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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-17 · Heft 3 (17.1.1871) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 3 (17.1.1871)
Date
1871-01-17
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 dem Individuum noch ein drittes Moment herein, daß wirkliche Leben, wie es sich innerhalb des Menschenverkehrs, der Meuschenwelt, gestaltet hat, und behandeln nun das Verhältnis; deS Individuums zum wirklichen Leben vom Standpuncte der Religion. Hier ist cs demnach ein doppeltes Objective, die Religion und das wirkliche Leben, zu dem das Gebühren der Person erörtert und bestimmt wird. Während die Psalmen nur das behandeln, was den Einzelnen betroffen, und die Fragen und Empfindungen, die in ihm daraus erstehen, so erheben diese Sprüche die Ergebnisse des Einzelnen zu allgemeinen Regeln, erklären die Uebcrcinstinnnung derselben mit der Religion, und sprechen sie so als Sätze der Erfahrung ans, deren Richtigkeit und Wahrheit durch Jedermanns Wissen verbürgt ist. Es ist das Subjective in objectiver Auffassung. Sehen wir nun, wie dies in den einzelnen Stücken sich gestaltet, und zwar zunächst in der grossen Spruchsammlung 10, 1 — 22, 10. Die Erkenntnis;, welche bei Betrachtung des wirklichen Lebens am schwierigsten erlangt wird, ist: bei der scheinbaren Selbstständigkeit dieses Lebens, in welchem nur die nackte Thatsache zu regieren, als Wirkung und Ursache, und in ihrem Zusammentreffen aller Combiuation spottend erscheint, die Abhängigkeit des Lebens im Einzelnen wie im Ganzen von Gott zu erkennen; und diese Erkenntnis ist nun die Grundlage auch dieser „Sprüche." Indem Gottes Augen Alle und Alles schauen (15, 3), in die Tiefen aller Menfchenherzen (15, IN dringen, da deS Menschen Geist nur eine Leuchte vom Ewigen ist <20, 27), so muß dieser Gott allein die Geschicke der Menschenwelt leiten. Indem ferner von ihm allein es abhängig ist, ob des Menschen Entwürfe zur Ausführung, des Menschen Bemühungen zum Gelingen kommen sollen «10, 1. 9. 39. 19, 21. 20, 21. 21, 31), so muss dieser Gott Gerechtigkeit üben, und dem Gerechten Gedeihen, dem Frevler Untergang bereiten, die Lergeltung muß durch das Leben gehen. (11, 31. 22, 8). Das ist eS nun, was des Spruchrcdners Erfahrung als überall und immer bewährt behaupten und festhallen muss: der Frevler geht unter, der Gerechte besteht (10, 25«, der Frevler wird bestraft, der Gerechte durch den Segen Gottes gerettet und belohnt, so dass dieser auch zu Reichthum kömmt, während den Frevler feine Schätze nicht zu retten vermögen (11, 21. 10, 22. 15, 6. 10, 2 und an vielen St.), sondern bald verloren gehen (21, 6). Ja des FrevlerS Leben wird verkürzt <10, 27), und fein Name verweset, wahrend der Gerechten Andenken zum Segen gereicht (10, 7): Leben und Ehre sind Folgen des eifrigen Strebenß nach Gerechtigkeit (21, 21). Auf dem Grunde dieser immer wiederholt ausgesprochenen Erkenntniss regelt sich nun das Leben des Menschen wie von selbst. Da eben der Zusammenhang der Ereignisse nur von Gott ausgehl, da demnach aller Rath und Entwurf des Menschen vor der götttlichen Bestimmung wie nichts ist (21, 30), so muß Gottesfurcht die Wurzel alles Thuns des Menschen sein, denn diese allein führt zum Ziele, während die krummen Wege in's Lerderben bringen und sich selbst bestrafen (10, 9. 11, 3». — Wir sehen hieraus, daß die Vergeltung in diesen Sprüchen ganz individuell aufgefaßt wird, so individuell, dass Dem Ueberfluß verheißen wird, der die Erstlinge reichlich darbringt (3, 9. 10), daß vollzogene Wohlihaten reichlich von Gott wieder vergolten werden (19, 17>. So idealisirt hierdurch auch die Vergeltung im Kreise des Individuums erscheint, so sieht doch auch der Spruchredner den Gerechten leiden und dies als eine göttliche Züchtigung an, die den Frommgesinnten im Guten erhalten soll <3, 12), sowie es für den Gerechten nicht auf das Maß der äusseren Güter ankommt, da jener von Geringem mehr und sicheren Genuss hat, als der Frevler von Reichthum (16, 5). Die bedeutendste Spruchsammlung ist durch eine vortreffliche, künstlerisch geformte Lobrede auf die Weisheit eingeleitet (Eapp. 1 —9), und durch eine Schlussrede abgeschlossen (23, 15 - 24, 22). Der Verfasser dieser Reden stellt die Weisheit als das Ideal des geistigen Lebens dar, die in ihrer Vollkommenheit Gott gehört, vom Menschen aber theilweise errungen werden kann. Jndeß bricht in diesem Schlüsse des Ganzen doch ein besonderer Gedanke sich Bahn, der verräth, daß der idealisirende Weisheitsfreund bange ist vor der Festigkeit seiner Lehre im Kampfe mit dem wirklichen Leben, und auf eine spätere Auffassungszeit hinweist, der, 3, 31 nur noch sehr leise angedeutete Gedanke: wenn du Sünder glücklich siehst, so beirre dich daö nicht, sondern blicke über die einzelne Erscheinung hinweg auf den Ausgang in der Folge der Zeit, da dieser für den Gerechten entscheidet, dem Frevler Untergang bringt. Dieser Gedanke ist ihm so wichtig, daß er ihn wie einen Refrain des Schlußstückes behandelt, damit zweimal beginnt und damit schließt (23, 17. 18. 21, 1. 2. 19. 20). Diese verschiedenen Auffassungen des einen Grundgedankens der göttlichen Vergeltung mußten, da sie in

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