Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1871)
- Date
- 1871-02-07
- Page
- Seite 111 (sequence 7)
- Language
- German
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111 Bildhauer und Künstler zu Reisen nach Nom hat einen größeren Fond als alle die oben genannten zusammen. Bei den großen Summen, welche jährlich von jüdischen Neichen oder durch Sammlungen zu den verschiedenartigen Zwecken der Wohlthätigkeit gespendet werden, ist uns die eben geschilderte Erscheinung, offen gestanden, ein Nathsel. Denn principiell wie praktisch zeigen die Juden auch in ihrer Masse ein großes Interesse für höhere und wissenschaftliche Bildung. Principiell, denn sie legen ein großes Gewicht auf die Verdienste und Auszeichnungen, welche sich wiffenschaftliche Capacitäten erwerben, die der jüdischen Glaubensgenossenschaft angehören; und praktisch, wie die außerordentliche Frequenz aller höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend aus allen Schichten erweist. Und dennoch, sobald es darauf ankommt, die studirende Jugend zu unterstützen, so findet man verschlossene Herzen und Hände. Wir wollen offen sein, und daher auch nicht verschweigen, daß eine Zeit lang von jüdischer Seite der Einwand gehört ward, daß diejenigen Juden, welche studirt haben, gar zu leicht das Judenthum zu verlaffen sich veranlaßt fühlen,- und außer den Medicinern war dies auch der Fall. Allein diese Zeit ist vorüber. Solche Uebertritte sind selten geworden , und unter den Studirten seltener als in anderen Claffen. Dieser Einwand ist also geschwunden. Dagegen ist nicht zu verkennen, daß es noch immer vorzugsweise die weniger bemittelte Claffe unter unseren Glaubensgenoffen ist, aus welcher die Mehrzahl der Studirenden hervorgeht. Es liegt dies in culturhistorischen Verhältnissen, die sich erst langsam ändern können. Ebenso kann Jedermann leicht erfahren, daß mit sehr geringen Ausnahmen die an den Universitäten vorhandenen Stipendienftiftungen stiftungsmäßig nur für Studirende christlichen Glaubens bestimmt sind, und selbst wo dies nicht der Fall ist, liegt doch die große Mehrheit so auf christlicher Seite, daß selbst bei vorurtheilsloser Behandlung nur wenig und selten für jüdische Studenten etwas abfällt. Es liegen also die stärksten Motive dafür vor, den hülfsbedürftigen jüdischen Jüngern der Wiffenschaft so viel wie möglich zu Hülfe zu kommen. Man bedenke, daß es, auch nach den Ansichten unserer Alten, viel wichtiger ist, Solche zu unterstützen, welche auf dem Wege sind, sich ein zukünftiges Brod zu gründen, als Almosenempfänger. Ferner ist nichts trauriger, als wenn gerade Derjenige der äußersten leiblichen Entbehrung anheimfällt, welcher der geistigen Ausbildung, den höchsten wissenschaftlichen Interessen sich mit allen Kräften hinzugeben hat. Wer mit eigenen Augen in die bittere Noth zu schauen Gelegenheit gehabt, welcher diese armen Jünglinge unterliegen, deren Geist dabei zu gleicher Zeit zu den Höhen der Menschenwelt emporklimmen soll; wer beobachtet hat, wie oft hier durch mangelhafte Ernährung und Bekleidung der Grund zu Krankheiten gelegt wird, welche ein schönes, reiches Leven verbittern und abschwächen und spätere Wirksamkeit erschweren und vermindern — der wird mit uns übereinstinunen, daß es in unserer Zeit keine größere Wohlthat geben kann, als armen Studirenden eine Unterstützung zukommen zu lassen. Wie also überhaupt allen Veranstaltungen nach dieser Seite hin, so auch besonders der Riesserftiftung in Frankfurt am Main möchten wir die werkthätigste Förderung zugewendet sehen, und bitten dringend, auch diese unsere Worte nicht unberücksichtigt zu lassen! Die Soldaten jüdischer Religion in den deutschen Heeren. Es sind uns bis heute die erbetenen Mittheilungen über die Zahl, Namen und Truppencorps der Soldaten jüdischer Religion' in den deutschen Heeren aus etwas mehr als 130 Gemeinden zugekommen, unb die täglich anlaugenden Zuschriften verbürgen uns, daß wir einem gewissen Grade von Vollständigkeit nahe kommen werden. Jedenfalls wird das Material, wenn es in gleicher Weise anwächst, zu den bestiuuntesten Folgerungen den Stoff bieten, und schon jetzt ersehen wir, daß die Ergebnisse befriedigend ausfallen werden. Um so mehr wiederholen wir das Gesuch, uns hierin von keiner Seite ununterstützt zu lassen. Wir haben noch eine Bemerkung hinzuzufügen. Es verstand sich von selbst, daß wir unser deßfallsiges Gesuch zunächst an die Vorsteher der Gemeinden zu richten hatten, theils weil diese am ehesten im Stande sind, selbst oder durch ihre Organe die nethigen Notizen zu sammeln, theils weil ihre Mittheilungen einen ofsicielleren Charakter besitzen. Jndeß wußten wir recht wohl, daß wir auf diesem Wege nicht vollständig zum Ziele gelangen werden. Biele Vorsteher lesen jüdische Zeitschriften garnicht, viele haben nicht Interesse genug für die Sache, die sie vertreten, um sich der, freilich ,ud)t großen Mühewaltung zu unserem Zwecke zu unterziehen. Beweis hierfür, daß gerade von der