Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1871)
- Date
- 1871-01-31
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 sämmtlich, wie im Mittelalter selbst die Bürger einer Stadt in gegen einander befestigten Burgen, auf deren Mauern Tag und Nacht die Bewaffneten stehen, zu Angriff uni> Abwehr bereit, und so besitzt das Neckt in den Staaten und unter diesen nur erst noch eine schwache Macht, die jeden Augenblick bestritten und niedergeworfen werden kann. Doch diese Befürchtung lähmte den Fortschritt deö Idealen nicht, sondern feuerte vielmehr an, ihn mit aller Kraft und Anstrengung zu fördern. Nun, feit anderthalb Jahrzehnten ist diese Furcht zur Wirklichkeit geworden und hat die Hoffnung, wenn nicht in die Flucht getrieben, doch so in den Hintergrund gedrängt, ihr das Vicht des Tages entzogen, und zu solcher Schwäche und Mattigkeit verurtheilt, daß wir mit -liecht sagen können: wir stehen in Gefahr, die ideale Welt zu verlieren für jetzt und für lange Zeit. Seit anderthalb Jahrzehnten ist die Gewalt, ist die entschiedene Macht der Waffen, ist der Staaten- und Bölterkrieg wieder in die eivilisirte Welt eingetreten und raschen Schrittes ans den Thron derselben gestiegen. 2a, diese rohe Gewalt hat in der Menschheit das Scepter wieder ergriffen und Alles liegt vor ihm im Staube. Freilich trat sie zuerst mit dem Scheine auf, das Recht verthei- Vigen und im Dienste einer Idee arbeiten zu wollen. Rur der Knrzsichlige konnte sich täuschen lassen. Sobald das Recht zu den Waffen greift oder greifen uuifj, hat es seine eigenste Natur verloren. Es bekennt datnit, das; es als Recht keine Macht besitzt, daß es in den Greifen, in welchen es an die Waffen appelliren muß, als Recht nicht anerkannt ist; die ideale Welt ist hiernitt zerstört, verhüllt ihr Angesicht und entflieht. Tieö bewährte sich denn auch bald. Tenn dieselbe Waffengewalt, welche für das Recht und für die Freiheit aufzutreten vorgab, warf sich bald zur SchiedSrichterin im Schoße fremder Rationen auf, verfocht daun das Princip der Rationalität, umrde hierauf znm Bruder- und endlich zum Völkerkriege. Hier hat sie ihre Höhe erreicht und ihre eigentliche Natur völlig aufgedeckt. Alle die Leidenschaften, welche sie in ihrem Schoße birgt, brachen hervor. Der Bolkshaß überschwemmte die Welt; Mordnnd Brandlnst ergriff die Gemüther; die früher friedfertigsten und menschenfreundlichsten Herzen sind von Ingriinin erfüllt und sehen mit Befriedigung den Gegner und feine stolzesten Schöpfungen dein Untergang anhe'nnfallen; die Wulh, die Rachgier verblendet die Augen, und arbeitet für das eigene Verderben. Wo wäre da auch nur eine Fiber, die sich für das Ideale noch regte? Und nicht bloß bei den Völkern, die im Kampfe begriffen sind. Tie ganze Schwäche eines idealen Strebens erwies sich, als es galt, den furchtbaren Kampf zu beschwören und zu behindern. Niemand regte sich. Was das Völkerrecht seit langer Zeit festgestellt, was feierlich Unterzeichnete Conventionen bestimmt hatten, wurde mit Füßen getreten: die andere Welt kreuzte die Arme dazu. Im Gegentheil, für schnödes Geld wurden den Kämpfenden Waffen aller Art in ungeheuren Massen zugeführt, um den Kampf innner wieder zu erneuern und inuner mehr zu entflammen. Mau nimmt aller Orten Partei für den einen oder den andern der beiden Kämpfer, nicht nach Recht und Ueberzeuguug, sondern nach Borliebe und Widerwillen. Wir sprechen hier nicht von den Ursachen, Zielen und Ansgang des Kampfes, sondern nur von dem Kampfe selbst, von der Art, wie er geführt wird, von den Wirkungen, die er hervorgebracht. Und hier wieder nicht von dein unermeßlichen Glend, das er über viele Millionen gebreitet, wie er von Beginn an gerade in das Glück zahlloser Familien zerstörend eingriff, sein Schreckensspiel damit anhob, hunderttausende von Schuldlosen aus ihren liebgewonnenen Stätten mit Weib und Kind, mit Greisen und Kranken hinauszutreiben, wie er Städte verwüstet und unzählige Dörfer von der Oberfläche der Erde vertilgt — wir sprechen nur von seiner erdrückenden Wirkung auf die höhere geistige und sittliche Welt, auf das Ideale, diesen Leben öodem der Menschen und der menschlichen Gesellschaft. Wir fühlen, daß es uns entschwunden ist für jetzt und lange Zeit. Ist der Friede znruckgekehrt, hebt die Arbeit des Friedens wieder an: das Bewußtsein des Idealen, feiner Entwickelung, seiner sich erweiternden Herrschaft, seines dereinstigen Reiches ist tief erschüttert, ans unzähligen Geistern entschwunden, und feine Ahnung in der Masse des Volkes erstorben. Wenn die Diplomaten die Feder niederlegen, mit welcher sie den Friedensvertrag unterschrieben, so ist damit der innere Friede noch lange nicht der Welt wiedergegeben, und es wird im günstigen Falle eines großen Zeitraumes und vieler Anstrengungen bedürfen, um nicht allein die materiellen Wunden zu heilen, sondern die geistige Gistfaat wieder anszurotten. Und da ist es eben die Frage, die auf allen Lippen schwebt: wird der Friede ein dauernder sein? werden nicht nach kurzer Dauer die Waffenabermals in den Händen der Machthaber klirren? Tiefe Frage ist es, welche die Ohnmacht der idealen Welt erst recht bezeugt.