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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-03 · Heft 1 (3.1.1871) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 1 (3.1.1871)
Date
1871-01-03
Page
Seite 18 (sequence 20)
Language
German
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18 mein ganzes beschwertes Herz. Die Folge zeigte mir, daß ich recht daran gethan, denn gewiß ist es, daß Nichts mehr den Menschen bewegt, einem Anderen Wohlthaten zu spenden, als wenn er ihm schon etwas Gutes gethan und ihn als seinen Schützling anzusehen begonnen hat. Ich erzählte also dem Fremdling Alles, was ich von meinem eigenen Geschick wußte. .Er^ -hörte aufmerksam zu, und als ich geendet, schwieg er eme Zeit lang, im Nachdenken verloren. Endlich hob er an: „Den Pater Paolo -kenne ich auch; er ist einer unserer schlimmsten Peiniger, und hat eine wahre Wollust daran, uns arme Katechumenen bestrafen zu lasten. Aber sage, was hältst Du von der Ursache, um derentwillen dieser Paolo Euch so verfolgt?" Darüber wußte ich ihm damals keinen Aufschluß zu geben. „Nun, beschreibe mir mal Deine Mutter; ich könnte ihr ja einmal begegnen und ihr von Dir erzählen." Ich that dieS, und gerieth dabei selbstverständlich zuerst in Begeisterung und dann in Wehmuth und Klage. Der Andere hörte auf die letztern nicht, aber bei meiner Schilderung schlug er die Hände zusammen und rief: „Wenn nur die Hälfte wahr ist von Deiner Malerei, so weiß ich genug von den Beweggründen des frommen Paters, und er soll bei Gelegenheit EtwaS davon erfahren. Merkwürdig ist es," fuhr er fort, „wie ungleich unser Schicksal ist, Freund Giacomo, und wie es dennoch auf Ein-» und dasselbe hinauslauft. Ich bin meiner Mutter entlaufen, und Du bist der Deinen geraubt worden; ich habe mich freiwillig zum Christenglauben gemeldet, und Du sollst ihm mit Gewalt zugeführt werden; ich habe in 24 Stunden den ganzen Schwank ihres Katechismus gelernt, und Du HLÜst es für Sünde, nur eine Zeile davon anzulernen. Du bist der bravste, tugendhafteste Bursche von der Welt, und ich der schlaueste Bösewicht, dem es das größte Vergnügen macht, den heiligen Männern, denen ich bereits genugsam hinter die Maske geschaut, einen Schabernak zu spielen. Nun, wir haben zuletzt Beide Prügel erhalten und sind ins Loch gekommen. Was ist also Recht oder Unrecht? Was soll man thun oder lassen, wenn zuletzt Prügel und Celle Jedem zukommen? Schluß: es kommt nicht darauf an, waS man lhut, sondern wie man dem Uebel entgeht, in das man früh oder spat geräth . . . Nun, Freund, wer ich bin? Ich bin ein entlaufener Sklave, entlaufen einem reichen türkischen Herrn auf der Insel Korfu, wohin ich mit ihm zunächst auö Stambul, früher aus Smyrna gekommen. Wo wir früher gewesen uud woher ich überhaupt gekommen, weiß ich nicht. So weit ich mich aber erinnere, war ich im Hause meines Herrn der kleine Sklave aller großen Sklaven, der Prügelknabe und dienstbare Knabe Aller, und zunächst meiner Mutter, die auch nichts als Scheltworte und Faufistöße für mich hatte; dafür gab es schmale Kost, die mich aber nicht sehr anfocht, denn ich wußte immer die Mittel zu finden, den ewigen Peiniger Hunger zu befriedigen, zum Schade» Derer, die mir ihre Leckerbissen vorenthielten. Endlich ward ich dieses Lebens überdrüssig, richtete durch einen klugen Streich einen großen Schaden an, den meine Peiniger nicht so leicht vergeffen werden, versteckte mich in der Barke eines italienischen Schiffers, der auch Arbeit und Prügel für mich hatte, und bin endlich hier. Aber es gefällt mir hier auch nicht. Immerfort in den Cellen sitzen, oder in den kalten Kirchen sich die Knie wund reiben, das Gewäsch der Väter hören und dabei die Augen verdrehen, das gefällt mir auch nicht; und wenn ich nur erst Land und Leute ein klein wenig kennen gelernt. werde ich mich rechtzeitig absentiren und schon wißen, auf ehrliche Weise, d. h. auf meine, durchzukommen. Allah il Jllah, und Mohammed ist sein Prophet! Siehst Du, diese heiligen Mauern hören diese Blasphemie und stehen so fest wie vorher. Die Sache muß also nicht so schlimm sein. .." Er hielt einige Augenblicke inne; dann wandte er sich zu mir und sagte: „Nun, mein Bursche, wieder zu Dir. Was soll aus Dir werden? Willst Du Dich zu Tode prügeln und hungern lassen? Oder hast Du allzuviel Verlangen, von den Ratten und Skorpionen aufgefresien zu werden und in der sechsten oder einer andern Casa Deine junge Seele auszuhauchen? ... Ich denke eben nach, ob der brave Paolo gewußt, daß ich in dieser Celle bin und ich so Dein Genosse geworden, oder ob er es nicht gewußt? Denn wie ich die frommen Väter kenne, werden sie voraussetzen, daß Du jetzt etwas genug hast an den Proben ihrer Kunst, unbändige Gemüther zu zähmen, und es gern sehen, wenn Du nach dem Mittelchen greifst, daß sie mit Dir auskommen können. Sie fragen ja nicht danach, ob Du ihnen etwas vorlügst und ein Scheinheiliger bist; ihnen ist es gleichgiltig, ob Du das Letztere wirst, oder ob der Glaube bei Dir durch ihre Beredtsamkeit zum Durchbruch kommt, wenn Du nur gehorchst und Dich ihren Reihen anschließest. Ach, was man wiederholt vorlügt, glaubt man zuletzt selbst. Also, Giacomo oder Christoforo, sei gescheidt, und Du wirst Dich zuletzt wohl befinden und sogar zu Deiner Mutter zurückkehren können. Stelle Dich, als ob Du Dich in Dein Schicksal ergäbest; höre, was sie Dir sagen, sprich ihnen nach, was sie Dir vorsprechen. Ich erlaube Dir, wenn Du den Namen eines Heiligen aussprichst, jedes Mal innerlich einen Schimpfnamen hinzuzufügen; damit wird jawohl die Sünde gesühnt sein; und wenn Du auf den Knien liegst, kannst Du ja die Augen schließen und eines Deiner grausen hebräischen Gebete hersagen. Der liebe Gott versteht's, und die frommen. Väter sind zufrieden. Ueberlege daß, denn ich. meine es gut mit Dir, und möchte nicht, daß Du elendiglich untergehft: denn daS wäre unausbleiblich Dein Schicksal, wenn Du fortfährst, Dich dem Willen der h. Kirche zu widersetzen und die Erlösung nicht anzunehmen, die der hochwürdige Paolo mit seiner Handvoll Schwefelwasser über Dich gebracht. Weißt Du Dich nickt zu schicken , so kommst Du auS dieser Engelsburg nicht heraus, die, wie ich mir habe sagen lassen, früher

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