Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1871)
- Date
- 1871-01-10
- Page
- Seite 38 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226801--29101-3251923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 siegreichen Erhebung und Widerstand der Juden — die, selbst als Sage, edler und malerischer als die von der berühmten Belagerung Troja's ist." „Aakub (der Diener) bleibt bei den Pferden, während Jsmael durch ein stilles Gäßchen nach dem Gipfel des Hügels vorangeht. Hier ist ein großer Platz, bedeckt mit Ruinen, vielleicht von einem Palast, mit Gewißheit von einem Grabmal. Eine prachtvolle Aussicht auf diebreite Ebene und auf das von steilen Bergen umsäumte Thal von Ajalon belohnt den Besteiget für seine Mühe. In weiter Ferne glänzt das Meer im Morgengrauen, ist aber, unseren englischen Gewässern ungleich, ohne ein Segel. In unserer Nähe, vor uns, erheben sich die Berge, in welche Matthatias mit seinen Söhnen floh; sie sind gewaltig groß, rauh, dunkel, schroff. In dem zu ihren Füßen liegenden Bab el Wady könnten wir einen Schuß abfeuern. Oben, zur Linken, steht hoch in den Wolken Beth-Horon; vier Meilen davon stand Adasa, und auf der Ebene, hier zu unseren Füßen, jenseits des Kameelpfades, liegt das Dorf Amwiis, an der Stelle des alten Emmaus. Tie Gegend ist voller Schlachtfelder, und der ganze Anblick des Landes ist heroisch." (Fortsetzung folgt.) Der taube Soldat. Eine Lebens- und Leidensgeschichte. 2. Meine Mutter kehrte nach ihrer Wohnung zurück und sank, dort angelangt, auf den Boden nieder. Lange währte es, ehe sie sich wieder aufzurichten vermochte: sie war gebrochen. Tage lang saß sie mit stierem Blick und brütete über den Verlust ihres Kindes. Im Volke gingen grauenhafte Sagen über die Schrecken der Engelsburg um, und die Phantasie der Landsleute Dante's wußte hinter die Mauern derselben die Peinigungen der Hölle zu verlegen. Und was man davon erzählte, in die Ohren sich flüsterte, alles das stand, aus ihr Kind übertragen, vor der gequälten Seele meiner unglücklichen Mutter. Sie war nicht verlassen; vielleicht allzuviel stürmten die Nachbarinnen und viele Bewohner des Ghetto zu ihr herein und auf sie los. Der nächtliche Raub deö wohlbekannten Knaben hatte großes Aufsehen geinacht; seit vielen Jahren war bei den Insassen des römischen Judenviertels dergleichen nicht vorgekoinm-n, und inan zerbrach sich den Kopf über die Ursache dieses außergewöhnlichen Ereignisses. In den übrigen Theilen der Stadt waren dergleichen Arrestationen während der stacht nichts Seltenes; aber im Ghetto trieb mau keine Politik, es gab weder Verschwörungen daselbst, noch setzte man sie voraus. In den anderen Stadttheilen hätte die Furcht das betroffene Haus vereinsamt, und Niemand hätte sich getraut, dessen Schwelle zu überschreiten. In den Kindern des Ghetto aber wohnte das Gefühl der Barmherzigkeit und der Solidarität, und sie, die sonst so furchtsam, waren jeder Beängstigung für ihre Personen unzugänglich, wenn es galt, einem der Ihrigen, vom Schicksale Gebeugten, Beistand zu leisten und Mitgefühl zu äußern. Die arme Wittwe brauchte sich um nichts zu kümmern. Es wurden ihr Speisen in Fülle gebracht, die sie aber kaum berührte, ihr Zimmer gereinigt, ihr Wasierkrug gefüllt — sie merkte es nicht und saß da und war in Sinnen und Trostlosigkeit versenkt. Doch sollte sie nunmehr erfahren, wie es eigentlich um ihren Sohn steht. Die römische Eurie dachte durchaus nicht daran, aus solchen Fällen ein Geheimniß zu machen; sie hoffte vielmehr, dadurch ein erbauliches Beispiel zu geben und ihre Consequenz und Unerbittlichkeit da zu zeigen, wo es keine Gefahr gab, wo man den wehrlosen, zertretenen Wurm noch mehr zertreten konnte. Wie ich mich später unterrichtete, war das Berfahreu des Papstthums in solchen Fällen, wie der meimge, nicht immer dasselbe gewesen. Es kam vielmehr auf den Mann an, der gerade auf dem Stuhle Petri saß. Es hatte Päpste gegeben, die durch Bullen von jeder zwangsweisen Taufe der Juden und besonders der Judenkinder abmahnten und sie für nichtig erklärten. Andere Päpste dagegen hatten die Taufe von Judenkindern, auf welche Weise sie auch geschehe, für ein gutes Werk und für unverwischbar erklärt. Die letztere Meinung war in den jüngsten Jahrhunderten die herrschende geblieben, und man hatte das dabei zu beobachtende Verfahren bestimmten Regeln unterworfen; nur daß man klüglicher Weise die solchen Borgängen günstigen oder ungünstigen Zeilumstände in Betracht.zog. Und da hatte man denn noch die drückende Verhöhnung eingeführ, daß man die -betreffende Judengemeinde in Nom oder den römischen Provinzen zwang, für den Unterhalt und Unterricht deö in die Katechumeneuanstalt aufgenommenen Judenkindes zu bezahlen. So war denn auch an den Vorstand der Gemeinde jetzt die Aufforderung gekommen, für den Sohn der Wittwe Leti das Kost- und Schulgeld zu zahlen, und man stand nicht an, in diese Verfügung die näheren Umstande seiner Taufe einfließen zu lassen, um das Recht der Anforderung zu begründen! So wußte man denn nun, wo der Knabe Giacomo Leti geblieben, daß er kein Verbrechen begangen, keine Zolldesraudation, keinen Betrug oder Diebstahl — sondern daß man ihn gestohlen. ihn um feine Freiheit betrogen und abermals eine Defraude an aller Menschlichkeit, an allen natürlichen Rechten, an den heiligsten Gefühlen des Mutter- und des Kindesherzens begangen! Die Vorsteher waren bis in den Tod erschrocken. Denn eö gab hier einen Conflict ihrer Pflicht als Juden, unt als Gemeindevorsteher. Als erstere fühlten sie sich tiej entrüstet und von dem heiligen Berufe durchdrungen, den