Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1871)
- Date
- 1871-01-17
- Page
- Seite 59 (sequence 19)
- Language
- German
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59 großen Worten der Völkerbesreiung und dem Zerbrechen des Joches, das auf den Nacken der Nationen lag, auf, und man glaubte ihnen da, wo sie noch nicht gewesen. Im Grunde war aber schon in ihnen die heilige Flamme erloschen, und die Länder- und Herrschgier wohnte in ihren Führern und in ihren Legionen. Einzelne ihrer Heerestheile waren schon bis an die Grenzen des Kirchenstaates gedrungen, und der Papst gab ihren Forderungen nach, so viel er konnte. Doch sie wollten inehr; sie sahen in den Priestern ihre Feinde, und wollten sie vernichten. In Rom war das Volk in zwei Parteien gespalten; die einen waren die Herrschenden, die Anhänger des alten Regiments, die anderen die Herrschsüchtigen, die jene stürzen und sich in ihre Stelle setzen wollten — sie nannten sich aber die Frciheitsdürstigen, die Republicaner. Diese Spaltung hatte aber auch selbst unter den Priestern Platz gegriffen. Eine nicht kleine Masse der niederen Geistlichen, welche von den Gütern und Ehren der oberen Priesterelassen nur einen geringen Theil erhielten, dafür aber deren gehorsame und blinvergebene Werkzeuge sein sollten, lehnte sich gegen die unbedingte Herrschaft jener auf und wollte sie stürzen. Bis in die Engelsburg hinein war die heimliche Verschwörung vorgedrungen, und an ihrer Spitze stand da — Paolo. Er, der fanatische Priester und Jesuit, war durchaus nicht Bigott, sondern wie in seiner Sittlichkeit so in seinem Glauben, gottlos. Von den Träumen seiner Mutter, die er früher selbst getheilt, war nichts in Erfüllung gegangen, und seine Absetzung in Tibur, die Verbannung in ein entlegenes Kloster zu Bußübungen, und die Mißachtung, mit der man ihn zwar wieder nach Rom berufen und seine Talente benutzt, aber ihn mn keine Stufe erhöht hatte, brachten in ihm einen Haß hervor, einen geheimen leidenschaftlichen Grimm, welchem er genügen wollte. Eine Verschwörung wurde angestellt; das Volk sollte sich erheben, die mitverschworenen Priester wollten die Pforten der Engelsburg öffnen und die Empörer in den Besitz dieser Veste des Papstthums bringen. Tann wollte man die Franzosen herbeirufen, und dieser Hülferuf sollte den Friedensbruch decken. Am Abend des io. Februars versammelte sich vor dem H«'ckel des französischen Gesandten, Joseph Bonaparte, eine große Volksmenge, welche den Ruf nach der Republik erhob. Unrerdeß rnarfchirte ein anderer und zwar wohlbewaffneter Bolkshaufe gegen die Engelsburg, und drängle sich auf die Brücke. und das bereits geöffnete Thor los. Allein in diesem Augenblicke änderte sich die Scene. Eben wollte der Bruder des berühmten Generals auf den Valcon treten und die Menge haranguiren, um sie noch mehr auszureizen, und schon hatten die Führer des bewaffneten Volkes die Brücke zur Engelsburg betreten, als an beiden Punkten plötzlich päpsttiche Earabinieri, Gensdarmen und Fußvolk auf die Volksmassen theils ihre Gewehre abfeuerten, theils mit den Schwertern einhieben, worauf Bewaffnete und Unbewaffnete mit furchtbarem Wehgeheul auseinanderliefen. Die Earabinieri durchstürmten alle Straßen und hieben Schuldige und Unschuldige nieder. Unglücklicher Weise trafen sie auch auf den französischen General Dufour, der in seiner Uniform die Straße passirle, die päpstlichen Soldaten stürzten sich auf ihn und tödteten ihn. Diese unerwartete Niederlage der Volkspariei war die Folge einer Verrätherei. Kein Anderer als mein Freund Bartolo, der entlaufene türkische Sklave, der eifrigste Schüler der Katechumenenanstalt, hatte die päpstliche Regierung von der ihr drohenden Gefahr in Kenntniß gesetzt. Von Paolo als Werkzeug benutzt, hatte der schlaue Mensch sich eine genaue Kunde des ganzen Vorhabens, der vornehmsten Verschwörer und aller Verabredungen verschafft. Aber wenig mit der politischen Lage der Welt bekannt, hielt er die Macht des Papstes, weil dieser einige gut ausgerüstete Regimenter im .Solde hatte, für gesichert, und glaubte nun den besten Vortheil von der mächtigeren Partei zu erlangen. Schnell wurden die geeigneten Maßnahmer getroffen, und Paolo und seine Anhänger in dem Augenblicke verhaftet, wo sie die Pforten geöffnet und ihre Mitverschworenen herein lassen wollten. Es war ein Zufall, der mir große Befriedigung hätte schaffen können, wenn ich nicht allzu bekümmert und niedergebeugt gewesen wäre, ein Zufall, daß der Urheber des grausamen Geschickes, das mich und meine Mutter betroffen, gerade in-die Kerkerzelle unter dem Kupferdache neben der meinigen gebraut wurde. Ich vernahm seine Stimme durch die nicht allzu starke Wand, und lange Zeit, nachdem die klirrenden Schritte der Bewaffneten, die ihn dahin gebracht, verhallt waren, hörte ich ihn noch toben und prolestiren und die. Ansbrüche seiner Wuth, so daß ich trotz Unkenntnis des Borgefallenen mir doch denken konnte, daß ihn sein Schicksal erreicht habe. Jndeß, was nützte mir dies? Was half es meiner Mutter? Das Verhängniß hatte ihn ereilt, aber es hatte uns auö keiner unserer 'Röthen erlöst. . . Am anderen Tage reiste der französische Gesandte von Rom ab und begab sich zu dem General Berthier, dessen Corps an den Grenzen des Kirchenstaates lagerte. Er beschuldigte die päpstliche Negierung den Aufstand angezettelt und den Tod des Generals Dufour beabsichtigt zu haben. Es war eine Kriegserklärung. Am selbigen Tage zog der Papst mit allen Cardinälen und Würdenträgern und mit seiner ganzen Regierung in die Engelsburg ein; sie wurde stark mit Mannschaften besetzt, auf den Mauern blinkte das grobe Geschütz, und man konnte eine längere Belagerung aushalten. Von Neapel erwartete man Hülfe, und eine Coalition zwischen Oesterreich und Rußland gegen die französische Republik stand in einer jetzt freilich noch fernen Aussicht. Die Curie dachte vor Allem an die Bestrafung der Schuldigen, von denen sie so viel wie möglich die Gefängnisse der Engelsburg reinigen wollte. Die Gerichtshöfe traten schnell zusammen, und im Laufe des Tages vernahm ich oftmalige Schritte genug auf dem langen Gange vor den Zellen; man holte die Gefangenen ab. Auch Paolo war