Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1871)
- Date
- 1871-01-24
- Page
- Seite 79 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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79 sicher weiß man, daß der große Shakespeare, als er gegen Ende des 16. Jahrhunderts sein — aus nicht minder denn sechs Fabeln zusammengesetztes — Drama „Der Kaufmann von Venedig" schrieb und im Londoner Black-Friars-Theater sofort zur Aufführung brachte, dieß lediglich um der Shylock-Fabcl willen that, die ja um so interesianter und piquanter, als sie einen Juden zum Mittelpuncte hat, der schwarz genug gemalt ist, um auf eine Volksmaste, wie die von London damals gewesen, die stärkste Zugkraft üben und allabendlich ein großes Theater bis aus den letzten Platz füllen zu können. William Shakespeare war - und dies thut seiner wahren Größe sicherlich nicht den mindesten Eintrag —Dramaturg und Theaterb-esitzer zugleich, war „Dichter und Kaufmann" in einer Person. Alles, was er schrieb, mußte auf der Stelle in Scene gehen, und das Haus ü tout prix gefüllt werden. Sei es nun, daß dies geschah, damit der Ruhm des Dichters erhöht, oder damit die Casse der Direction mit der ihr nöthigen Nahrung gespeist, oder auch daß beides auf einmal erreicht würde, — jedenfalls ist die monströse Figur des Juden Shylock, — der einerseits sein einzig Kind, „sein eigen Fleisch und Blut" verflucht, und andererseits von einem Christen „ein Pfund Fleisch zunächst dem Herzen" sich verschreiben läßt, — nur zu dem Zwecke geschaffen, um von den Bretern herab, „welche die Welt bedeuten," die Kinder dieser Welt zu erregen, zu erhitzen und — wo es sein kann — auch zu fanatisiren. Was ist diesem venetianischen Juden nicht Alles in den Sinn und in den Mund gelegt, um ihn zu dem zu stempeln, was er — gemäß den Intentionen des Dichters — eigentlich sein soll: der Wucher-Dämon, der Hab- und Gewinnsuchts-Teufel, der Mammons-Orkus, das geldfressende Ungeheuer! — Und wie ist dieses Riese n-M o n st r u m entstanden? — Nur durch willkürlichen Tausch und eigenmächtige Verwechselung, indem nämlich der Dichter — gleichviel nun, aus was für Absicht und Berechnung — an die Stelle eines hartherzigen Christen, welcher eigentlich der Wucherer war, einen steinreichen Juden treten ließ. Aus den zur Schaffung des Dramas benutzten ältern Ouellen, zu denen die lateinische Märchensammlung „Gesta Kmnaiiorum“, eine Erzählung aus dem italienischen Novellenschatze ,.II?oieoione," die englische Ballade „In Venice towne not long ajroe“ und noch manche andere Schriften gehören, — geht unleugbar hervor, daß entweder der Wucherer ein Christ und der von ihm so hart verfolgte Schuldner ein Jude, oder daß beide Männer, der Dränger und der Bedrängte, Christen gewesen. In keinem Falle also ld. h. nach keiner der benutzten Quellen) ist Der, welcher im Shakespear'schen Drama als „Jude" anstritt, wirklich ein Jude gewesen. Der Shylock ist also ein untergeschobenes Kind, oder es ist seine Geburt Nickts weniger als eine legitime. — Und dieser literarische B'astard macht nun seit Jahrhunderten schon die Rundreise durch alle civilisirten Länder und Völker, — und überall streiten die größten Bühnenkünstler sich um die Ehre, ihn zu spielen, — und überall drängen sich die Masten um die Comövre zu sehen, und überall endlich ist der Applaus desto lauter und stürmischer, je mehr eS gelingt, von dem Original bilde des Juden durch MaSke, Gesten, Sprache rc. eine treue Copie zu liefern. — Aber sollte man sich hierüber beklagen? Im Gegentheil. Je mehr man jetzt — in unserer aufgeklärten und vorgeschrittenen Zeit — dem ,,Shylock auf den Bretern" zujauchzen sieht, desto erfreulicher mußte es sein, da es ja nur den Beweis liefert, wie man den Dichter und den Darsteller zugleich ehrt und also den Verdiensten Beider zugleich die Gerechtigkeit wiederfahren läßt, die ihnen zukommt. — Doch hieraus naher einzugehen, ist am allerwenigsten unsere Absicht. — Uns liegt's vielmehr nur noch ob, von den Wanderungen und Wandelungen, welche der „Kaufmann von Venedig" auf deutschem Boden durchgemacht, Einiges mitzutheilen. Kaum möchtest Du's glauben, lieber Leser, daß Shakespeare, ■— am 23. April 1564 zu Straffor d am Avon geboren, — noch lange nicht aus dieser Welt geschieden war, als sein in Rede stehendes Drama, in's Deutsche übertragen, hierzulande schon aufgeführt und, wie es sich gebührt, bewundert wurde. Der große engliche Dichter hat, wie bekannt, genau an seinem 52. Geburtstage, also am 23. April 1616, zu leben aufgehört, und nach Rud. Genoe's „Geschichte der Shakespeare'schen Dramen in Deutschland" ist beretts im Jahre 1611 auf der Bühne zu Halle a. d. Saale der „Kaufmann von Venedig" zum ersten Mal in Scene gegangen. Das Stück wurde als „Deutsche Comödie aus dem Englischen" bezeichnet und unter dem Titel „Der Jude von Venedig" aufgeführt. Nicht anders, als unter eben dieser Firma, sehen wir dieses Schauspiel von da ab noch fast zwei Jahrhunderte lang auf den deutschen Bühnen figuriren. — In Wien hat man etwa zu Anfänge des 17. Jahrhunderts ein Manuscript gefunden, enthaltend eine Comödie, welche l obwohl in ihrem Sujet von dem Shakespeare'schen Stoffe gar sehr abweichend) neben der Bezeichnung „Das wohlgesprochene Urtheil eines weiblichen Studenten" noch den Titel „Der Jude von Venedig" führte. Der Name des Juden aber in dem Wiener Stücke war „Barnabas" — ganz so, wie in einem sehr ähnlichen Schauspiel von .Marlowe, welches „Der Jude von Malta" hieß und (nach Gen6eim Jahre 1626 zu Dresden von englischen Comödiauten (in engl. Sprache) ausgeführt wurde. — Später kommt der Jude, welcher bei Shakespeare „Shylock" heißt, unter dem Namen „Josepho" oder auch „Joseph" vor. Zuerst findet man diesen Namen gegen 1630 in einer Comödie, welche eine schwache Metamorphose des 26iencr Stückes ist, dem von Shakespeare aber in der Hauptsache sich dennoch nähert. Gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts ward — unter dein Titel „Josepho, der Jude von Venedig" in Dresden und Leip-