Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1871)
- Date
- 1871-01-24
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226803--29127-3251951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
62 tischen Streitmitteln erfechten wollen? Würden sie siegen, so hieße dies nichts anderes als den Zerfall des österreichischen Staates, und sie würden dann bald einen ganz andern Herrscher in Rußland erhalten. Unterliegen sie, so könnten die Bedingungen ihrer nationalen Existenz ihnen nur in sehr beschränktem Maaße zugestanden werden. Doch dies ist hier nicht Gegenstand unsrer Erörterung, begleiten wir vielmehr mit lautem Zuruf die Lenker der beiden Staaten auf dem Wege, den sie betreten haben. Er ist das erste sichere Anzeichen ,. daß wir einem dauerhafteren Frieden entgegengehen, und zwar um so zuversichtlicher, je naturgemäßer dieses Verständniß zwischen dem geeinigten Deutschland und dem von diesem abgelösten Oesterreich ist. Die Bestimmung deS letztern ist, im Scheidegebiete oes Westens und Ostens einen mächtigen Staat aus der Menge kleiner Völkerstämme deutschen, magyarischen und slavischen Ursprungs zu bilden, deren jeder einzelne sich ’ staatlich nicht erhalten könnte. Gleich der Schweiz zwischen den romanischen und deutschen Völkern soll Oesterreich zwischen den deutschen, ungarischen und slavischen Nationen kleinere Schößlinge derselben zu einem Ganzen vereinen, um sie in ihrer Eigenthümlichkeit zu schützen. Da ist es von großer Bedeutung, daß ein tüchtiges Stück Deutschthum dazwischen sei, wie eben auch in der Schweiz, ohne daß dasselbe mit dem großen Deutschland einen unmittelbaren Zusammenhang hat. Ohne diesen Gedanken weiter zu verfolgen, nehmen wir vielmehr davon Veranlassung, an unsre Glaubensgenossen in Deutschland und in Oesterreich zu denken, und diese aufzufordern, nicht minder sich einander zu nähern und in engere Verbindung zu treten. Wie? wird man fragen, sind die Juden Deutschlands und Oesterreichs in einem Kampfe begriffen, welcher Art dieser auch sei? Gott sei Dank, nein! oder hat sich zwischenihnen eine Kluft aufgethan, eine Spaltung, ein Gegensatz? Auch dieses nicht. Im Gegentheil stehen im großen Ganzen die Juden Oesterreichs auf demselben Boden wie die deutschen, dieselben Richtungen haben sich in ihnen entwickelt und geltend gemacht, und mögen auch verschiedenartige Schattirungen vorhanden sein, mögen die religiösen Parteien in ihrer numerischen Stärke sich in den österreichischen Ländern anders verhalten als in den deutschen — der Charakter der Gesammtheit ist derselbe und die betretenen Wege dieselben. Und dennoch findet eine gewisse Trennung und^Absonderung zwischen beiden statt, welche sich schon oft genug fühlbar gemacht hat. Die geographische Abgrenzung Oesterreichs und Deutschlands hat auch bis jetzt eine Abgrenzung zwischen den, beiden Landercomplexen angehörenden Juden zur Folge gehabt. Die Einen haben sich sehr wenig um die Andern gekümmert, und alle Unternehmungen, welche im allgemeinen Interesse in dem einen Lande beabsichtigt und ausgeführt wurden, erfreuten sich in dem andern gar keiner oder nur geringer Unterstützung und Förderung. Sprechen wir es aus, da es eben keinen einseitigen Vorwurf gilt, sondern wir die Thatsache von beiden Seiten als dieselbe bezeichnen. Als in der Mitte des vorigen Jahres ein verehrter befreundeter Mann in Wien ein neues wohlthätiges Institut zu begründen strebte und hierzu dort die ausgezeichnetste Mithülfe fand, sprach er gegen uns sein Befremden aus, daß sich in Deutschland keine fördernde Hand, keine nachhaltige Gabe dafür fand. Was sollten wir ihm antworten, wenn nicht, daß, falls in Deutschland dergleichen vorgenommen worden, von unsren österreichischen Glaubensgenossen jede Beihülfe ausbleibt oder geradezu versagt wird? Als zum Beispiel die Begründung einer „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" deutscher Seits 'in Angriff genommen wurde, fand sich nur ein einziger österreichischer Jude, der eine Spende darbot, während vielseitigen Bemühungen gegenüber nur Ablehnungen vorkamen, obschon z. B. das Breslauer Seminar von viel mehr Oesterreichern als Deutschen besucht wird, und die Errichtung einer jüdisch-theologischen Lehranstalt damals noch nicht seitens des österreichischen Unterrichtsministeriums in Aussicht genommen war. Wir könnten diese wenigen Beispiele mit vielen vermehren, halten dies aber für überflüssig. Eine Aenderung in dieser, wir möchten sagen Abwehr von einander schien durch die Synode und den Gemeindetag eintreten zu wollen, wo doch einige, freilich wenige, sehr wenige österreische Gemeinden vertreten waren, und sicherlich konnten diese über die freudige Aufnahme, welche die deutschen Glaubensgenossen ihnen widerfahren ließen, sich nicht beklagen. Zur zweiten Synode blieb die Anmeldung aus. Wie gesagt, wir halten es für ersprießlich, dieses Verhältniß einmal zur Sprache zu bringen, und beide Seiten, so weit wir eö vermögen, dringend aufzufordern, sich einander, näher zu kommen und thatkräftig zu vereinbaren. Denn das ist vor Allem Jedem klar, daß eigentlich trennende Momente garnicht vorhanden sind. Es ist kein Schatten eines Motivs sichtbar, warum