Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1871)
- Date
- 1871-01-17
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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45 ihrer Wirksamkeit auf das sittlich religiöse Leben so entscheidend sind, endlich zu einem Kampfe, zu einer Entscheidung drängen. Gerade wo der Gottglaube den ganzen Boden deS geistigen Daseins ausmacht, können Zweifel und Gegensätze nicht still neben einander bestehen, sondern die Gläubigen müssen sich hindurchringcn. Die Thorah hatte die Lehre von der göttlichen Vergeltung in nationaler wie in individueller Beziehung gelehrt, die Vergeltung der Schuldhaftigkeit für den Reuigen zugleich mit dem Eintritt der Folgen unserer Handlungen, aber auch den Gedanken ausgesprochen, daß Gott dem Frommen „Prüfungen" sendet, welche zur Entfaltung und Bewährung dienen sollen. So war für die einzelnen Richtungen in dieser Lehre theils die entscheidende Lehre, theils der fruchtbare Keim gegeben worden. Wir sahen nun bereits, wie sich hieraus theils die rigorose Anschauung von der unmittelbaren Vergeltung jeder einzelnen That, sei sie gut oder böse, herausbildete, welche an die Gerechtigkeit Gottes so minutiöse Anforderungen stellte, daß umgekehrt jedes glückliche Ereigniß für den Lohn einer guten, jedes unglückliche für die Strafe einer bösen Handlung angesehen wurde. Hiergegen erhob sich die Erfahrung theils in jeder billigen Beurtheilung der Personen, theils im Bewußtsein der Leidenden selbst, und es machte sich hierbei der Ausweg geltend, daß die gerechte Ausgleichung doch nach einiger Zeit eintrete, und man deshalb die Beurtheilung nur auf Grund längerer Zeiträume antreten dürfe. Während wir diese letztere Ansicht in den Psalmen, Sprüchen und Koheleth zum Durchbruch kommen sahen, hielten diese Bücher doch die strenge Vergeltungslehre fest, und noch stärker tritt diese in den geschichtlichen Büchern der heiligen Schrift hervor. Daß Gott die Thaten der Menschen abwägt t Sam. 2, 3, und richtet, daselbst V. 10. 21, 10, daß er auf den Gehorsam gegen die göttlichen Borschristen Glück Jos. 1,8. 1 Kon. 2, 3, dagegen in strenger Vergeltung Nicht. I, 7. 0, 50. 57. 1 Sam. 15, 23. 33. Strafe auf Vergehen erfolgen läßt, geben nicht blos die wiederholten Strafandrohungen zu erkennen Jos. 23, 13. 15. 10. 21, 10. 20. I Sam. 12, 11. 15. 25. 1 Kön. 0, 7, sondern auch wie auf jeden Abfall Jisraelß .Knechtschaft eintrat Nicht. 2, 14. 15. 3, 8 und oft, wie die Familien Jerobeams 1 Kön. 13, 31. H, 10., Baesa's io, 3., Ahabs 21, 21., Mcnasseh's 2 Kön. 21 dem Untergang anheimfielen, und endlich sowohl die zehn Stäunne als Juda und Benjamin in die Verbannung geführt wurden 2 Kön. 17. Nicht minder wird die auf den Fuß folgende Strafe Gottes in der Gesckichte Achans Jos. 7, in der Eli's 1 Sam. 2, 27. 3, 12, Bathscheba's 2 Sam. 22, 11. 12, der Pest zu Davids Zeit 2 Sam. 2-1 gezeigt. So erscheint hier überall Gott, wie er die Frommen bewahrt, die Reuigen wieder ausnimmt, aber die Frevler vernichtet Nicht. 3, 9. 15 und oft, 1 Sam. 2, 4—7. 9. 2 Sam. 22, 25—27, und nur ein einziges Mal klingt in der Reflexion das alte „Prüfen", d. h. Gelegenheit geben, sich an den Dingen zu entfalten, hindurch Nicht. 2, 22. 3, 4. Je mehr diese Volksanschauung Wurzeln trieb, durch das Mißgeschick Israels und die steigende Verwirrung des Lebens Nahrung erhielt, desto unausbleiblicher wurde der Kampf, und diesem haben wir als zugleich schönste und nützlichste Frucht das .Buch Hiob zu verdanken Als Kunstschöpfung in seiner Form wie in der Fülle und Kraft der dichterischen Sprache den vorzüglichsten Meisterwerken aller Völker und Zeiten an die Seite tretend, hat das Buch Hiob an religiös-sittlicher Wirksamkeit auf zahllose und weitverbreitete Geschlechter Homer, Sophokles und Shakespeare weit hinter sich gelassen. Dieses Buch ist demnach derjenige Theil der heil. Schrift, in welchem die Lehre von der göttlichen Vergeltung, von den Zielen, die Gott durch sie verfolgt, und den Wegen, die er hierzu einschlägt, zu allseitiger Erörterung und zmn harmonischen Abschluß kommt. Es ist daher für unfern Gegenstand unumgänglich, genau in dieses Buch einzugehen und es sorgfältig zu analysiren. Unsere Leser werden uns gern dahin folgen, je schwieriger die Lectüre des Buches ohne einen sicheren Führer ist und je mehr Mißverständnissen es von jeher ausgesetzt war. Die Idee deö Buches Jjob war nun keine andere, als: die Vollsvmstcllnng über die strenge Bcrgcltnng als einzige Eilläuing der Ereignisse und Erlebnisse des Menschen zu beseitigen, und eine andere Lehre über die göttliche Wallung in der Menschheit an deren Stelle zn sehen. Es waren demnächst zwei Momente wesentlich Vorwurf des Buches: die Beseitigung der ersten, die Begründung der andern Lehre, und indem diese beiden auf dem Wege der Entwickelung zur Darstellung kommen sollten, waren eö drei Parteien, die auftreten mußten: die eine, welche die alte Vblksvorstellnng d. i. die strenge Vergeltung vertrat und vertheidigte; die zweite, welche den Widerspruch durch die Erfahrung vertrat, und demnach die Vergeltung gänzlich