Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1871)
- Date
- 1871-01-24
- Page
- Seite 78 (sequence 18)
- Language
- German
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78 prägten Charakter hat und sich in Licht und Schatten bis zu Ende ausgespielt hat. So erging es wenigstens uns. Und noch Eins, lieber Freund. In gewöhnlichen Zeiten mag es wahr sein, daß die großen Weltereigniste weit über dem gemeinen Haufen von uns Menschen vor sich gehen, und es uns gleichgültig sein kann, was die Machthaber sinnen und schaffen. Kommt aber eine starke Erschütterung und Bewegung unter die Menschen, so ist kaum eine Hütte so klein und so entlegen, daß nicht ihre Säulen davor erzittern oder gar in den Staub sinken. So hatte die Revolution in Rom mich aus den Klauen der Propaganda gerissen und wieder in die Arme meiner Mutter geführt. Hätte sie Ruhe gehalten, würden auch wir Frieden behalten haben. Aber die repubücanische Herrlichkeit war von kurzer Dauer. Freilich hatten die Franzosen die römische Republik ausgerufen und eine Verfassung auf's Papier gebracht; fünf Consuln wurden gewählt, ein Senat und ein Tribunal eingesetzt. Aber es war nur leerer Schein; die Franzosen befahlen und die Römer mußten gehorchen. Das wäre noch angegangen; jene schrieben aber ungeheure Kriegscontribunvnen aus, erhoben unerschwingliche Kriegsstenern und plünderten alle Kunstschätze, deren kostbarste Stücke sie auswählten, einpackten und nach Paris verluden. Dies geschah Alles, ohne es zu verdecken, ganz öffentlich. Das Volk wurde schwierig, man rottete sich zusammen, man lehnte sich auf; man schrie und tobte. Aber die gcschlosienen Reihen der französischen Krieger durchzogen die Straßen und vor ihnen und dem furchtbaren Ernste ihrer Waffen wich der feige Pöbel schnell auseinander. Die Sieger zogen daraus nur um so mehr ihre Scheingründe, um zu knechten und zu bedrücken. So schlug die Stimmung in Rom bald um, und man seufzte nach der Erlösung von diesen Befreiern. Diese sollte allzubald kommen. Eine drohende Verbindung war'abermals gegen Frankreich zu Stande gekommen. Nicht blos aus Oesterreich, auch aus dem fernen Rußland wälzten sich wohlgerüstete und kampfgewohnte Heere zur Apenniuischen Halbinsel heran. Im Süden hatte der König von Neapel den Feldzug eröffnet, und eine zahlreiche, wenn auch schlechtbewassuete Armee unter dem General Mack an die römischen Grenzen gesendet. Die französischen Truppen waren zu gerinazählia und mußten sich zurückziehen; nur eine kleine Besatzung verblieb in der Engelsburg, wo sie sich aufs Stärkste verbarricadirte. Dies geschah am 22. November (1708). Einige Tage hielten noch die republieanischen Beamten die Stadt im Zaume. Aber es ging bereits ein unheimliches Gewühl durch dieselbe, man sah so viele zweideutige Gestalten wiedererscheinen und es that sich an allen Ecken so viel Widersetzlichkeit kund, daß man den Ausbruch einer neuen Empörung und zwar zur Wiederherstellung des alten Regiments in jeder Stunde erwarten konnte. Dabei näherten sich die neapolitanischen Horden mit Sengen und Brennen der Stadt immer mehr. Meine Mutter und ich konnten uns das Gefährliche auch unsrer Lage nicht verbergen. Kam die päpstliche Herrschaft zurück, so war auch ich verloren. Die Rache der vertriebenen und wiedergekehrten Priester mußte fürchterlich sein, und nach größerer oder kleinerer Schuld wurde da nicht gefragt. Wir beschlosien zu fliehen, denn überall schien es für uns sicherer als in Rom. Wohin? wollten wir Gott überlasten. Am 28. brachte ich meinem edlen Beschützer, was ich ihm schuldete, und in der Nacht schnürten wir unsre Habseligkeiten zusammmen, um das erste Grauen des Tages zur Flucht zu benutzen. Ja, es war ein Grauen; der 'Nebel stieg aus dem Tiber dicht herauf und verdunkelte die Lust, daß der Tag nickt anbrechen konnte. Es wurde heller, und wir verließen das Hans. Wir gingen das Ufer entlang, um die nächste Brücke zu erreichen. Wir passirten die Hauptstraße des Ghetto, wo sie auf den Fluß mündete; der Fluß macht da eine Krümmung, wir wandten uns um die Ecke und schritten vor. Da kam uns ein dichter Schwarm von Gestalten, ein Haufe entgegen, der die ganze Breite der Straße füllte. Sie kamen schweigend herangedrängt, nur ein Summen und Brausen ging von ihnen aus. Wir wollten uns an die Seite drücken, um sie vorüber zu lasten. Da traten zwei Männer, die an ihrer Spitze zogen, näher an uns heran. Der Bvlkshause bestand aus Trasleverinern, welche, bewaffnet mit alten Gewehren und Säbeln, Piken und Heugabeln, Aexten und Prügeln in die Stadt eindringen, und El Papa R6 wieder ausrufen wollten, und an ihrer Spitze zogen — Paolo und Bartolo ... Der erste mochte wohl dem päpstlichen Urtheile entgangen sein, bei den priesterfeindlichen Franken aber seine Rechnung nicht gefunden haben und so die Gelegenheit wahrnehmen, sich bei der päpstlichen Partei wieder herzustellen. Er hatte Bartolo als geschickten Spießgesellen wiedergefunden. Kaum hatte der schreckliche Mensch einen Blick auf uns geworfen, als er ausrief: „Französische Spione! Auf, Freunde! stürzt Euch ans sie, vertilgt sie vom Erdboden, es sind Feinde des Heilands und des h. Vaters!" I Schluß folgt.) Der Jude „Shylock" auf den Vretern. Bon L. Weyl in Frankfurt a. Oder. Das „Vorwort" zu seiner Uebersetzung von Shakesspeare's ,,The Merclumt os Vtm'wo" beginnt Max Moltke mit dem Satze: „Im „Kaufmann von Venedig" feiert Shakespeare die allgemeine Menschenliebe zunächst als christliche Nächstenliebe überhaupt. Dann aber vornehmlich in ihren zärtlichsten und edelsten Aeußerungen als Freundes- und Gattenliebe, als Gnade und Barmherzigkeit, dem strengen Rechte gegenüber." — Das ist, unseres Erachtens, zu viel gesagt. Denn nur zu