit Sie dieselben beleidigt haben, und Sie können auch nicht sagen, wo sie aus der Lauer liegen, um das Unrecht, das nach ihrer Einbildung ihnen widerfahren ist, zu rächen. Ein Fakir hat Sie vielleicht sehen in den Harem e§ Scherif — den Tempelvorhvf — gehen, und wunderte sich im Herzen, warum der Soldat, der an Ihrer Seite ging, Sie nicht niederhieb. Er hat vielleicht bemerkt, daß Sie in der Moschee Omar's ihr Haupt entblößten: in seinen Augen ein todeswürdiger Hohn, für den er Ihnen das Leben zu nehmen geschworen hat.' Wer kann die Wege dieses unwissenden Kindes kennen? Soeben kann er im Dunkeln. im Schatten der Mauer dort, auf Sie lauern, um Ihnen den Dolch in die Seite zu stoßen. Ein kluger Pilger bleibt Jerusalem nach dem Retraiteschuß in seinem Kloster und genießt auf dem Dachc ein Gespräch, im Garten eine Pfeife, in seiner Zelle ein Buch. Straßen im europäischen Sinne des Wortes sind in Jerusalem nicht vorhanden. Keine morgenländische Stadt hat sie, auch nur dein Namen nach. Der Araber, der tausend Wörter hat, um ein Kameel, ein Schwert, eine Stute zu bezeichnen, hat kaum ein einziges Wort, das annähernd eine Gaffe bedeutet. Die hebräische Sprache war in dieser Beziehung eben so arm an Worten; denn eine Straße wie der Broadway, der Eorso oderder Strand ist im Morgenlande ganz unbekannt. Salomo sah nie einen Boulevard. Saladin träumte nie von einem Pall Mall. Eine große', arabische Stadt muß Suks haben, auf welchen die Bewohner Handel treiben, Quartiere, in welchen die Bewohner leben; denn eine solche Stadt, selbst wenn sie zu der Größe einer Hauptstadt wie Kairo oder Stambul angcwachsen, ist immer nur ein verworrenes Lager von Holz und Stein. Es muß Quartiere haben; aber sie braucht nicht die Reihe freier Wege zu haben, die einander durchschneiden und kreuzen, und die wir Straßen nennen. Ihre Häuser sind gruppenweise gebaut; eine Familie, ein Stamm, eine Profession nimmt jedesmal eine Häusergruppe ein. Eine Gruppe ist an und für sich ein Quartier, das seinen eigenen Scheck, seine eigene Polizei, sein ctyeueü öffentliches Recht hat und von den anstoßenden Quartieren durch Thore getrennt ist, die zu passireu ein Fremder kein Recht hat. Freier Verkehr aus dem einen Quartier nach dem andern wird nicht gewünscht, und Gäßchen, die das eine Quartier mit dem andern verbinden, werden als herrenloses Land betrachtet und selten mit einem öffentlichen Namen beehrt. Keine echt morgenländische Stadt hat Gaffen mit einheimischen Namen. Von der großen Straße in Kairo ist der eine Theil als der Juwelierplatz, der andere als der Töpferplatz bekannt. Dasselbe ist in Aleppo und Bagdad der Fall. Vor zehn Jahren befand sich Stambul noch in derselben Armuth und Einfachheit, und erst als die abendländischen Armeen Pera und Scutari einnahmen, singen die Eingeborenen an, den Werth dieser fränkischen Kunst zu schätzen. Die frommen Namen, mit deren Hülfe die Christen in Jerusalem sich zurecht finden, wie Davidsgaffe und Bia Dolorosa, sind der eingeborenen Race unbekannt. Die Suks und Bazars ausgenommen, sind die Straßen alle ungepslastert. Hier guckt ein natürlicher Felsen durch den Kolh heraus: dort ist ein Stein von dem großen alt-tyrischrn Umfange in den Weg gefallen und