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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-31 · Heft 5 (31.1.1871) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 5 (31.1.1871)
Date
1871-01-31
Page
Seite 93 (sequence 13)
Language
German
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93 hervorzuhcben, daß bei allen Schwierigkeiten deititoch an der allmäligen Lösung nicht zu verzweifeln ist, und zwar weil in diesem Volksstamme ein unzerstörbares geistiges Element, eine Geisteskraft und Begabung liegt, welche der Eultur Halbwegs entgegenkäme, sobald sie sich beide erst zu einander hcranbcwegten. Auch brauche ich nicht zu erwähnen, daß die Hindernisse nicht allein in den hiesigen Juden liegen, sondern auch in ihren äußern Verhältnissen. Will man aber auf diese Masse gewirkt sehen, so darf man sich zweien Täuschungen nicht hingeben. Die erste besteht darin, daß man sich scheut, die eigentlichen Mängel offen zu legen, aus Furcht, die Judenfeinde benützen es, um auf die Juden zu schmähen. Die Zustände aber selbst sprechen mit so lauter Stimme, daß es wahrlich nicht daraus ankonunt, ob wir die unsrige damit verbinden mögen. Die andere aber beruht in einer Anschauung, die jetzt in Deutschland sich allzusehr wieder Raum schassen möchte, und der wir nngescheut zu Leibe gehen müssen, nämlich die, daß die polnisch-russischen Juden, wenn sie durch besseren Unterricht ihrer unbeschreiblichen Unwissenheit entzogen würden, an strenger Neligiosität und am Talmudstudium verlieren würden. Dies läuft doch am Ende darauf hinaus, daß die westeuropäischen Juden zu der Stufe zurückfallen sollten, welche sie bis zur Bütte des vorigen Jahrhunderts eingenommen, und da sie dies weder können noch wollen, die russischen Juden darin conservirt werden müßten, gleichsam um für die westeuropäischen Juden hinsichtlich der Frömmigkeit einzntreten. Dies ist Alles so verkehrt wie möglich. Denn was muß eine Religiosität und ein Studium werth sein, die solche Produkte Hervorbringen, wie sie hier zu Lande gefunden werden, und über welche fast ein Drittel des ganzer! jüdischen Stammes zu Grunde gehen soll. Denn darüber kann kein Zweifel sein, daß die Hauptsache des leiblichen und geistigen Verfalls unserer russisch-polnischen Glaubensgenossen in der grenzenlosen Unwissenheit liegt, welche bei ihnen herrscht, und von der sich der beschränkteste und am wenigsten unterrichtete deutsche Landjude keinen Begriff machen kann. Aber auch die vornehmeren urib gebildeteren E lassen, die sich in einen verbissenen polnischen Patriotismus förmlich hineingclogen und dadurch jeden Sinn für Juden und Jndcnchum verloren haben, obgleich sie sehr gut wissen, daß in einem etwa restituirten Polen für freie Juden kein Platz ist, jene erfreuen sich keiner größeren Bekanntschaft mu den großen Männern, auf welche die Juden Deutschlands stolz sind, die sie als ihre Wohlthäter betrachten. Man darf sich, indeß darüber nicht allzusehr wundern: es geschieht hier nichts zur Hebung und Belebung des Judenthums; cs fehlt an Männern, die für dasselbe Herz und Kopf haben. Eine jüdische Presse e^istirt hier nicht; das, meines Wissens, einzige Blatt dieser Art, der in Warschau in polnischer Sprache erscheinende „Israelit" ist färb- und einflußlos; auch die unglücklichen politischen und socialen Verhältnisse des Landes trugen seither nickt wenig zur Stagnations des Judenthums und seiner Bekenner bei. Das größte Unglück für die jüdische Bevölkerung sind aber unstreitig die Rabbiner Polens. Die bedeutendsten Nabbinate sind nämlich von ehemaligen, bankerotte!: Kaufleuten besetzt, die sich glücklich fühlen, nach den Stürmen eines vielbewegten geschäftlichen Lebens in -einen ruhigen, sicheren Hafen eingelaufen zu sein, wie der verstorbene Meisels in Warschau es war und sein gegenwärtiger 'Nachfolger es ist, sowie viele andere an anderen Crtcn, oder von, in dumpfen Lern Häusern herangebildeten, früh verheiratheten und mit einer reichen Kindcrschaar gesegneten Talmudisten mit beschränktem Gesichtskreise und noch beschränkterer Thatkraft und Initiative. So hatte ich erst kürzlich das Vergnügen, voll dein Rabbiner einer sehr großen Gemeinde folgende Auskunft über unser Vaterland zu erhalten: „Sie sonnen aus Tatschland, aus Aschkenoos, ich kenn's; jo, jo, — do draußen; — auch dorten wohnen Jiden." Unb dabei wiegte er seilten wildbehaarten Kopf und seinen übrigen halbverwahrlosten Körper mit einem Pathos und einem Selbstbewußtsein, als wäre er der größte Ethnograph seines Jahrhunderts. Natürlich unterließ ich nicht, seine Kenntnisse auf diesem Gebiete etwas zu ergänzen und ihm u. A. mitzntheilcn, daß nicht allein Inden, sondern sogar sehr einflußreiche, berühmte Juden dort wohnen, deren Leistungen ans jedem Gebiete menschlichen Strebens und Schaffens eine hervorragende Stellung einnehincit, und die allseitigste Anerkennung finden. — Einen anderen Rabbiner, gleichfalls einer bedeutenden Gemeinde angchörig, hörte ich an den verwiesenen Bußtagen über izin ism u. s. w. predigen: er klagte u. A. „daß sehr viele Frauen, statt dicht behaubl zu gehen, schon nach „tatschein Minhag" ripT:

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