Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1871)
- Date
- 1871-01-17
- Page
- Seite 58 (sequence 18)
- Language
- German
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58 „Und wie sieht sie aus, meine arme geliebte Mutter?" „Nun sie ist noch immer eine schöne Frau, und macht einen trefflichen Eindruck. Daß sie bleich und etwas abgezehrt aussieht, versteht sich bei solchen Erlebnissen von selbst." Er entfernte sich wie er gekommen und ich vertiefte mich in das Lesen des Briefes, das ich zwei, breimal wiederholte. 3. Bartolo hielt. Wort; er beförderte Briefchen zwischen mir. und meiner Mutter. Den Inhalt können Sie sich denken: der Schmerz über unsere Trennung, die Mahnung, um Alles meinem Glauben treu zu bleiben, und doch wieder der dringende Wunsch, daß ich keiner Gefahr ausgesetzt sei, das waren die Gegenstände, welche meiner Mutter unerschöpflichen Stoff gaben. Dieses Schwanken der mütterlichen Gefühle konnte mir wenig aus meiner eigenen Ratlosigkeit helfen; doch es war mir genug, die Schriftzüge meiner geliebten Mutter zu sehen, um mir eine glückliche Stunde mitten in meinem Elend zu bereiten. Bald aber meinte Bartolo: es sei doch nun wohl genug geschrieben worden, und wollte nur selten noch den Briefträger machen. „Kind," sagte er zu mir, „denn Du bist und bleibst ein Kind, so ein hochaufgeschossener Junge Du auch bist, merkst du denn nicht, daß ich zwar ein Spion der frommen Väter bin, aber daß sie wiedere Andere haben, die mich ausspioniren? Von Vertrauen kann innerhalb dieser Mauern nicht die Rede sein. Hier ist Alles Spion, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl solcher Schäflein, wie Du bist, die nur dazu gut sind, um sie zu zwicken und zu scheeren, und wessen man sich bedient, der wird erst recht überwacht. Sieht man mich nur einige Male mit dem ihnen längst bekannten unglücklicben Weibe an der Ecke des Platzes sprechen, so weiß man schon so gut, was vorgeht, als wenn es niedergeschrieben worden. Ich muß daher sehr vorsichtig sein." Wir mußten uns darein ergeben. Aber die Dinge drängten auch vorwärts. Meine Unterweisung ging zu Ende; Pater Michael mahnte mich immer häufiger, Paolo beschimpfte in ich immer ärger. Endlich wurde mir angezeigt, daß ich binnen drei Tage vor dem Collegium wieder erscheinen würde. Ich war in der gräßlichsten Unruhe; was sollte ich thun? was würde aus mir werden? Ich begegnete Bartolo auf dem Corridore und zog ihn hinter einen Säulenbündel. Er sträubte sich, und als ich ihm zuraunte: „Siehst Du, nun ist es doch gekommen; was soll ich thun?" da sprach er barsch: „Thu was Du willst, es kommt gar nichts darauf an; es ist Alles gleich" . . . und entschlüpfte mir. Doch ich will Sie nicht allzulang mit allen Einzelheiten belästigen. Aufgeregt im tiefsten Grunde meiner Seele, und doch wieder müde und matt von dem ewigen Sinnen und Kämpfen und den schlaflosen Nächten, wurde ich am dritten Tage in den Saal und vor die Männer geführt, wo ich in der ersten Nacht meiner Gefangenschaft erschienen war. Man erklärte mir, daß ich jetzt feierlich das erlernte Glaubensbekenntnis vor der Versammlung abzulegen Hab:; dann würde ich am folgenden Tage meine Mutter sehen dürfen; in acht Tagen würde ein feierliches Hochamt in der Kirche Santa Maria di Gloria abgehalten werden, woselbst ich nebst drei anderen Katechumenen in Anwesenheit des heiligen Vaters, der Cardinäle und höchsten heiligen Würdenträger dasselbe Glauüensbekenntniß abznlegen hätte, wofür mir eine Reihe von Benesizien in Aussicht gestellt wurde. Der schwere Augenblick war gekommen; allein die Fassung, nach der ich vergeblich rang, wurde mir durch eine namenlose Schwäche ersetzt, der ich nicht Herr werden konnte. Ich antwortete nicht; ich blieb auf alle Einreden stumm; auf die furchtbaren Drohungen, die man von allen Seiten gegen mich ausstieß, erwiderte ich nur mit einer Fluth von Thränen, deren ick mich innerlich schämte und doch nicht erwehren konnte. Zuletzt gerieth der Vorsitzende fast in eine Art von Wuth und er befahl, mich an den bestimmten Ort zu führen. Mit tiefstem Granen dachte ich in diesem Augenblicke an die sechste Easa, und schwankte dennoch nicht, sondern, sowie die Thüre des Saales sich hinter mir schloß, erfüllte mich eine gewisse Ruhe, eine Art von Seelenfrieden: es war mir, als sei ich der größten Gefahr entronnen, und was folgt, würde erträglicher sein. Doch ich kam nicht wieder in die unterirdische Easa. Es war ein harter Winter, der vom Jahre 1797 zum Jahre 1798. Was so selten in meinem Vaterlande, der Schnee blieb wochenlang liegen, die Kälte hatte eine Höhe erreicht, deren sich die ältesten Leute kaum erinnern wollten, und Tag und Nacht wehte ein rauher Nordwind, der die an solche Temperatur nicht gewöhnten Italiener furchtbar durchfröstelte. Bei solcher Kälte schien es den Vätern wohl zu erträglich in der unterirdischen Höhle, die der frischen Luft so wenig Zugang ließ. Tie Engelsburg barg noch andere Kerker, und die Reihe derer, wohin ich gebracht wurde, lag dicht unter dem mit Kupferplatten bedeckten Dach. Diese Platten waren lose übereinander gelegt und ließen dem Winde unzählige Spalten, um hineinzudriugen. Im Sommer war dies ein Feuerpsuhl, im Winter, und noch dazu in solchem, eine Eisgrube. Dahin brachte man mich, und wenn nickt der Gesängnißwärter barmherziger als die Väter gewesen und mir eine, in diesen Zellen eigentlich verpönte wollene Decke gebracht und mir meinen schwarzen Mantel, den er mir eigentlich zu nehmen hatte, gelösten hätte: in der ersten flacht würde ich aus meiner hölzernen Pritsche ein Opfer der Kälte geworden sein. Ich litt unsäglich; doch ich will Sie mit der Beschreibung verschonen und Ihnen nur berichten, was weiter vorfiel. Die Franzosen waren Herren von Nord- und Mittelilalien, und hatten daselbst eine Republik errichtet, die dem Namen nach selbstständig und frei, in Wirklichkeit jedoch nur eine Provinz des anschwellenden französischen Reiches bildete. Noch traten die Franzosen mit den