Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1871)
- Date
- 1871-01-17
- Page
- Seite 60 (sequence 20)
- Language
- German
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60 darunter, er kehrte nicht wieder. Mich aber hatte man vergessen. Es wurde Alles wieder still, und der schweigsame mürrische Schließer, der mir täglich die schmale Kost brachte, war das einzige Menschengesicht, das ich auch an diesem Tage erblickte... Das französische Heer rückte in den Kirchenstaat ein; die päpstlichen Regimenter versuchten keinen Widerstand, flohen und zerstreuten sich. Schon am fünfzehnten stand General Berthier vor den Thoren von Nom; der Pöbel stand abermals auf, öffnete den Franzosen die Thore, rief ihnen jubelnd: es lebe die Republik! es lebe Frankreich! zu, riß die päpstlichen Wappen und Zeichen ab, und begann die Häuser und Paläste der Anhänger des Papstes zu demoliren. Das feindliche Heer rückte vor die Engelsburg, aber ehe nur ein Schuß gefallen, wurde die weiße Flagge aufgehißt. Während der Generalstab und ein Besatzungscorps durch die vordere Pforte der Engelsburg einzogen, wurden auch die Hinterpforten geöffnet, und die Hofbedienten, die Beamteten, die Polizisten, die Geistlichen, selbst einige Cardinäle flohen davon und ließen den 52 jährigen Papst hülflos zurück. Nur die Schweizergarde machte auch hier eine Ausnahme und war bereit, für ihren Soldherrn ihr Leben einzusetzen; doch der an aller Rettung verzweifelnde Papst gebot ihr, die Waffen zu strecken. Er Unterzeichnete die Entsagungsacte auf die Herrschaft des Kirchenstaates und wurde noch an demselben Tage nach Ancona gebracht. (Fortsetzung folgt.) Curiosum. In der neueren Zeit hat man einige Juden aus sehr begüterten Familien zur katholischen Kirche übertreten sehen, welche zugleich eine außerordentliche Devotion und Gläubigkeit erwiesen. Bekanntlich kann man keinem Menschen in das Herz sehen; .aber die Thatsachen liegen doch vor der Menschen Augen, und danach bilden sie sich ihr Urtheil. Wer die weiteren Bestrebungen dieser Proselyten prüft, ersieht bald, daß sie ihr Auftreten in der katholischen Kirche mit einem großen Eclat verbinden, womöglich ein Wunder zur Hülfe rufen, wie der Abbö Ratisbonne, der die Mutter Gottes selbst zu seiner Bekehrung heruntersteigen ließ, und da sie immer von feuern die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und in irgend einer Weise durch ihren Eifer für ihre neue Kirche sich Verdienste zu erwerben suchen. Zunächst ist es gewöhnlich die Proselytenjagd unter ihren Stammesgenosien, die freilich sie nur eine sehr kurze Zeit in das Gerede bringt, da sie doch stets erfolglos bleibt. Sie drängen sich an die Mächtigen heran, und dies gelingt ihnen, da sie reich sind, um so leichter. Reichthum und Frömmigkeit zusammen sind wichtige Sprossen auf der Leiter des Glückes, und gesellt sich Schlauheit und sogar Geist hinzu, so kann es an einer hübschen Höhe nicht fehlen. Inwieweit dies auf Ratisbonne, Herrmann (Eohn), die Brüder Lehmann paßt, wissen wir nicht genau, wohl aber vom Abbö Bauer. Derselbe ist bekanntlich der Beichtvater der Exkaiserin Eugenie, hat, in Ermangelung von Stammesgenossen, den Suezkanal getauft und ist einer der Hauptintriganten für eine Wiederherstellung der Napoleonischen Dynastie. An diesen Mann wurden wir jüngst durch eine Schilderung erinnert, welche ein Wiener Blatt von der Ausstattung und der Hochzeit eines Fräuleins Bauer entwirft. Die Braut ist die Tochter eines Bruders des Abbe Bauer, welcher ein Escompte-Bank-Director in Wien ist. Die Familie ist überaus reich, aber es gelang dem Herrn Abb6 nicht, dieselbe in seine Kirche hinüberzuziehen. Wenn es also Fälle giebt, in welchen ein äußerer Grund als Nöthigung oder Veranlassung zum Uebertritt nicht angegeben werden kann, so erinnere man sich an die Verlockung, welche die erträumte Erwartung von Macht, Würden und Ansehen ausübt. Temen. Weil die Schlange geweilt in Edens üppigen Fluren, Schwang sich das flammende Schwert vor der Pforte zuletzt. Drang in des Heiligthums erhabene Hallen der Heuchler, Schwingt das fanatische Schwert bald vor der Pforte sich um. Um der Erkenntniß Baum, um des Lebens blühende Aeste Ringelte sich das Gethier, stets zum Bisse bereit. Drum, wo die Religion Erkenntniß und Leben verbreitet, Züngelt die Heuchelei voll des tödtlichen Hauchs. Nicht in schwarzes allein verhüllt sich der trügende Heuchler, Auch in farbiges Kleid, nur nicht in reines, in Licht Denn der Eine erstrebt den Vortheil mit Obscurantismus, Andrer mit Aufklärung — Beiden fehlet das Herz. Doch wo fehlet das Herz, da fehlt die besel'gende Wahrheit, Ob Du knebelst, ob barsch stachelst den kühlen Verstand. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Daumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. D. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur ttr». H. Lotze.