Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1871)
- Date
- 1871-01-24
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
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63 eine solche Abgrenzung zwischen den Bekennern einer Religion, zwischen den Abkömmlingen eines Stammes stattfinden und erhalten werden sollte. Wir vermögen als Ursache eben nur die Gewohnheit zu erkennen, seinen Blick von den Grenzen ab nach dem Innern des Landes zu richten, und wie man das Weichbild seiner Stadt als eine natürliche Umgrenzung ansieht, so auch die Provinz und endlich den Staat als für sich bestehend zu betrachten. Dies mag nun in allen Dingen richtig sein, nur nicht in religiösen, nicht in jüdischen Angelegenheiten. Diese sind niemals deutsch oder österreichisch. Wir geben auch zu, daß es bei mancherlei Instituten angemefieu ist, sich zu begrenzen, weil die Drittel begrenzt sind und um die Wirksamkeit durch zu weite Ausdehnung nicht abzuschwächen. Man kann z. B. mit Fug und Recht eine Waisenanstalt nur für eine Stadt oder für einen Bezirk bestimmen. Dagegen giebt es Interessen, Anstalten, Unternehmungen, die nur verlieren , wenn sie abgegrenzt werden, welche theilweise ihren ganzen Zweck aufgeben, wenn sie dem Allgemeinen sich entrücken, welche die nöthigen Mittel nicht finden, wenn diese nicht von allen Seiten dargeboten werden, große, fruchtbare Gedanken, die in den Staub fallen, sobald der größere oder kleinere Cantönligeist über sie kommt und sie antastet. Gerade unsre Zeit ist die Mutter solcher Gedanken, und ihr schöpferischer Trieb ist angeregt und lebendig. Aber sie begegnet noch allzuhausig der kleinstädtischen und kleinstaatlichen Anschauung, und daher vermochte sie bis jetzt wohl Ideen an's Licht zu fördern, aber nur wenig davon auszuführen. Man ist bisweilen versucht, daran zu verzweifeln, daß sich diese Engherzigkeit verlieren werde. Hieran thäte man aber sehr Unrecht, denn es will eben Alles erst gehegt und gepflegt sein und ein Neues wird erst nach vielen Wehen, nach mancherlei Versuchen geboren. Iemehr dem Juden der Vergangenheit das Bewußtsein als jüdisches Individuum und der Gemeinde das Bewußtsein als Geineinde einwohnte, desto schwächer war in unfern Vätern und deren Nachfolgern bis zur Neuzeit das Bewußtsein der Gesammtheit, des Judenthums und der Judenheit. Nur außerordentliche, beklagenswerthe Schläge weckten in dem einen Theile daö Mitgefühl für den andern. Dies ist nun anders geworden. Neben der allgemeinen Entwickelung und der Richtung der Geister ins Große und Allgemeine hat hierzu die jüdische Presse wesentlich beigetragen, und die Hauptarbeit dieser Zeitung bestand gerade hierin. Das Judenthum ist eben nicht mehr blos die Religion des jüdischen Individuum-, es ist zum Bewußtsein seiner welthistorischen Mission und Stellung heraufgeftiegen, und auch die Judenheit ist sich bewußt geworden, daß sie bei und trotz aller Nivellirung noch eine eigenthümliche Stellung einnimmt, und wäre diese auch allein als Trägerin des Judcnthums. Sind wir demnach auch hierin in einem Uebergang begriffen, so ist es ersichtlich, daß gemeinsame Zwecke immer noch verhältnißmäßig wenige offene und begeisterte Herzen und darum nur zerstreute Mittel finden, so daß staatliche Abgrenzungen nur um so hemmender eintreten. — Hierzu kommt nun, daß die Juden Deutschlands und der österreichischen Länder einen historisch gemeinsamen Boden, nämlich den deutschen, die deutsche Sprache haben. Nicht blos die Juden der eigentlich österreichischen Länder, deren Zahl ja auch sehr gering ist, da selbst die 10,000 Seelen Wiens zu Neunzehnteln erst seit 1848 dort eingewandert sind, sondern auch die böhmischen, mährischen, ungarischen und slavischen Juden sprechen ursprünglich deutsch, so viel sich auch die Juden in Ungarn in den letzten Jahrzehnten magyarisirt und viele Juden in Galizien den Polen sich angeschlossen haben. Wir verlangen gewiß nicht, daß unsre Glaubensgenossen in diesen Ländern sich der Nationalisirung, soweit diese berechtigt ist, entziehen mögen. Aber die jüdischen Bestrebungen als solche haben damit garnichts zu thun, da sie sich nur aus religiöse Dinge beziehen. Wirkt in diesen die Million Juden in Oesterreich mit der halben Million in Deutschland in Einverständniß zusammen, unterstützen diese sich gegenseitig in gemeinsamen Werken zur Entwickelung und Erhaltung, zur Pflege und Veredlung des religiösen Lebens, so können die Erfolge nur groß und segensreich sein. Dies ist eö, was wir allseitig ans Herz legen, und wohin zu wirken wir Alle auffordern. Die Soldaten jüdischer Neligion iit den deutschen Heeren. Wir haben, wie aus Nr. 32 v. I. und Nr. 1. d. I. bekannt, in Sachen der jüdischen Feldgeistlichen daS Gesuch an die Vorsteher der jüdischen Gemeinden in Deutschland gerichtet, uns mitzutheilen: 1) die Zahl und Namen der aus ihrer Mitte \m Heere stehenden Soldaten jüdischer Religion, 2) die Regimenter oder 4*