Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1871)
- Date
- 1871-02-07
- Page
- Seite 115 (sequence 11)
- Language
- German
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115 Orgel nichls Näheres mittheilcn. In der „N. Fr. Pr." heißt es darüber: „sZur Reform des jüdischen Gottesdienst cs.j Auf der letzten in Deutschland stattgefundenen jüdischen Synode wurde bekanntlich die Einführung der Orgel in den jüdischen Gottesdienst beschlossen und in vielen deutschen Judengemeinden bereits durchgeführt. Dies gab auch in der hiesigen jüdischen Cultnsgemeindc den Anstoß, den Antrag auf Benützung der Orgel bcitn Gottesdienste beim Vorstand einzubringcn. Wider Erwarten stieß dieser Antrag auf eine lebhafte Opposition, welche ihre Argumente zwar weniger aus den ritualen Vorschriften und Gebräuchen herleiten konnte, als vielmehr ans religiösen Gefühlsgründen gegen die Orgelbegleitung ihre Einsprache erhob, da der menschliche Gesang allein das einfachste wie erhabenste Mittel sei, der Bitte, dem Flehen und dem Dankzefühle im Gebete Ausdruck zu verleihen. Die Vertheidiger der Orgelbcgleirung wiesen nach, daß die Musikbegleitttug beim Gesänge keine christliche Erfindung sei, daß viel' uwhr dieser Gebrauch aus dem jüdischen Eultus in den christlichen übernommen worden sei, da ja die Leviten, wie die Bibel berichtet, oft zu Hunderten beim Gottesdienste die Kunst der Töne üblen. Also ein rituales Hinderniß bestehe nicht, sondern es sei die Einführung der Musik nur ein Zurückgreisen auf die alte jüdische Gottesverehrung. Die Debatte über diesen Gegenstand wogte in der heutigen Sitzung des Vorstandes hin und her, bis endlich vom Vorsitzenden, Di-. Engel, der Vorschlag gemacht und von der Versammlung aeeeptirt wurde, daß man über diesen Gegenstand, der weder eine rituale Vorschrift berühre, noch eine administrative Maßnahme, sondern lediglich eine Geschmackssache sei, die sämmtlichen Mitglieder der Eultnsgemeinde abslimmen lassen solle. Mit der Feststellung des Abstimmungsmodus wurde ein eigener Ausschuß betraut." — Es wird Jedermann einleuchten, daß, wenn die Discussion keine andern Momente zu Tage brachte, als die obigen, gerade der Hauptgrund für die Einführung der Orgel unbeachtet gelassen worden, nämlich der, daß durch die Orgel allein die Gemeinde selbst zum Antheil und zur Mitwirkung am Gesänge angelcitet und herangebildet werden kann, wie sich dies in all d e n Gemeinden erwiesen hat, in welchen die Orgel seit einem längern Zeitraum eingeführt ist. Der vierstimmige Ehorgesang verdammt die Gemeinde zum Stillschweigen, weil sie nicht im Stande ist, sich einer der vier Stimmen anzuschmiegen; und da sie nun auch die vom Vorsänger recitirten Gebete anzuhören und dem Prediger und etwaigen deutschen Gebeten ebenfalls ihr Ohr zu leihen hat, so wird sie zu einer stummen Rolle verurtheilt, welche aus die Länge lästig und für gottesdienstliche Andacht nicht förderlich ist. Erst mit der Orgel kann einstimmiger Gemeindegesang in getragener und erhebender Weise hergestellt werden, und dieses Ziel hat der jüdische Gottesdienst noch zu erreichen. Dieser 'Nützlichkeitsgrund ist für Alle, welche diesen Gegenstand vorurtheilslos betrachten, entscheidend. Pest, 20. Jan. (Privatmitth.) In der Sitzung der Deputirtenkammer vom 16. brachte der Abgeordn. Emmerich Jvanka die Beschwerde vor, daß die aus Galizien und Polen eingewauderten Juden, die er als „neue Bürger" bezeichnet, sich der Miliärpflicht entzögen. Es versteht sich, daß er dies als eineil Mangel an Patriotismus kennzeichnet. 'Wir wollen ihm dies nicht verargen; wohl aber mußte er dann auch die Negierung der Nachlässigkeit in Erfüllung ihrer Pflichten und noch mehr die Beamte», welche die „neuen Bürger" für vieles Geld militärfrei utnhergehen lassen, der Untreue, der unpatriotischen Bestechlichkeit zeihen, und dies wiegt noch viel mehr. Wir enthalten uns gern, solche Fehltritte ans Licht zu ziehen, weil man hier zu Lande, wenn man ein Gebrechen der regierenden und verwaltenden Elassen beleuchtet, sofort der unpatriotischen Gesinnung beschuldigt wird. Wenn man aber uns Juden, die wir mindestens ebenso gute Patrioten sind, anschuldigt, so sind wir genöthigt, die ganze Wahrheit zu sagen. Dona ll fü r st e»t h ü nt e r. Bukarest, 22. Jan. (Privatmitth.) EineEorrespondenz Ihres Blattes in Nr. 2. d. I. läßt sich darüber aus, daß in Rumänien Negierung und Volk, Verwaltung und Rechtspflege noch so sehr der Willkür und der Herrschaft der Leidenschaften unterliegen, daß cs der Protection seitens der Schutzmächte noch nicht entbehren könne. Dies ist die volle Wahrheit, und um es zu bekräftigen, diene folgender Bericht über hier abermals stattgefundene Schandthaten. Am 3. Januar a. St. wird das Fest, welches man „Wasser - 6*