Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1871)
- Date
- 1871-01-10
- Page
- Seite 40 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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40 mich doch mit dem Inhalte mehr beschäftigen mußte und sich meine Aufmerksamkeit allmälig darauf lenkte. Glaubte " aber, daß meine Seele dadurch eingenommen und gefesselt würde, so täuschte er sich gründlich. Alles darin stieß mich ab; jedes Wort rief meinen natürlichen Verstand, mein einfaches Begriffsvermögen zum Widerstande auf, und »nein Herz blieb ungerührt. Es erschien mir Alles so gekünstelt, so gemacht, so jedem Blick in die Welt Gottes und jeder Erfahrung im Leben entgegen. Was ich in meinen jungen Jahren von der christlichen Religion'erfahren und erlitten hatte, stand mit glühenden Farben vor mir, und vor diesen erblaßten selbst die schönsten Sprüche über Liebe und Versöhnung. Man hatte nur Haß gegen uns geübt, die wir doch Niemanden etwas zu Leide gethan, und was uns hätte versöhnen können, verweigerte man uns erst recht. Und nun erst die Wunder, die mit jedem Tage von noch größeren Wundern überboten wurden! Ich mußte über sie lächeln; sie schienen mir noch kindischer, als die Annncnmährchen, die ich in der Kindheit gehört. Endlich kamen wir zu den Auslegungen des Alten Testaments, welche die christlichen Glaubenssätze im Voraus andeuten und nun begründen sollten. Ich hatte davon keine Ahnung gehabt; ich kannte die Stellen gut, hatte sie aber verstanden, ohne jemals von solcher Ausdeutung erfahren zu haben. Diese schien usir nun so gezwungen, so dem Wortlaut widersprechend und dein Zusammenhänge zuwider, daß sie meinem Gefühle wie eine Fälschung vorkam. Kurz, diese übermäßigen und anstrengenden Arbeiten erreichten zwar den Zweck, mich mit der Kirchenlehre bekannt zu machen, aber um so mehr sträubte sich jedes Gefühl der Wahrheit, jede Faser der Uebcrzeugung gegen dieses künstliche Gespenst, dessen Maschen mir durchsichtig, desien Fäden mir grob und gewunden erschienen. Da ich mich jedoch den Strafen der Blasphemie, die ich allzu bitter empfunden, nicht wieder ausfetzen wollte, verheimlichte ich mein Wissen und stellte mich verwirrt und beschränkt, wie ich es zuvor wirklich gewesen. Der Pater Michael brauste nicht über mich auf. Doch desto schlimmer erging es 'mir, als Paolo, welcher Jnspeetor einer Anzahl Elasten war, zur Prüfung gekommen. Er überhäufte mich mit den bittersten Kränkungen, mit den verletzendsten Stichelreden über mich, meinen Stamm, meine Religion, ja selbst meine Mutter; er wollte nichts als verruchten Eigensinn, jüdische Hartnäckigkeit, hebräischen Trotz darin finden; er drohte mir daö nächste Mal mit den empfindlichsten und härtesten Strafen. Ich gcrieth in Angst, denn ich hielt diesen Bösewicht nicht allein für fähig, seine Drohungen auszuführen, vielmehr darauf aus, mich auf eine für ihn entschuldbare Weise zu peinigen. »Fortsetzung folgt.) Tcnicn. Schriften von heut' und von gestern, verlangt ernsthafter Gelehrten Augen nicht auf Euch zu zieh'«, raubend die kostbare Zeit! Wenn auf den Deckeln erst ruht Euch schmutzig der; Staub der Jahrhundert': Dann sollt willkommen -Ihr sein, Gaben der Weisheit und Kunst! Seht nur diese Scharteke, ein Bettelbuch war sie dem Autor, Daß er Zehrung erhielt aus unwilliger Hand. Doch mit glücklichem Griff hob ich sie aus altem Gerümpel, Ein gar köstlicher Schatz, mir zu Verdienst und zu Ruhm. Denn ich erfuhr aus dem Büchlein, wie oft der Verfasser gezogen Fechtend und kneipend umher durch das römische Reich. Mehr noch — oh glücklicher Fund — wie viele Stifte einst Raschi Unter den Sohlen trug, als er sich setzt' auf den Stuhl, Auf den Stuhl zu Worms, den man noch zeiget der Einfalt — Denk', wie viel Stifte er trug, da auf dein Stuhle er saß. Und daß die Sohle vom Rind, und nicht vom Kalbe gewesen, Wenn er sich setzt' auf den Stuhl, dort in dem heiligen Worms. Sprecht mir nicht von den Werken, dem Schöpsergeiste der Jetztzeit — Schrumpfen doch alle zu nichts, wo sich so Herrliches baut! Rur die rollende Zeit verleiht den Werth und die Würde, Sonst auf den Inhalt, die Form kommt nur dem Thoren es au! Seht, das ist Wissenschaft, nicht was Ihr träumet vom Wesen. Von Organismus und Form, von Gesetz und Verstand! >Fortsetzung felgt.) Verlag vcn Banmgärtner's Duchkmn-lung in Leipzig. - - Druck von Z. S3, Hirsch selb. Verantwortlicher Redacteur L-Ze. H. Letzt.