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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-31 · Heft 5 (31.1.1871) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 5 (31.1.1871)
Date
1871-01-31
Page
Seite 102 (sequence 22)
Language
German
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102 Holland und vor Allem in Spanien. Dort und in Portugal habe ich drei der schreckenvollsten Jahre meines Gebens zugebracht. Doch Sie erlassen mir die Beschreibung. Wie viele Schlachten und Gefechte ich mitgemacht, wie oft ich verwundet ward, welche Strapazen und Entbehrungen , wie viel Gefahren und äußerstes Elend ich bestanden, wie könnte dies interessiren? . War ich doch nur Einer von Millionen, denen es nicht anders, nicht besser erging. Aber auch als Soldat habe ich es zu Nichts gebracht. Waren besondere Thaten des Muthes, der Geistesgegenwart, der Tapferkeit zu vollbringen , so war ich nicht zur Stelle und sie sielen Anderen zu. Vollbrachte ich solche, und ich bin mir deren bewußt, so war Niemand da, der beobachtete, anzuerkennen und zu belohnen im Stande gewesen.. Es gehört zu Allem, Freund, Befähigung und Glück; der Erfolg erweist, daß Beides vorhanden, der Mißerfolg nur, daß das letztere, daS Glück, nicht mit im Spiele gewesen. Wie es mir in der Schlacht bei Leipzig erging, wie ich hierhergekommen, und hier verblieben bin, das wissen Sie. Ich habe nichts hinzuzufügen. Sollte ich zurückkehren, wo nichts, nichts mehr für mich vorhanden, nicht einmal Gräber, die unter den zermalmenden Schritten jener furchtbaren Zeiten längst verschwunden sind? So habe ich wenigstens noch das Reich der Träume, welche sich aus meinen Erinnerungen von Licht und Liebe zusammensetzen , wo die keusche Schönheit meines Vaterlandes und meiner Mutter mir eine paradiesische Zukunft aufbaut, die ich von der Gnade dessen erwarte, dessen Hand mich so schwer geprüft und mich so überaus arm gemacht. Im Uebrigen, mein Freund, scheint mir die Arbeit dieses Lebens doch nur die zu sein, sich bis an's Ende hindurch zu ringen. Was kommt darauf an, in welcher Gesellschaft und Begleitung wir dies thun? . . . Wie ich nur habe sagen lassen, ist ja jetzt Alles wieder in der Welt, wie es früher gewesen. In Rom sitzt der Papst wieder auf seinem Stuhle, und die Jesuiten umgeben und stützen ihn wieder; die Juden wohnen wieder im Ghetto, und ihre Vorsteher werden jährlich vom römischen Senator mit einer Ohrfeige tractirt; man raubt wieder Judenkinder und steckt sie in die Katechumenen- Anstalt, wo es eine sechste Cafa, Geißelhiebe und Zellen unter dem Kupferdach giebt. Und so ist es überall; die Republiken sind verschwunden, der Kaiser schlummert unter dem Rasen auf dem Felsen im Ocean, und die Völker müssen sich beugen unter der Zuchtruthe ihrer Herrscher. Wozu ist all' das Blut gefloffen, und wozu so viel Tinte verschrieben worden? Dies ist die Lebensgeschichte, die der taube Soldat mir erzählte, als ich erst Italienisch verstand. Seine Philosophie konnte ich ihm nicht widerlegen, denn er vernahm ja meine Worte nicht. Der Trost, den ich ihm zu gewähren vermochte, bestand nur in der Aufmerksamkeit, die ich seiner Erzählung widmete, in den Geberdcn der Theilnahme und des Mitgefühls, die er an mir beobachtete. Seitdem ist er heimgegangen. Er hat nichts mehr von den Mortarageschichten gehört und vom römischen Concil, ebenso wenig wie vom zweiten Kaiserthrone in Frankreich. Da aber jetzt dennoch . der päpstliche Thron zusammengebrochen und Rom italienisch und Italien ein einheitliches Reich geworden, erinnerte ich mich an diese Gestalt aus meiner Jugend und habe versucht, sie meinen Lesern zu zeichnen. Der Jude „Shylock" auf den Bretern. Von L. Weyl in Frankfurt a. d. Oder. (Schluß.) Was nun endlich die Ausführung des Shakespearescheu „Kaufmann von Venedigs in unserem Jahrhundert anbetrisit, so ist namentlich in der Austastung des „Shylock", also auch in der Darstellung desielben, eine dreifache Verschiedenheit wahrgenommen worden. — Gewisse Mimen oder Charakterspieler haben im „Shylock" nichts als die Personisicirung des bösen Gei st es, nichts als den reinen Dämon gesehen und demgemäß geglaubt^ die Rolle desto besser, d. h. desto richtiger und naturgetreuer zu spielen, je mehr sie das Unheimliche, das Grauenerregende — oder sagen wir einfach — das wahrhaft Dämonische an's Licht treten lassen. Bei ihnen ist „Shylock" nur — und das ist sicherlich genug— der unversöhnliche Feind des christlichen Kaufmanns „Antonio", den er namenlos haßt, weil er von ihm beleidigt, den er erbarmungslos zu verderben trachtet, weil er (wie er Act 1. Scene 3. selber sagt) sogar in seinem „Geschäft" und seinem „wohlerworbenen Vortheil" öffentlich von ihm geschmäht worden. Persönliche Rache nur ist's, welche die Brust deS Juden erfüllt, aber das Gefühl ist so bitter, so voll Gift und Geifer, daß es den, der es hegt und pflegt, zum Wütherich macht, zum Teufel in Menschengestalt, zum wahren Ungeheuer. — Andern Künstlern ist dagegen in Shakespeare's „Shylock" nur der „unversönliche Christenhaffer" sichtbar geworden, der Jude nur, welcher gegen Alles, was „Christ" heißt, von der Feindschaft bittersten Gefühlen beseelt ist, denen durch Wort und That den rechten Ausdruck zu geben, ihm jede günstige Gelegenheit willkommen. Die Gelegenheit, die dem „Shylock" hierzu sich bietet, heißt: „Antonio". Denn in dem Träger dieses Namens sieht er nicht blos seinen persönlicken Feind und Beleidiger, sondern eigentlich die ganze Christenheit

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