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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-31 · Heft 5 (31.1.1871) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 5 (31.1.1871)
Date
1871-01-31
Page
Seite 103 (sequence 23)
Language
German
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103 sich gegenüber stehen, deren Mitglieder er auS voller Seele haßt, weil sie sein Volk, das der Juden, verachten und verhöhnen, beschimpfen und mit Füßen treten, unterdrücken und ganz zu verderben trachten. „Die Bosheit, — so Horen wir ihn (A. III. Sc. 1.) ausrufen — die ihr mich gelehrt, will ich selber ausüben, und es müßte hart hergehen, wenn ich's nicht noch zuvorthäte meinen Meistern." — In seinem speciellen Feinde, dem venetianischen Kaufmanne „Antonio", wähnt Shylock, — glühender Haß und Rachedurst haben diese Phantasie in ihm geboren werden laffen, — die gesummte christliche Gesellschaft zu züchtigen, zu strafen, zu Grunde zu richten. — Diejenigen aber, welche den Shakespeare'schen „Shylock" von diesem Gesichtspunkte aus auffasien und ihn so wiedergeben, muthen ihm zu, daß er sich „mit einer höhern Mission betraut" dünke, daß er sich gewiffermaßen als den Repräsentanten seines Volkes ansehe und berufen zu sein glaube, dessen Rächer zu werden. — Hierin liegt natürlich auch nicht wenig des Dämonischen nnd Ungeheuerlichen, wovon wir oben bei Betrachtung der ersten Auffaffungsweise gesprochen haben.- Wir kommen endlich zur dritten Art, und diese bilden diejenigen Charakterdarsteller, welche das Beste und Richtigste zu thun glauben, wenn sie in der Repräsentation des „Shylock" vor Allem und ganz besonders den Geizhals, den Mammons-Maulwurf zum Ausdruck bringen. Ihnen ist Shakespeare's „Jude" in erster Linie nichts Anderes als der habgierige, unersättliche Wucherer, der unbarmherzige Halsabschneider, der reine Vampyr, dem Gewinn über Alles geht, und dem Nichts heilig ist, um solchen zu erlangen. Er haßt „Antonio" allerdings „weil er ist ein Christ", aber (wie er A. i. Sc. 3. selber sagt) „weit mehr noch, weil er einfältiger Weise Geld ausleiht um Nichts und wieder Nichts", und weil er in Venedig „den Preis der Zinsen so herunter bringt." Gleich hinterher stellt Shylock sich dem Erzvater Jakob an die Seite und will Gewinn erzielen an Gold und Silber, wie jener an Schafen und Ziegen; denn „Gewinn ist Segen, wenn man ihn nur nicht stiehlt." — Und später (A. 111. Sc. 2.), als er erfährt, daß Jessica, seine Tochter, nicht leer, sondern „mit Schätzen", mit Juwelen und Ducaten, entflohen sei, schreit er wüthend, daß „erst jetzt der Fluch getroffen sein Volk", und daß „er ihn nie gefühlt, als zu dieser Stunde". Er will seine Tochter „tobt im Sarge zu seinen Füßen" sehen, lägen nur „die Ducaten ihr zur Seite", und hatte sie „die Juwelen nur in ihren Ohren". Wie den Shylock nichts Anderes befriedigen kann als Vortheil, so vermag ihn auch Nichts härter zu schlagen, Nichts tiefer zu verwunden als Verlust und Schaden. Gold auf Gold zu häufen, liegt in der Natur seines innersten Wesens, ist ihm angeboren, schnöde Wucherei ist bei ihm Fleisch und Blut geworden. — Wer nun den „Shylock" von dieser Seite ausfaßt «und so Mancher hat'S gethan), der tritt in der Darstellung natürlich so auf, als ob die Vampyr-Natur sich ganz von selber verstände, und als ob Alles, waS uns in Staunen setzen müßte, nur so und durchaus nicht anders sein dürfte. — Kann es hier auch nicht interessiren, zu untersuchen, welche der verschiedenen Auffassungen die richtigste, so sei doch bemerkt, daß ein berühmter Mime der neuern Zeit (Bogumil Davison) alle drei in sich ausgenommen und sie zu einem Ganzen verschmolzen, wodurch er ein Bild geschaffen, mit welchem er. wie bekannt, allenthalben die herrlichsten Erfolge errungen. — Zum Schluffe können wir nicht umhin, noch auf ein Gedicht hinzuweisen, das von Thomas Chatterton aus einer alten Quelle in's Englische übertragen worden und in welchem, unter dem Namen „Gernutus", derselbe Jude von Venedig (Jew of Venice) behandelt wird, der bei Shakespeare „Shylock" heißt. . Der Rcspcct oder Dercch erez. Ja der trefflichen Biographie: H. Heine's Lebe» und Werke. Von Adolf Strodtmann, 1. Bd. S. 357, fiel uns unlängst ein interessanter Zug der Erziehungsweise der Mutter des Dichters auf, den ein jüngerer Bruder, td-. Maximilian Heine in der „Gartenlaube" mittheilte: „Unsere Mutter, die überhaupt für eine ziemlich strenge Erziehung war, hatte von unserer ersten Jugend an uns daran gewöhnt, wenn wir irgendwo zu Gast waren, nicht Alles, was auf unfern Tellern lag, auszueffen. Das, was übrig bleiben mußte, wurde der „Respect" genannt. Auch erlaubte sie nie, wenn wir zum Kaffee eingeladen waren, in den Zucker so einzugreifen, daß nicht wenigstens ein ansehnliches Stück zurückblieb. Einstmals hatten wir, meine Mutter und ihre sämmtlichen Kinder, an einem schönen Sommertage außerhalb der Stadt Kaffee getrunken. Als wir den Garten verließen, sah ich, daß ein großes Stück Zucker in der Dose zurückgeblieben sei. Ich war ein Knabe von sieben Jahren, glaubte mich unbemerkt, und nahm hastig das Stück Zucker aus der.Dose. Mein Bruder Heinrich hatte das bemerkt, lief erschrocken zur Mutter, und sagte ganz eilig: „Mama, denke Dir, Max hat den „Respect" aufgegessen!" Ich bekam dafür eine Ohrfeige, vor der ich mein ganzes Leben Respect erhalten habe." Gewiß dürften sich dabei viele geschätzte Leser, wie wir, der alten jüdischen Sitte, welche die Mutter Heine's so sorgfältig beobachtete, erinnern, nämlich von der

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