Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1871)
- Date
- 1871-01-24
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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69 Die Antragsteller verzichten auf das Wort. Der Antrag wird schließlich fast mit Einstimmigkeit genehmigt. Da der Justizminister so gut wie zugcstimmt hat, wird wohl auch das Herrenhaus den Gesetzentwurf annehmen, und somit auch dieser Glaubenszwang im preußischen Staate beseitigt sein. ' Berlin, 12. Januar. (Privatmitth.) II. Die letzte Nummer Ihrer geschätzten Zeitnng behandelt im Leitartikel wie in einer besonder» Correspondcnz aus Berlin das Judengesctz vom 23. Juli 1817 und die auf feine Beseitigung gerichteten Absichten. Alles, was in den beiden Artikeln, besonders im Leitartikel, in dieser Angelegenheit gesagt wird, entspricht vollkommen einer unbefangenen, allseitigen Erwägung, und dennoch erheischt die Wichtigkeit der Sache fortgesetzte Aeußerungen seitens aller Derer, die diesen Gegenstand längst schon ihrem ernsten Nachdenken zngewiesen haben. Auch nur eine volle, gewissenhafte Zustimmung ist nicht zurückzüweisen, allein cs könnten immerhin manche bereits vorgeschobene Grunde gegen den gesetzgeberischen Radicalismus noch mehr erhärtet werden, und wer solches thun zu können vermeint, der ist verpflichtet ein rechtes Wort zur rechten Stunde zu sprechen. Das geschehe hiermit. Jeder Zwang von Außen zum Zwecke religiöser Vereinigungen ist gegen alle Vernunft und alles Recht, darüber kann kein Streit sein, und wer heute auf den Gedanken käme religiöse Vereinigungen durch äußern Zwang oder Druck erst zu schaffen, der würde sicherlich ausgelacht werden. Allein so liegt die Sache nicht. Die Vereinigungen sind da mit bestimmten Verbindlichkeiten, mit bestimmten Aufgaben. Der erwähnte Leitartikel hat sich klar und deutlich über den vermögensrechtlichen Wirrwarr, über die der leeren Luft verbleibenden Verbindlichkeiten gegen Dritte ausgesprochen, die als Folge einer plötzlichen und gewaltsamen Sprengung der bisherigen gesetzlich festgefügten Gemcindeverbände hervortreten müßten. Auch der Zweifel in die gesetzgeberische Befugniß hierzu ist mit Recht stark betont worden. Allein hierüber ließe sich noch verhandeln. Es lassen sich Uebergangsepochen mit verbleibender Regreßpflicht für die bisherigen Mitglieder denken. Hamburg hatte Achnliches gcthan. Das ist aber nicht Alles. Die Gemeinden sind nicht blos da administrirt zu werden, sie haben Aufgaben zu erfüllen, Ideen zu verwirklichen. Und wie stehts damit? — Daß der Sturm von den sogenannten Orthodoxen ausgeht, ist ein Beweis, daß weder an eine Aufgabe noch an eine Idee. — im ernsten Sinn — gedacht wird. Denn welchen Gedanken, welche hohe Ausgabe hat man im Auge? — Daß die bN-ns" mbi-tp noch mehr zersprengt werden, soll das ein Gewinn für das Jndenthum sein? Wie lang ist's denn her, daß die Taufepoche sich geschlossen, daß man sich auf sich selbst besonnen und wie von einem neuen Geiste angehaucht sich den neuen Aufgaben mit liebender Theilnahme, ja mit einer Art Stolz zugewendet? — Doch wer hat dies gethan? — Die ehrlichen frommen Leute, diese Stillen im Lande Israel, kennzeichnen sich eben durch ihre Ruhe; die nach ge machten Ritter des Schulchan Aruch mit ihrem Einstellungssystem, d. h. diejenigen, die sich der religiösen Wehrpflicht ganz und gar entziehen, aber haben möchten, daß Andere für sie dienen sollen, die verdienen keinerlei Respcct, denn die wollen nichts als ihre Marotten oder unlautcrn selbstischen Zwecke. Die Regeneration unseres religiösen Lebens, die Erfassung und Forderung seiner idealen Zwecke ging und geht von dem besonnenen liberalen Lager aus. Die Schanzen und Wälle dieses Lagers aber sind noch neu, locker, ihre Sprengung würde ein Unheil sein, die noch nicht genug gefestigten Einzetglieder würden wieder in den Jndifferentismus zurückgedräugt werden und die mächtig werdende camera obscura der Andern würde wieder Alles auf den Kopf stellen! — Warten nur also mit unserm fiat Justitia (das rufen wir auch den Ultra-Liberalen zu). Das Bischen Idealismus, das wir schwer errungen , muß erst erstarken, das Bewußtsein von einer großen weltgeschichtlichen Aufgabe Israels muß erst tiefer in Aller Herzen gedrungen sein, man muß seiner selbst und seiner Verläßlichkeit sicherer sein . . . dann erst kann man getrost der freien Entschließung alles anheim geben. Bis dahin aber — und gebe Gott, daß es bald möglich wäre — wollen wir mit vollem Bewußtsein zum Ziele des Ganzen einen Zwang auf uns nehmen, der aus der bloßen Rcchtsabstraction heraus auch an uns keinen Anwalt findet. Berlin, 13. Januar. (Privatmitth.) An das Abgeordnetenhaus ist von einem Herrn M. I. Levy und fünf Genossen (worunter auch der jüngst bekannt ge- 4