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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-24 · Heft 4 (24.1.1871) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 4 (24.1.1871)
Date
1871-01-24
Page
Seite 80 (sequence 20)
Language
German
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80 zig mit großem Erfolge ein Stück gegeben, von welchem die Literarhistoriker lGenäe u. A.) annehmen, daß es kein anderes als Shakespeare's „Kaufmann von Venedigs gewesen. Der „Jud" ward allenthalben so gern gesehen, nnd seine Extravaganzen vermochten die Aufmerksamkeit der Massen so außerordentlich zu fesseln, daß nicht nur stehende Bühnen, sondern auch sogenannte ambulante Truppen sich des fraglichen Stückes bemächtigten, um damit Geschäfte zu machen. — Und gerade von solchen fahrenden Gesellschaften, — deren Wesen der große Goethe in seinem „Wilhelm Meister" so treffend portraitirt — sollen (wie namentlich Gen 6e es vermuthet) Shakespeare und Marl owe so unter ein andergemengt und ineinandergemischt worden sein, daß schließlich von dem Original des Einen, wie des Andern, nur geringe Spuren geblieben. — Was endlich noch den Schauplatz der Handlung anlangt, so ist dieser auch nicht immer die berühmte Lagunenstadt oder die Insel Malta, sondern eine Zeit lang auch ein anderes Eiland, nämlich das, welches CYpern heißt, gewesen. — Doch was rhut dies Alles zur Sache? Ob Marlowe oder Shakespeare, ob Cypern oder Venedig, ob Barnabas oder Josephs der Shylock: -sder traurige H eld des Stückes ist immer der „steinherzige jüdische Wucherer" gewesen, so wie die Tendenz der Eomedie auch immer dieselbe geblieben, nämlich „die Verfolgungs- und Nachsucht des Juden, gegenüber dem christlichen Mitbruder, in eclatantester Weise an den Pranger zu stellen." — Um aber das piquante Ragout noch mehr zu würzen, ward (nach Genee) gegen Ende des 17. Jahrhunderts dem in unserer Comödie agirenden Personal noch eine Art Hanswurst, als Lustigmacher, beigegeben. — Der eigentliche „Kaufmann von Venedig" mit dem Juden „Shylock" in seiner wahren und echten Gestalt ist in D e u t f ch l a n d erst in der andern Hälfte des 15. Jahrhunderts auf die Breter gekommen — und zwar in den sechs;iger Jahren durch die Wieland'sche und in den siebziger Jahren durch die Eschenburg'sche Uebersetzung der Shakespeare'schen Dramen. —Berlin bekam Shakespeare's „Kaufmann von Venedig" nicht eher als 1788 zu sehen. Die ersten Aufführungen dieses Schauspiels in der preußischen Hauptstadt wurden mit einem „Prolog" eingeleitet, den man von Ramler direct hatte dichten lassen, und in welchem man im Voraus gegen die etwaige Annahme sich zu verwahren suchte, als ob man mit der Vorführung deS „Sylock" das respectable Volk der Juden verspotten oder ihm auch nur irgendwie zu nahe treten wollte. — Heber diese Vorsichtsmaßregel der berliner Hoftheaterintendan; darf man sich aber, unseres Erachtens, umsoweniger verwundern, als ja damals die Juden Berlins, wenn auch politisch und bürgerlich noch lange nicht emanäpirt, in socialer Beziehung bekanntermaßen doch eine sehr hervorragende Rolle gespielt haben. War es ja die Zeit, wo — in Berlin namentlich — die Häuser der vornehmen Juden die Mittelpuncte des echten geistigen Lebens und Strebens bildeten, wo sie die Samme lplä tze — und wenn inan will, so kann man auch sagen: die Zufluchtsstätten — für die Aristokratie der Geburt, wie für die des Geistes abgaben — wo nicht nur Künstler und Gelehrte, sondern auch Ofsiciere nnd Cavaliere (und nicht selten sogar auch Mitglieder fürstlicher Familien) in die freien jüdischen Salons Zutritt suchten, um zu gleicher Zeit belehrt und zerstreut, zu gleicher Zeit unterrichtet und unterhalten zu werden. — Natürlich war man, unter solchen Umständen und Verhältnissen, den Juden eine gewisse Rücksicht schuldig, und diese allein ist es gewesen, welche mit dem Vortrage des gedachten „Prologs" geübt worden. —!Schluß folgt.) Cnriosa. (Ein weinender Knochen.) In Großwardeinhat sich nach „Nagyv." folgende Geschichte zugetragen. Die Frau eines isr. Sensalen verzehrte ihre Mahlzeit beim Zerschneiden eines Knochens, plötzlich sprang sie aber entsetzt auf, denn ein Klageton drang auS dem Knochen an ihr Ohr, wie der eines Weinenden. Sie eilt zu dem in der Nachbarschaft wohnenden Rabbiner, und legt ihm den Fall vor. Dieser beruhigte die Frau, die in der Knochenhöhlung eingedrungene Luft könne sehr leicht einen solchen Ton hervorgebracht haben; um jedoch dem Volksaberglauben Rechnung zu tragen, fügt er den Rath hinzu, sie möge eine fette Gans braten und drei Talmnd-Thora-Schüler dazu einladen, diese würden sich die Gans wohl schmecken lassen, und durch diese Wohlthat werde der allsällige böse Zauber gebannt sein. Und so geschah es auch. Br ody, im December. Der „Jbr. An." berichtet von einem jungen Mädchen, Namens Amalie Ebstein, welche vermöge ihres wunderbaren Gedächtnisses nicht nur die Gabe besitzt, alles einmal Gelesene, sei es hebräisch, demsch, französisch, rusiisch oder polnisch, fast wörtlich hersagen zu können, sondern auch in der Bibel bis zu einem erstaunlichen Grade bewandert ist; sie lernt Talmud sammt Toßafot und den Commentatoren. Aber auch in den schönen Künsten ist sie heimisch; so spielt sie z. B. vorzüglich Clavier. Das Mädchen ist kaum 14 Jahre alt. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur Dir. Letzt.

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