Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1871)
- Date
- 1871-01-24
- Page
- Seite 77 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Allgemeine FeuiLleton-Beilage zu Nr. 4. Leipzig, den 24. Januar 1871. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. (Fortsetzung.) Eine der ersten Handlungen des französischen Generals war die Oesfnung aller Gefängnisse. Aber man fand nur eine geringe Zahl, da, wie gesagt, die Opfer der päpstlichen Justiz bereits in den letzten Tagen bei Seite geschafft worden waren. Aber an mich dachte Niemand, die Kammern unter dem Kupferdache waren vergesien; mein Gefängnißwärter hatte sich geflüchtet. Ich war nahe daran, droben in der Höhe dem Hungertode zu verfallen. Aber mit den ersten, die den Franzosen in die Engelsburg nachgedrängt waren, befand sich auch meine Mutter. Sie achtete der Stöße nicht, die sie in der dichten Menge zu ertragen hatte, und als die Kerkerthüren sich öffneten, lief sie von einem zum anderen der Gefangenen — doch ihr Kind war nicht darunter. Da drängte sie sich vor den französischen General, warf sich ihm zu Füßen, flehte um das Leben ihres Kindes, erinnerte ihn, daß der Gesandte Joseph Bonaparte sich desielben so eifrig angenommen und daß er hier vor der Welt zu beweisen habe, wie vor der französischen Republik und ihren Machthabern jeder Glaube auf gleiches Recht, jeder Unglückliche auf gleichen Beistand Anrecht habe. General Borthier war gerührt und befahl die strengste Untersuchung, ob noch Gefangene vorhanden. Er verlangte besonderen Bericht hierüber. Da blieb es denn nicht lange aus, und den Franzosen wurde hinterbracht, daß es auch noch Kerkerzellen unter dem Dache der Burg gebe. Eine Ordonnanz stieg hinauf, meine Mutter begleitete sie. Auf dem Eorridor schon fing sie an, meinen Namen mit all' ihrer Kraft zu rufen. Endlich hörte ich diese Stimme, die mir wie der Ruf eines himmlischen Engels ertönte. Ich antwortete und schlug mit meinen, Fäusten an die verschloffene Thür der Zelle. Ein Jubelruf erscholl, die Pforte wurde mit Kolbenstoßen eingeschlagen — und ich lag in den Armen meiner Mutter. Ach, dieser Augenblick entschädigte uns für die Monate des schwersten Leids! Wie hatten wir uns Beide verändert, wie bleich und abgezehrt sah meine Mutter, sah ich aus! In den Zügen, im Blick, im Haar meiner arinen Mutter thaten sich die Veränderungen kund, die der Kummer über sie gebracht! Jndeß wir hatten uns wieder, wir hatten das Geschick überwunden, wir glaubten uns über jede Gefahr hinweg und kehrten, nachdem wir unser Schluchzen und Weinen gestillt, nach unserer kleinen Wohnung am Tiberstrande zurück. Gern würde meine Mutter Rom verlasien haben; aber wohin? und was ergreifen? Das ganze Land war tief erschüttert und unsicher, Marodeurs und Räuberbanden durchzogen es, übersielen die Landstädte und Dörfer und plünderten sie. Wir blieben also, und ich begann mein kleines Hausirgeschäft wieder. Wir glaubten, Paolo sei dem gerechten Gerichte verfallen: wer sollte uns also etwas anhaben? Jener edle Kaufmann überwies mir seine Maaren wieder, und das Geschäft ging gut. Rom wimmelte von Fremden. Wie man die Monumente und Trümmer der römischen Kaiser besuchte, ob diese auch längst von dannen gegangen: so wollte man jetzt die Stätten, Bauten und Herrlichkeiten des verschwundenen Papstthums betrachten, und fand hier überall freien Eingang. 4. Was ich Ihnen noch zu erzählen habe, werther Freund, will ich so einfach und kurz berichten, wie es möglich ist. Denn das Auge der Erinnerung weilt hier-- bei am schmerzlichsten. Die Furchen eines grausamen Geschicks schneiden tief in das Herz, und selbst die lange Zeit, die seitdem verflossen, konnte nur eine dünne Decke darüber breiten. Wir lebten still und heiter mit einander. Glaubten wir doch, daß der Sturm vorübergerast, und, durch unsere Standhaftigkeit beschworen, uns nichts habe rauben können. Aber es ist merkwürdig, und die Erfahrung hat es mir an vielen Beispielen gezeigt, wie beharrlich und consequent das Schicksal sich an manchen Menschen wie in einem festen Geleise durchführt. Man spricht viel von der Veränderlichkeit und dem Wechsel des Geschickes; das ist aber nur im Einzelnen und für kleine Zeiten der Fall. Blicken wir über das ganze Leben eines Menschen, so gewahren wir, vaß es einen ausge-