Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1871)
- Date
- 1871-01-31
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226804--29149-3251974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
83 Sicht sich aber der Mensch in solcher Gemüthsstimrnung, in solcher gänzlichen Zerrüttung des höheren geistigen Lebens um, so gewahrt er den Segen einer positiven religiösen Ueberzeugung, die Fülle des Heils, die in einer reinen positiven Religion enthalten ist. Diese ist es, welche, an die Schwäche des zweifelnden Menschen herantritt und ihm durch die Festigkeit ihrer Lehre Sicherheit seines innersten Glaubens, Trost und Aufrichtung gewährt. Sie lehrt ihn, das Reich Gottes hängt nicht von der Zeit und den Menschen ab; es ist ebenso gut mit dem Menschen geworden, wie sein Zwist und sein Hader; da dem Menschen die Freiheit gegeben worden, must dieses göttliche Reich mit den Leidenschaften des Menschen, mit seinen Verirrungen und seinen Stürmen kämpfen; aber sei gewiß, daß es über Alle lnumphirt. Was die Zeiten gebären, geht mit den Zeiten dahin; was aber ewig ist, weil es göttlich, das geht immer wieder siegreich hervor und nach kürzerer oder längerer Unterbrechung, verdrängt cs seine Gegner und behauptet seinen Platz. Und was die Religion lehrt, wofür sie ntcht Deine Gründe, sondern Deinen Glauben fordert, einen trotz widerstreitender Erfahrungen in der Diese Deiner Vernunft und Deines Herzens verbleibenden Glauben — das erweist auch die Geschichte. Die Personen und die Fragen der Zeiten, seien jene Völker oder Fürsten, diese politischer oder kirchlicher Art gewesen, sind vorübergegangen; aber die Erforschung der Wahrheit, die Auffindung des Brechts und das Berständuiß der Schönheit, die harmonische Bereinigung der Liebe zu Familie, Vaterland und Menschheit, die Humanität, die wahrhafte "Religion, sie sind empvrgesprosien, immer wieder zum Durchbruch gekommen, haben immer die Stürme überdauert, und nach und nach mit immer erneuter Arbeit dauerhafte Quadersteine zum Bau des Gottesreiches zusammengefügt. Schließen wir uns daher um so inniger au die reine und wahrhaftige Religion und an ihre positiven Lehren an. Zur Zeit, wo uns das Herz in der Brust erzittert, wo in unserm Geiste die Zweifel und die Fragen auf einander folgen, und die Zerrüttung und Zerklüftung vor unfern Augen das Beste und Edelste, das wir bis dahin besessen, erfaßt und zertrümmert, und wir verloren zu haben scheinen, waö wir mit unserm ganzen Bewußtsein und Wesen festgebalten hatten — da vermögen wir durch den treuen Anschluß an die Gotteslehre uns über uns selbst zu erheben und zu sagen: Rein! wir werden das Ideale nicht verlieren, weil es von Gott in uns gesenkt ist. Nie jüdischen /eldgeijilichen. Wir erhalten folgende Zuschrift des verehrl. Borstandes der Israelitischen Gemeinde zu Schwerin (Mekleuburg», welche uns der prineipiellen Bedenken wegen eine Besprechung zu erfordern scheint. Nach einer verbindlichen Einleitung lautet sie: „Die Anstellung christlicher Feldgeistlichen läßt sich ans dem Gesichtspuncie rechtfertigen, daß ihnen die Seelsorge obliegt, welche sich in Darreichung der Sterbefacramente, den Seelenmessen, dem Abendmahle, der Beichte und Sündenvergebung, den zu Gunsten der Kirche zu erzielenden letztwilligen Verfügungen und dergl. äußert. Also hat der Geistliche, besonders während des Krieges, ein sehr weites Feld der Thätigkeit. „Dagegen das Judenthmn kennt eine derartige Seelsorge nicht, sondern tritt ihr sogar entgegen. Dasielbe lehrt nicht den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien, vielen ehr will cs jeden seiner Bekenner züm Priester erheben, der in sich selbst stark und kräftig genug ist, unmittelbar aus den nie versiegenden, reichen Heilquellen unserer heiligen Religion 511 schöpfen, wie denn auch die Pflicht jedes Einzelnen, seiner Priesterstellnng würdig zu erscheinen, in dem bekannten Mahnrufe Hillel's gipfelt: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?" „Haben wir also keine Geistlichen und Seelsorger, so sind doch unsere Rabbiner vor Allein dazu berufen, durch Lehre und Beispiel, durch Pflege und Förderung des jüdischen Wissens im Dienste unserer Religion zu wirken. Darum ist es gewiß sehr wünschenswerth, wenn Rabbiner es sich angelegen sein lassen, im Feldlager bei passender Gelegenheit, wie z. B. an Festtagen, die jüdischen Krieger zum Gottesdienst zu vereinigen und denselben durch eine Predigt zu heben. Dazu bedarf es aber nicht der staatlichen Anstellung von Rabbinern, sondern es werden sich schon unter denselben einige in der Nähe des Kampfplatzes wohnende finden, welche, mit oder ohne Hülse freiwilliger Geldbeiträge, den jüdischen Kriegern die Wohlthat und den Segen eines öffentlichen Gottesdienstes bereiten, wie die Erfahrung in unserer Zeit lehrt. Nur darf auch in dieser Beziehung nicht an ein Privilegium unserer Rabbiner gedacht werden; denn Jeder, wenn ihm nur das gehörige Maaß des Wiffenö zu Gebote steht, hat daö dtedjt und auch die Pflicht, zu lehren, wie z. B. der Handwerker Rabbi