Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1871)
- Date
- 1871-01-03
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
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19 das Grabdenkmal eines heidnischen Kaisers gewesen, seitdem aber die Gräberhöhle zahlloser 'unbußfertiger Menschen geworden. Bist du aber ein vernünftiger Junge, so wird es Dir gut gehen, und Du sollst, wenn auch nach Jahr und Tag, Deine Mutter Wiedersehen . . ." So sprach Bartolo — seinen ursprünglichen türkischen Namen habe ich nicht erfahren — und er sprach noch lange und noch oft so in mich hinein. Anfänglich traute ich ihm nicht recht, und meinte, daß er im geheimen Auftrag der Väter so mit mir spräche. Die Folge entfernte diese Meinung aus mir; stand er dock im fortwährenden heimlichen Kriege gegen sie und überwand sie zuletzt. Seine Reden machten auf mich Eindruck, aber doch lange nicht den, welchen er erwartete. Meine innerste Natur lehnte sich gegen seinen Nathschlag auf. In jedem Zugeständnis sah ich einen Abfall, und -wenn auch kein Betrug für Gott darin lag, so fühlte ich doch heraus, daß ich die Menschen betröge und Gott als Mittel dazu mißbrauchte. Und was würde meine wahrhaft fromme Mutter von solchem Gebühren ihres Sohnes halten? würde sie es nicht verurteilen und ihr Kind mit noch bitterern Thränen beweinen? Aber er hatte ein Wort ausgesprochen, das unch immer wieder zur Erwägung seines Rathes brachte: Du wirst dann einst Deine Mutter Wiedersehen. Ties war wie ein Funke in meine Seele gefallen, und erlosch nicht wieder in ihr ... „Aber", wandte ich ihm ein, „was hilft es mir, wenn ich den Schein der Nachgiebigkeit annehme? Abgesehen, daß auch dieser Schein schon Sünde ist, wird nicht die Stunde der Entscheidung dennoch kommen und dann Alles wieder Zusammenstürzen, ja die Wuth der Väter gegen mich nur noch größer sein? Denn ich werde niemals in dem Entschlüße wanken, eher mein Leben zu verlieren, als mich wirklich zur Kirche zu bekennen!" „Nun, Dummkopf", erwiderte der enttaufene Türke, „thu, was Du nicht lassen kannst; aber wisse, daß Du in Deiner Unbeugsamkeit binnen vierzehn Tage eine Leiche sein wirst, und Deine Mutter kann dann ihre schönen Augen an Deinem Grabe blind weinen, oder vielmehr nickt an Deinem Grabe, denn sie wird nie wissen, wo Dein zu Todgepeinigter Körper verscharrt worden ist. Und doch, ich weiß nicht, was Tu mir für Mitleid einflößest? Was gehst Tu mich eigentlich an? Und doch, will ich Dir ein Geheimnis; mittheilen; merke Dir es: Zeit gewonnen, Alles gewonnen, denn man kann nie wißen, was geschieht, und die Herrschaft des Papstes steht nicht so fest wie diese Mauern der Engelsburg. Da hast Du es, und weiter sage ich kein Wort." Am anderen Tage wurde Bartolo aus seiner Haft geholt, und er ging lustig und heiterer Tinge davon, nachdem er mir noch einen bedeutungsvollen Blick zugeworfen. Ich blieb drei Tage einsam zurück, und dieses Alleinsein drückte meine Seele tief und immer tiefer. Mein Kopf brannte mir von all' dem Brüten und Bedenken, so daß er zuletzt mir ganz hohl schien und ich keines ordentlichen Gedankens mehr fähig wurde. Am siebenten Tage meiner Hast, nachdem ich jene schreckliche Geißelung ansgehalten, trat der milde und freundliche Priester bei mir ein. fragte mich nach meinem Besinden und was ich jetzt vorhätte. Ich erklärte ihm, daß ich eiuwilligte, in die Claße der Katechumenen zu treten, ohne mich jedoch dadurch zu Etwas zu verpflichten, und unter der Bedingung, daß man mir einstweilen gestalte, von der Kost nur das zu genießen, was mir nach den jüdischen Gesetzen erlaubt wäre. Der Pater billigte meinen Entschluß und versprach mir, was ich verlangte. ES wurde mir ein schwarzes Ueberkleid gebracht, wie es auch Bartolo getragen, und ich wurde in einen kleinen Saal geführt, wo ungefähr vierzehn junge Leute beisammen waren, zu meiner großen Befriedigung auch Bartolo, der aber mich gar nicht zu kennen schien und jede Annäherung meinerseits vermied. Was mich vor Allem niederdrückte, und mir Tag und Nacht nicht aus dem Sinne kam, war die Frage: was ist aus meiner Mutter geworden? Es sollte mir bald bekannt werden. — Als die Sbirren in jener Nacht mich aus ihren Armen rißen und sie bewußtlos auf mein Bett gefallen, raßte sie sich, wenige Minuten, nachdem ich das Zimmer verlaßen, wieder auf, warf sich das erste beste Kleidungsstück um und rannte dem Haufen nach. Sie, die seit ihrem Hochzeitstage sorgfältig jedes Häärchen ihres schönen Hauptschmuckes fremden Blicken verbarg, lief mit aufgelösten Flechten in die Straße 'hinaus, um Hülfe und nach ihrein Sohne rufend. Flüchtig wie ein gehetztes Wild, konnte sie uns doch nicht erreichen, weil der listige Führer der Sbirren einen Weg eingeschlagen, den man nicht leicht voranssetzen konnte. Wer dem jammernden Weibe begegnete, wich ihr aus, denn die Bewohner der ewigen Stadt wußten sehr wohl die Gefahr zu schätzen, in die man sich begäbe, wenn man einem Andern zu Hülse käme, möge dieser von der Hand der Inquisition, oder der Banditen, dieser zweiten Macht in Rom, getroffen sein. Der mütterliche Jnstinct, der selten fehl geht, wenn es das Heil des Kindes gilt, führte sie aber dennoch zur Engelsburg, und sie konnte mit wildem Aufschrei noch einen Blick auf mich werfen, als ich über die Brücke geführt ward, und das Thor sich hinter mir schloß. Sie wußte also, wo ihre Gedanken mich zu suchen hätten. Sie setzte sich auf einen Stein, und harrte da, bis der Tag angebrochen. Da verlangte sie Einlaß, sie wollte ihr Kind wieder haben oder doch wenigstens sehen — die Wache wies sie ab und drohte ihr mit Kolbenstößen, da sie nicht ablaffen wollte. Sie mußte endlich nach Hause zurückkehrcn; sie that dies aber nur, um sich sorgfältiger zu kleiden und um die Runde bei allen Befehlshabern, Cardinalen und einflußreichen Personen zu machen, immer mit demselben Flehen, ihr Kind zurück zu haben oder doch sehen zu dürfen. Nur Wenige ließen das arme Weib vor, und wenn sie Stundenlang in den Vorhallen oder Vor-