Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1871)
- Date
- 1871-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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35. Jahrgang. Allgemeine JW Z. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Hcrausgegcben von Rabbiner vr. Ludwig Phitippson in Bonn. Leipzig, den 31. Januar 1871. Diese Zeitung erscheint wölbentlicb einmal Dienstags, in 2 bis 21/2 Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. >?albsährig 2 Thlr. Vierteljährig t Tblr. Inseratwerden mit I '/2 Ngr. für die Pctitzeilc oder deren llfaiim berechnet. 21 Uc Buchhandlungen, Postämter und Zeit»,,^Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expcdiiwn für beide Letztere hat sich daS König!. Sächs. Haupt-Zcituiigs - Bureau unterzogen. 3 n 1) fi H. Leitende Artikel r Was wir %\i verlieren haben? — Die jüdischen Feldgeistlichen. — Die Loldaten jüdischer Religion in den" deutschen Heeren. — Sammlung für die durch den Krieg verunglückten Israeliten in Ltraßbnrg, Metz uttd Landgemeinden dcö Elsaß und Lothringens. — Li teraris eher W 0 chcnbericht: Bonn, Oppeln. Zeitmigsnachrichten: Deutschland: Erfurt, Hildburghansen, Vom Main, Fürth, Danzig. — Ocsterr. - u ngari s ch e M 0 n a r ch i c: Wicn, Pest, Prag, PrzemySl. - Belgien: Brüssel. — R u s; land: Von der Weichsel. -- Nordamerika: New-?)ork. ^enilleton-Beilage: Der 'taube Soldat. (Schluß!. — Der Jude „Shylcck auf den Brettern. — Der Retpcct oder Dercch crc;. — Corrcjponoen;. — Euriosum. Leitende Artikel. Bonn, 15. Januar. Was wir zu verlieren haben? Was wir zu verlieren haben? Was wir gegenwärtig bereits zum Theil schon verloren haben? Es ist das Ideale, dieser höchste und edelste Theil des Menschendaseins, dieses reizvollste Element des Lebens. Wir Alle wuchsen und lebten im Bewußtsein einer höhern Welt, die über all' diesem Stofsleben steht, diesem Stosfleben, das, so abgeschliffen und rassinirt es auch sei, doch nur von der Dichtigkeit der Atome, d. i. von der Zusammenfügung, der Harte und Schwere der Elemente bestimmt wird — im Bewußtsein jener höheren geistigen Welt, in welcher die Erforschung der Wahrheit, die Auffindung des Rechts und das Verftändniß der Schönheit den Inhalt ausmachen, in welcher die Liebe zur Familie, die Liebe zum Vaterlande und die Liebe zur gesummten Menschheit zu einem harmonischen Strome sich vereinigen, und die vom menschlichen Standpuncte ans Humanität, abgeleitet aus ihrer ewigen Urquelle aber, aus Gott, und zurückgeführt zu Gott, dem unendlichen Weltengciste, unendlich im Großen, wie im Kleinen, Religion genannt wird. Man war sich bewußt, daß alle Arbeit des Geistes zur Entwickelung, Ausdehnung und Befestigung dieses höher», dieses anwachsenden Gottesreiches hinzielt. Aber auch die materiellste Industrie war, wenn nicht iminer von der klaren Einsicht, doch von der Ahnung beseelt und geleitet, daß ihr Wirken auch nur im Dienste dieses großen Strebens, dieses dereinst allmächtigen Reiches stehe. Sie wollte die große Völkerfamilie im friedlichen Austausch ihrer Erzeugnisse zu einer Einheit verknüpfen, das Proletariat aus seinem Elend zu einem menschenwürdigen Dasein erheben und die Interessen der Nationen und Staaten so ineinander verweben, daß ihnen der allgerneine Frieden zu einer unbedingten Nothwendigkeit werde. Wir erwuchsen und lebten, sage ich, in diesem Bewußtsein, in der Gewißheit des Ideals, in der Ueberzeugung seiner wachsenden Erfolge, seiner dereinstigen vollständigen Herrschaft. Jndeß war dies bei den Einsichtsvollern eben nur noch Hoffnung. Wir können uns z. B. auf unsre oftmaligen Aussprüche aus den vierziger Jahren berufen, wo wir sagten: die civilisirte Welt steckt noch tief in der Barbarei, die Völker stehen noch alle auf dem czui vive, die Staaten befinden sich noch