Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1871)
- Date
- 1871-01-17
- Page
- Seite 51 (sequence 11)
- Language
- German
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51 Länder eine vollständige Umwälzung herbeizuführen, dieselben den Culturstaaten der Gegenwart immer näher zu bringen. Spcciell im Hinblick auf die zahlreiche jüdische Bevölkerung russisch Polens betrachtet, wird das neue Wehrsystem nicht verfehlen, auf dieselbe von unberechenbar heilsamen Wirkungen zu fein, ihr in dem Eulturleben des Reiches im Laufe der Zeit diejenige Stellung zuzuweiscn, die ihr vermöge der ihr innewohnenden Intelligenz und Energie gebührt. Hatte das seitherige (und wohl noch bis zum nächsten Jahrein Geltung bleibende) Militärsystem für den zur Fahne Ausgehobenen die fast völlige Losreißung und Entfremdung von Heimath und Familie zur Folge, die für die Juden, bei ihrem für das Familienleben scharf ausgeprägten Sinne, um so empfindlicher und von den traurigsten Eonseqnenzcn *- war, so wird durch die neue Verordnung, kraft welcher die Recruten in denjenigen Militärdistricten bleiben sollen, in denen sie zur Aushebung gelangen, den (geboten der Humanität weilmöglichst Rechnung getragen. Durch die Verallgemeinerung der Wehrpflicht, sowie namentlich durch den Umstand/daß den Gebildeten die mannigfachsten Erleichterungen und Vergünstigungen, als: verkürzte Dienstzeit, Avancement u. f. w. in Aussicht gestellt werden, wird einerseits ein besserer, civilisnen der Geist unter das Militär gebracht, wie andrerseits der Wetteifer, sich ein höheres Maas; von Bildung auzucignen, in gesteigertem Grade wachgerufen und genährt werden. Wir legen hierauf ein um so größeres Gewicht, als der Bildungsdrang der Juden in allen Ländern, in welchen ihnen der Zutritt zu den öffentlichen BildungSanstalren nicht erschwert wird, sich aufs eclatanreste bewährt und auch hier aufs Unverkennbarste sich geltend macht, indem die Gmnnasien, Realschulen und Universitäten besuchenden Schüler, mosaischen Glaubens, im Vergleich zu denen der an- *) Es wurde übrigens, wie Ihnen bekannt, in den meisten Gemeinden eine große Anzahl derjenigen Unbemittelten, die sich nicht freigeloost. durch Fonds losgekauft, welche aus einem freiwilligen Zwcklag zur Fleischtaxe gebildet wurden. Da diese Fonds nunmehr für den gedachten Zweck nicht 'mehr verwendet zu werden brauchen, so werden sie hoffentlich nicht etwa eingehen, sondern zu anderen gemeinnützigen Zwecken in Anwendung kommen! Corresp. deren Eoufesstoiten bereits einen ziemlich erheblichen Procentsatz abgeben. *\ Mit dem allgemeinen und stärker werdenden Besuch der öffentlichen Schulen dürfte nun wohl auch dem verderblichen Einfluß der polnischen „Eheirer", dieser Pi-stbculen für die grosse jüdi'che Masse, sowie nicht minder dem Eha'sidimuuwestn. der mehr als päpstlichen Dmnivolcnz dos „Robbe", von dem (zu seinem eigenen Vortheil, zur Ermöglichung eines wahrhaft fürstlichen Aufwands und Haushalts kdie principielle Verdummung und sittliche Verwahrlosung eines großen Theils der jüdischen Bevölkerung ausgeht, ein kräftiger Riegel vorgeschoben werden. Auch die Rabbiner werden sich fortan mit etwas zeitgemäßeren Bildunzselementen versehen müssen, als es seither. der Fall gewesen, um den geistigen und gesellschaftlichen Bedürfnissen der Gemeinden genügen, um in Wahrheit deren Lehrer und Führer sein zu können. Daß in Folge der Verattgcmeinernilg und Steigerung der Bildung auch der materielle Wohlstand der Juden sich heben wird, unterliegt bei der denselben eigenthümlichen Rührigteit, Gewandtheit und Umsicht keinem Zweifel, iiub so dürfte wohl schon für die nächsten Jahrzehnte eine bedeutende Verminderung des in einigen Gegenden wirklich nitbeschreiblich großen Elends unter unseren hiesigeit Glaubensgenossen zu erwarten sein. Dazu kommt noch, daß durch das neue Wehrsystem dem frühzeitigen Heiralhen, oft ohne genügende Existenzmittcl, diesem Hauptgrnndübel, energisch gesteuert tverden wird. Durch die allgemeine Militärpflicht werden die Juden, die den unteren Schichten anzehören, auch aus ihrer gesellschaftlichen Abgeschlossenheit herauszutreten gezwungen werden, und gewiß nicht zu ihrem Unglück. Denn dieselbe, im Verein mit dem-materiellen Elend, Hane im Laufe der Jahrhunderte unter den ärmeren Elassen eine wahrhaft abschreckende, auch zur Herabwürdigung und Verachtung des Judenthnms in den Angen der nichtjüdischen Bevölkerung führende Vernachlässigung der äußeren Ers ch e i n u n g zur Folge gehabt. Die strenge Diseiplin, Srdiumg und Pnnctlichkeic, die mit dem militärischen Dienst verbun- *) Leider sind uns die amtlichen Quellen nicht zugänglich, um dies statistisch näher Nachweisen und belegen zu rönnen. Corresp. 3*