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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-17 · Heft 3 (17.1.1871) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 3 (17.1.1871)
Date
1871-01-17
Page
Seite 52 (sequence 12)
Language
German
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52 den, wird mithin auch nach dieser Richtung hin von den wohlthätigsten Wirkungen sein. Wir glauben daher in unseren Hossnungen nicht zu sanguinisch zu sein, wenn wir von dem Jnslebentreten der neuen Wehrverfassung, wie für Rußland im Allgemeinen, so speciell für die Inden russisch Polens eine neue Aera erwarten. Freilich hängt viel davon ab, wie sich die Juden selbst der neuen Zeit gegenüberslelleu werden; ob sic cs — woran wir übrigens bei den: ihnen angeborenen und durch die vielfachen Drangsale des Lebens sowie durch das Talmudsludium geübten Scharfblick, bei ihrer Fähigkeit, sich in die schwierigsten Verhältnisse rasch zu finden, gar nicht zweifeln, — ob sie cs also verstehen werden, die Gunst des Augenblicks tvahrzunehmcn mtd sich mit ruhigem, klarem Blicke und unermüdlicher Energie der Lösung der, weitn auch schweren, Ausgaben der Gegenwart zu unterziehen. Den Vornehmeren, Gebildeteren und Bemittelteren aber uitter der jüdischen Bevölkerung, an denen es wohl in keiner Stadt Polens fehlt, namentlich jedoch den Juden Warschaus legen wir es dringend an's Herz, sich aufzurassen und für das allgenteine Wohl eilten lebhafteren, energischereti Sinn zu offenbaren, sich auf der Höhe der Zeit zu zeigen uud für die öffentlichen Interessen der Juden und des Judenthums mit allen ihnen zu Gebote stehenden, geistigen wie materiellen Mitteln einzutreten und zu wirken! Den Juden Warschaus geziemte scheu längst, bei ihrem reichen Foitd an Intelligenz, Bildung und finanziellen Kräften, die Rolle der geistigen Führerschaft, — wie sie in Deutschland u. a. Berlin, Magdeburg, Leipzig dieselbe seit Jahrzehnten zum Segen für die Gesammthcit in Händen haben, — den kleineren Gemeinden mit gutem Beispiel voranzugehen, auf dieselben nach allen Richtungen hin bestiunnend, belehrend, erutunternd, helfend einzuwirken und nameittlich jetzt, Angesichts der Verwirklichung eines großartigen, alle individuellen, gesellschaftlichen nub staatlichen Verhältnisse umge-stattenden Priucips, der allgemeinen Wehrpflicht, der armen und auch geistig beschränkten, großen Brasse mit Rath und That kräftig zur Seite zu stehen, sie für die Aufgaben und Wohlthaten einer neuen Zeit vorzubereiten und empfänglich zu machen. Je schwerer dieser Beruf, um so lohnender ist er auch; denn cs ruht eine großartige Fülle des trefslichsten Materials in der armen jüdischen Bevölkerung, das nur von der es umgebenden, oft sehr entstellenden Hülle befreit und gehörig cultivirt zu werden braucht, um für die Interessen des Einzelnen wie dev Gesammthcit von höchstem Nutzen und Werthe sich zu zeigen; cs steckt viel Herz und Kopf in der großen jüdischen Masse, die nur der Liebevollen Pflege harren, um sich zum Wohle des Individuums, der Gemeinde, des Staates zu bewähren. Möge auch der in Warschau erscheinende ,,Israelit" das Seinige thun, um den rechten, thatkräftigen Eifer für alle geistigen und materiellen Interessen unserer Glaubensgenossen, auch in den und für die Provinzen, wachzurusen und zn nähren! Wir hegen, durch die vielfachsten Erfahrungen belehrt, zu der Weisheit und Hochherzigkeit der russischen Regierung das zuversichtliche Vertrauen, daß sie allen guten , gemeinnützigen Bestrebungen gern ihre wohlwollende Beachtung und fördernde Unterstützung leihen wird. Noch eins: Mit dem neuen Wehrshstem werden auch wohl neue Maßregeln zur Hebung und Belebung des öffentlichen Unterrichts, namentlich des Volksschnluuterrichts, für den durch Alexander II. bereits so viel geschehen, Hand in Hand gehen. Möchte es nun der Regierung gefallen, für die Gründung jüdischer Schullehrer- und Rabbinerseminarien zu sorgen, die ja in anderen Ländern, z. B. in Deutschland, bereits so viele segensreiche Früchte getragen! Die wohlthätigeu Erfolge solcher Anstalten werden sicherlich auch hier nicht lange auf sich warten lassen! —*) *) Der Ausführung dieses gediegenen Artikels treten wir vollständig bei, da auch in anderen europäischen Ländern die atlgcmciue Wehrpflicht von gleichen Wirkungen gewesen. Uns scheint aber auch das Moment in ihr enthalten, daß sie den ersten und wesentlichsten Schritt zur Beseitigung aller Ausnahmsgesctze für die Juden bedeutet. Gerade in Bezug auf den'Militärdienst unterlagen unter dem früheren Herrscher die russischen Juden den drückendsten Ausnahmegesetzen. Die Redaction.

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