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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-31 · Heft 5 (31.1.1871) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 5 (31.1.1871)
Date
1871-01-31
Page
Seite 101 (sequence 21)
Language
German
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e Allgemeine Geltung des Zudenthums Femlleton-Leilage zu Ar. 5. Leipzig, den 31. Januar 1871. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. (Schluß.) Kaum waren diese Worte seinem Munde entflossen, als die Trasteveriner sich auf mich und meine Mutter stürzten. Ich warf mich vor die Brust meiner Mutter, aber im Nu waren wir getrennt, auseinander gerisien, ich von ihr fortgeschleudert. Ich horte einen Schrei aus ihrem Munde. Da sprang ich wie ein Tiger auf Paolo los, zog einen Dolch, den ich in meiner Brust verborgen, und stieß ihn dem grimmen Priester in das schwarze Herz. Er brüllte auf und brach zusammen. Dies war so schnell gesehen, daß die Männer, die ihn umgeben hatten, bewegungslos dastanden. Bartolo aber, der voraussah, was nun kommen müsse, und wahrscheinlich noch einiges Wohlwollen für mich hegte, schrie: „Werft den Mörder in den Tiber!" Und mit diesen Worten erhob er mich, zwanzig Arme griffen nach mir, und wie einen leichten Federball schleuderten sie mich in den Strom. Ich sank unter . . . Als ich das Bewußtsein wiedergewann, lag ich in einem kleinen reinlichen Zimmer, von Männern auS der jüdischen Krankenbrüderschaft umgeben, die sich bemühten, daS Leben wieder in mir zu erwecken, oder den wiedererwachten Funken anzufacken. Ach, lange Zeit wußte ich ihnen keinen Dank dafür, und noch oft verwünschte ich später ihre brüderliche Hülfeleistung. Man hatte mich merkwürdiger Weise mit den Kleidern an dem Haken eines Pfahles hängend, welchen letztern ich zugleich mit einem Arme umschlungen hielt, gefunden. Wahrscheinlich hatte mich der Strom gegen diesen Pfahl geworfen; ich war durch den Schlag zu einem halben Bewußtsein gekommen und hatte den Pfahl instinctmäßig mit dem Arme umgriffen, wobei meine Kleider an dem Haken sich festnestelten. Auch da, auf dem Lager bei den Brüdern kam mir das Bewußtsein nur auf einen Augenblick zurück und ein hitziges Fieber löste die Erstarrung im Kampfe um das Dasein ab. ES währte lange, ehe ich wieder genas. Was mit meiner Mutter geschehen? Man hat es mir niemals vollständig mitgetheilt. Der wüste Haufe hatte sie niedergeworfen; Stunden, nachdem dieser aus dem Ghetto verschwunden , wo er geplündert und mißhandelt genug, hatte man sich aus den nächsten Häusern herausgetraut, den Körper ausgenommen, und am Abend desselbigen Tages begraben. Die Leiche Paolo's hatte man in den Tiber geworfen, damit der Stroin sie hinab trage und jeden Verdacht, jede Untersuchung vom Ghetto ableite. WaS blieb mir noch übrig? Mir war Nom mit seiner Engelsburg, seinen Kirchen und seinem Ghetto tief in der Seele zuwider, und kaum war ich wieder erstarkt, und hatte das Grab meiner Mutter immer und immer wieder mit meinen Thränen benetzt, als ich den Wanstab ergriff und nach Norden pilgerte. Erst in Mailand machte ich Halt, und es gelang mir daselbst eine Stelle in einem Kaufhause zu erhalten. Ich erlernte schnell, was ich verrichten und arbeiten sollte, ja stieg bald aufwärts und hatte es ganz nach Wunsch. Lebte ich doch nur für meine Pflicht und war mir der Vortheil meines Herrn das höchste Interesse, das ich kannte. Meine Mußestunden waren mir zuviel. Der Geist der Wehmuth und des Trübsinns, ich konnte nicht vergessen, was ich erlebt und was ich verloren, wich nur der Thatigkeit. Nun, es wäre vielleicht besser geworden um mich, die Jugend vernarbt Alles, auch die tiefste Wunde — wer weiß, welche glückliche Laufbahn mir bevorgestanden hätte! Aber ich sollte ja nicht glücklich sein. Kaum hatte ich das achtzehnte Jahr zurückgelegt, als eines Morgens ein französischer Sergeant in das Geschäftslocal eintrat, und mir eine AssentirungSordre übergab. Ich war Fremdling in der Stadt, hatte keine Heimath und Verwandte, und unterstand so bedingungslos der Recrutirung. Meine körperliche Beschaffenheit stand dieser nicht entgegen, und da Napoleon nach dem Bruche de8 Friedens von Amiens große Heere aufstellen wollte, und hierzu auch neue italienische Regimenter errichtete, wurde der arme Judenknabe in ein solches gesteckt. So diente ich dem Ehrgeize des französischen Kaisers zwölf Jahre lang als Soldat in allen Ländern Europa's, in Deutschland, der Schweiz und Italien, in

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