Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1871)
- Date
- 1871-01-17
- Page
- Seite 57 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Seilage M Nr. 3. Leipzig, den 17. Januar 1871. Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. (Fortsetzung.) Während ich, den Kopf hängen lastend, einen Corridor hinunterging, trat. Bartolo, der mir bis jetzt absichtlich fern geblieben, schnell hinter einem Pilaster hervor und raunte mir zu: „Sei heute um Mitternacht noch wach, ich werde in deine Zelle kommen/' Hiermit war er verschwunden. — Ich gestehe, daß diese Worte geringen Eindruck auf mich machten; denn ich konnte nicht absehen, was er mir helfen könnte. Doch folgte ich seiner Aufforderung, pünktlich öffnete sich die Thüre meiner Zelle, und er glitt unhörbar herein. „Nun Bursche, rief er mir mit gedämpfter Stimme zu, jetzt sei ein wenig munterer, lasse den Mund nicht so hängen und reiße die thränenfeuchten Augen recht weit auf. Wisse, ich habe Deine Mutter gesehen. .. ." „Wie," schrie ich, „meine Mutter? Wo hast du sie gesehen? Wie sieht sie aus? .. ." „Schrei nicht so, du könntest Zuhörer herbeiführen, für welche meine Botschaft nicht bestimmt ist. Ich habe Deine Mutter nicht blos gesehen, ich habe sie auch gesprochen." „O so rede, so erzähle doch!" und ich griff nach den ungeschlachten Händen meines Freundes, den ich in diesem Augenblick für meinen Engel hielt, und dessen Züge allerdings eine gutmüthige Befriedigung, eine stolze Zufriedenheit mit sich selbst ausdrückten. „Sei still, ich habe noch mehr, ich habe sogar einen Brief von ihr für Dich." Und hiermit holte er aus seinem Brustlatz ein Briefchen, in jüdischen Lettern geschrieben, hervor, welche die Hand meiner Mutter mich erkennen ließen. Ich war wie in einem Taumel von Freude, ich drückte das Papier an mein Herz und bedeckte es mit Küsten; ich umarmte den türkischen Sklaven und gab ihm auf seine pergamentene Wange einen Kuß. Doch nur einen flüchtigen Blick warf ich auf die Zeilen meiner Mutter, zuvor sollte er mir erzählen, wie er sie gesunden, und wie es ihr gehe. Als ein Geheimniß, für welches ich ihm Stillschweigen geloben mußte, theilte er mir mit, daß unter den Geistlichen der Katechumenen - Anstalt zwei Parteien beständen, die sich sehr erbittert um den Vorrang und gewiste Vorrechte bekämpften. An der Spitze der einen stehe Paolo, die Andere werde von einem Pater geführt, den ich noch nicht kennen gelernt. Er, Bartolo, stehe im Dienste beider, die er auf die schlaueste Weise betrüge, ihnen Dinge hinterbringe, wie er sie sich auSgedacht, und ihre Aufträge ausführe, so weit sie ihm in den Kram Pasten. Außerdem hätten die einzelnen Väter ihre aparten Bedürfnisse, die sie innerhalb der heiligen Mauern nicht befriedigen könnten, und werde er daher oft von ihnen in die Stadt geschickt, um diesen heimlichen Bedarf zu holen. So besitze er eine Freiheit, zu gehen und zu kommen, wie kein Anderer, die Obern selbst nicht ausgenommen, und wenn er es nicht allzu arg und offenbar triebe, könne er sich Alles erlauben, was er wolle. In den letzten Tagen nun sei ihm an einer Ecke vor der Engelsburg eine Frau aufgefallen, die überaus unglücklich ansgcsehen, und ihre Blicke stets auf die schwarzen Pforten der finstern Burg gerichtet hielt. Ob es ein Einfall gewesen, oder die Beschreibung, die ich ihm von meiner Mutter gemacht, ihm in den Sinn gekommen, wiffe er nicht; schnell entschloffen sei er an sie herangetreten und habe ihren Namen genannt, dent er sofort hinzugefügt, er könne ihr von ihrem Sohne Nachricht geben. Das wirkte wie ein elektrischer Schlag auf das arme Weib, sie schnellte empor, ihre Augen erglühten, ihre Wangen rötheten sich. Er hielt mit seinem Berichte nicht zurück, hütete sich aber wohl, ihr von dem unterirdischen Kerker und den Geißelhieben zu berichten, mit denen ihr geliebter Knabe heimgesucht worden. „3a, sagte der Afrikaner, der auch vielleicht ein Asiate war, wie eine Löwin, der man Tage lang die Nahrung vorenthalten — sieh diesem Gleichnisse nach, denn ich bin ja aus dem Vaterlande der Löwen — stürzte deine Mutter auf meine Nachrichten und verschlang sie wie mit Heißhunger. Ich war aber auch nicht karg damit, und erbot mich, einen Brief von ihr mitzunehmen, und dafür einen von dir ihr zu überbringen. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, und da hast du ihn nun. Die Antwort will ich gern überbringen."