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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-02-07 · Heft 6 (7.2.1871) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 6 (7.2.1871)
Date
1871-02-07
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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106 Weil mir es als die bedeutendste Aufgabe, die von jetzt ab alle Welt zu lösen, als die theuerste Pflicht, welche in der nächsten und weiteren Zukunft zu erfüllen ist, betrachten: mit aller Kraft, mit aller Anstrengung für Frieden, für Erhaltung des Friedens, für Verbreitung von FriedenSidecn, für den Vorsatz, jedwedem Bruch des Friedens, von welcher Seite er komme, entgegenzutreten, für friedliche Gesinnung in den Völkern, für die Nöthigung, Frieden zu halten, in den Regierungen zu wirken. Jedes andere Streben, jede andere Erkenntniß, jedes andere Product mag noch so werthvoll und folgenreich sein, es reicht nicht an den Werth und die Folge dieses allgemeinen Friedens und dessen hinan, was ihn fördert und festigt. Jeder Mensch, der einer kräftigen Gesinnung fähig ist, eine Ueberzeuguug in sich zu bilden vermag, des Wortes mächtig, zur Thal geschickt ist, der Einfluß übt auf einen kleinen oder großen Kreis, der eine Stellung einnitnmt unter Wenigen oder unter Vielen, der Wille und Kraft besitzt, um eine Wirkung zu üben auf Andere, westen Standes und Ranges er auch sonst sei, welchem Berufe er angehöre — hierauf muß seine Anstrengung gerichtet sein und seine beste Thätigkeit darauf verwendet werden: das Werk des Friedens überall zu sichern und die Alleinherrschaft des Friedens begründen zu helfen. Die rohe Gewalt der Waffen muß zum Abscheu,, der kriegerische Ehrgeiz zur Berdammuiß werden. Jetzt, wo der Krieg vorüber, kann es ausgesprochen und gelehrt werden: wehe Dem, der das Wort Krieg wieder ausspricht, der an die Thore der Völker wieder mit dem ehernen Griffe des Schwertes klopft, welche auch sonst seine Triebfeder sei! Wohl, Wissenschaft und Kunst, Religion und Unterricht, Industrie und Diplomatie, sie sind alle beschämt worden, denn sie zeigten sich ohnmächtig, die Völker des 1!1. Jahrhunderts vor der Barbarei des blutigsten Krieges zu schützen. Mögen sie jetzt die Schamröthe auf den Wangen behalten , möge diese nicht eher aus ihrem Antlitz verschwinden. bis die letzte Befürchtung, daß jener sich wiederholen könne, für immer beseitigt ist. Was sie auch lehren und schassen , so es nicht stets und wirkungsreich für den Frieden geschieht, ist es ohne Grunolage und Haltbarkeit. Deutschland wie Frankreich stehen vor einer inhaltschweren Zukunft, und die Wege, welche sie beschreiten werden, sind entscheidend für die Zukunft dieses Welttheils. Deutschland hat erreicht, was es gewünscht; es ist ein geeinigtes Reich geworden, und hat der Welt bewiesen, daß es nicht mehr ungestraft angegriffen werde. Die Frage ist nun, ob cs die Wege des Friedens und der inneren Freiheitsentwickelung einschlagen werde; ob die erlangte Machtstellung es nicht verleiten werde, die gebietende Stellung in Europa cinnehmen und in den Fragen der übrigen Staaten entscheiden zu wollen; ob die concentrirte Staatsgewalt sich nicht gegen die Entwickelung der Volksfreiheit wenden werde? Hütet es sich vor beidem, so wird seine Zukunft groß und erhaben sein, und es wird eine Höhe ersteigen, die bis jetzt keine Station, auch nicht die glänzendste erreicht hat. Im anderen Falle, ohne innere Freiheit wird das geknüpfte Band wieder zerreißen, und ohne Frieden wird es der Erschöpfung, dem endlichen Verderben entgegengehen, vor welchem bis jetzt keine Krieg liebende Nation geschützt geblieben. Frankreich hat sich von tiefem Falle zu erheben, unsägliche Schäden und Wunden wieder zu heilen, und vorerst mit gemindertem Ansehen und geschwächter Macht sich zu begnügen. Die Kraft der Wiedergenesung besitzt es; bei seinem Organisationstalente und bei dem Reichthum seiner Hülfsmittel wird es mit der Zeit wieder aufblühen und seine Achtung gebietende Stellung wieder emnehmen. Aber die Hauptsache ist, ob es sich von jener fieberhaften Eitelkeit, von jener Selbstüberschätzung, von jenem Verlangen, unter den Völkern zu gebieten und als die erste und großartigste Nation gefeiert zu werden, heilen könne? ob es in Folge dessen all' den Wahn abgeschüttelt hat, der es in diesen Krieg gestürzt, der es in so viele frühere Kämpfe gebracht, und indem es sich für den Segen der Völker hielt, es zmn Fluche derselben gernacht hat? ob es darum auch die Rachegedanken, das Gelüste, Deutschland heimzuzahlen, aufzugeben vermöge? ob es endlich dahin gelange, seine tödtlichsten Feinde, seine Phrasendrescher, auf der Tribüne, in den Journalen und in der Literatur aus seiner Milte zu treiben? ob cs endlich lerne, eine solide Volksbildung und gründliche Wissenschaft all' dem glänzenden Schirnmer hoher Künste vorzuziehen? . . . Man kann sagen, beide Nationen treten erst jetzt in ihre eigentliche Krise ein. Vor dieser verlieren Sieg und Niederlage ihre Bedeutung, und nur der Frieden tritt als das unentbehrlichste Bedürfniß, als Spender wahrer Kraft und gediegenen Werthes auf. Es hat schon Siege gegeben, welche zum Verderben führten, und Niederlagen, welche vom Verderben retteten. Aber ein Friede, der nicht aus Trägheit und Feigheit, wohl aber aus dem Bewußtsein der Kraft, aus der Besonnenheit, aus der

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