Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1871)
- Date
- 1871-01-10
- Page
- Seite 39 (sequence 19)
- Language
- German
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89 Knaben möglichst auS den Klauen der Bekehrer zu retten, und hierfür die höchsten Anstrengungen zu machen. Sie kannten den Ausspruch der Weisen: wer eine Seele in Israel rettet, ist so gut, wie wenn er die ganze Welt gerettet. Aber als Gemeindevorsi her wußten sie sich und ihre ganze Gemeinde, vielleicht die Juden des ganzen Kirchenstaates, und deren Zahl belief sich auf viele Tausende, in den Händen der Priesterregierung, und fürchteten, daß jeder Versuch, sich gegen den Willen der Curie aufzulehnen, nur die Veranlassung zu schrankenlosen Bedrückungen abgeben würde. Die Besorgniß für ihre eigenen Personen verbarg sich hinter diesen allerdings gerechten Beweggrund, und sie befchlosien daher — in der Sache nichts zu thun. Nachdem sie einen vergeblichen Protest erhoben und die Armuth der Wittwe Leti constatirt halten, zahlten sie die verlangte Summe. Anders war jener hochherzige Kaufmann gesinnt, der mir so freigebig Waaren aus feiner Niederlage' überlasten und ein väterliches Wohlwollen wiederholt erwiesen hatte. Er glaubte auch, als Privatmann schon eher etwas wagen und unbekannt bleiben zu können. Er begab sich zu dem Gesandten der französischen Republik, der als solcher fast allmächtig, aber von der Curie um so mehr verabscheut war. Da die Verfügung der Curie die Lage der Dinge selbst zugestanden hatte, so konnte bei dem Gesandten ein Zweifel hierüber nicht stattfinden, und er zögerte keinen Augenblick, sich zu dem Cardinal-Minister des Auswärtigen zu begeben, und im Namen der französischen Republik, welche die Vertreterin aller Grundsätze der Menschlichkeit und Freiheit sei, die Auslieferung des Knaben Giacomo Leti an seine Mutter zu verlangen. Die damalige Negierung der französischen Republik suchte zu dieser Zeit, die Beschwerdepnncte gegen die päpstliche Regierung möglichst aufzuhäufen und sich an ihr zu reiben. Dennoch traf ihr Gesandter in dieser Angelegenheit auf einen hartnäckigen Widerstand. Die Curie antwortete : sie gebe in allen äußeren politischen Forderungen mit der größten Nachsicht und um das freundschaftliche Berhältniß mit der französischen Republik nicht zu stören, nach; hier aber gelte es die innere Freiheit und Selbständigkeit der .Kirche, hier verträte sie nicht sowohl den päpstlichen Staat als vielmehr die gesammte katholische Kirche, und da werde sie unter keiner Bedingung zurückweichen. Wiederholte Besprechungen hatten keinen anderen Erfolg. Es erhob sich in Folge dessen ein wüthender Lärm in den französischen und italienischen Zeitungen, und man überhäufte die Curie und die katholische Kirche mit Schmähungen. Die päpstlichen Blätter erwiderten und klagten die Tyrannei an, welcher man die Kirche und deren Oberhaupt unterwerfen wolle. Mir nützte dies nichts; im Gegentheil. wenn noch etwas an der Festigkeit des Willens, mich zurückzubehalten gefehlt hätte: durch diese Vorgänge würde es ergänzt worden fein. So wußte also auch nunmehr meine Mutter, wo ich mich befände und was inan mit mir vvrhabe. Ihre Empfindungen waren Anfangs gemischter Art. Man bezüchtigte mich also keines Vergehens, und sie bildete sich darum ein, daß man mir nichts Nebels anthun werde. Wie glücklich, daß sie nichts von der sechsten Casa und dem Hofe der Geißelung wußte! Aber dieser Trost hielt nicht lange bei ihr an. Es ward ihr offenbar, daß hier ein endloses Unglück vor uns liege. Werde ich der Sünde des Abfalls mich schuldig machender Sünde, welche das Gesetz dadurch brandmarkt, daß die Angehörigen mn einen Abtrünnigen wie mn einen Verstorbenen sich allen Vorschriften der Trauersatzungen zu unterziehen hätten - der Sünde, welche auf Erden und nach dem Tode den Fluch Gottes nach sich ziehe- Und wenn ich, wie sie eS vorausfetzte, standhaft und glaubenstreu bliebe, welche Mittel würden die Priester dann anwenden, um mich zu erschüttern oder zu bestrafen- Alles dies wogte in dem mütterlichen Herzen auf und nieder, und gesellte sich dem brennenden Schinerze, mich in jedem Falle auf immer von ihr geschieden zu wißen. Ach, und nun stellte sie sich vor, wie ich abgehärmt und vergrämt sei, wie elend und krank ich wäre . .. Und dies verdrängte dann wieder in ihrem Geiste Alles neben dem Wunsche, neben dem wühlenden Verlangen, mich wiederzusehen! Sie raffte sich auf, sie eilte zu dem Platze vor der Engelsburg, sie. stellte sich in einen Straßenwinkel, der Brücke gegenüber, die zu jener führte, sie harrte da vom Morgen, bis zum Abend, denn sie hatte öfter bemerkt, daß die Katechumenen bisweilen durch die Straßen geführt wurden, und bildete fick ein, mich eines Tages unter diesen sehen und einen Blick von mir erhaschen zu können. Ob der heiße Wind der Eampagna oder der eisig kalte der Sabiuerberge über den Platz wehete, ob Regengüsse herniederrauschten oder die Sonne glühende Pfeile herabschoß: sie stand da, und harrte des Augenblickes, der ihr eine solche Befriedigung bringen sollte. Wie erging es mir unterdessen? Vieles kann ich Ihnen, werther Freund, darüber nicht mittheilen. Der Zustand meiner Seele war verworren; es war wie eine Art Traumleben, von welchem mir nur unsichere Umrisse zurückgeblieben. Ich wohnte dem Unterrichte der Elaste,, welcher ich zugetheilt war, bei, aber meine Aufmerksamkeit war nur schwach. Es klang mir Alles wie in einer fremden Sprache gesprochen, der ich kein Verständniß abgewann; wurde ich gefragt, so gerieth ich in Verwirrung, stotterte und rang vergebens nach dem Ausdruck. Der Pater Michael, jener fanftmüthige Priester, der aber in Glaubenösachen eine unbedingte Ergebung verlangte und bei aller Milde starr wie ein Fels war, ühte als Lehrer der Elaste die größte Nachsicht gegen mich an.s. Er trug offenbar meiner Gemüthsstunmung 'Rechnung, gerieth nie in Ungeduld, wiederholte zehn Mal, was ich nicht begriffen zu haben schien, kränkte und strafte mich nicht. Aber nach kurzer Zeit griff er zu einer anderen Methode. Er legte mir schriftliche Arbeiten auf, die ich in einer einsamen Zelle machen mußte, und die mich bis weit über die Mitternacht am Schreibtisch festhielten. DieS hatte denn zur Folge, daß ich