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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-01-03 · Heft 1 (3.1.1871) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 1 (3.1.1871)
Date
1871-01-03
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Allgemeine Feuilleton-Beilage zu Nr. 1. Leipzig, den 3. Januar 1871. Der taube Soldat.*) Eine Lebens- und Leidensgeschichte. Zweite Abtheilung. 1. In die sechste Casa wurde ich nickt wieder zurückgebracht. Vielmehr mußte ich viele Treppen ersteigen, bis zur Mansarde des Gebäudes, in welchem ich mich befand, und ein geräumiges Zimmer, das jedoch ein durchaus vernachläffigtes Aussehen hatte, nahm mich auf. Ein anderer Wärter hatte mich aus den Händen jenes Henkerknechtcs empfangen und durch die halbgeöffnete Thüre hineingestoßen. Mir aber schwirrte, es vor den Augen, summte es im Gehirn, Fieber schüttelte meine Glieder und die Wunden auf meinem Rücken und an den Seiten schmerzten mich sehr. Ich gewahrte daher nichts um mich herum, sondern warf mich auf einen in der Ecke befindlichen Strohsack, und zog die alle wollene Decke über mich, die auf demselben lag. Öb ich das Bewußtsein verlor, ob ich schlief und träumte oder ob mich wilde Fieberphantasien verfolgten, die mir weder das Eine noch das Andere gestatteten: ich weiß es nicht, wie lange dieser Zustand gedauert. Zuletzt mochte ich wohl entschlummert sein; denn ich erwachte, als die Sonne bereits wieder hoch stand, und obschon sehr matt und angegriffen, fühlte ich mich doch wohl und ruhig, und mein Rücken schien mir wenig schmerzhaft noch. Als ineine Augen das Zimmer und ihre Beschaffenheit näher musterten, fielen sie auf einen Menschen, der auf einem ähnlichen Strohsack an der andern Seite des Zimmers saß und mich mit neugierigen Blicken anschaute. Ich war also nicht allein, und meinem Gesellschafter sah ich schnell ab, daß er kein Gesängnißwarter, sondern ein Mitgefangener sei. Das machte mir eine große Freude, ich richtete mich auf und glotzte mein Gegenüber erstaunt an. *) Es inttressirt vielleicht unsere Leser zu erfahren, daß diese Erzählung, wie sie Nummcruweise in dieser Zeitung mitaetheill wird, bereits tu New-Iork in cuglichcr Uebersetzung erscheint. Redacl. „Nun, Gott sei Dank!" rief Jener aus — und dieser Jener bot einen für mich räthselhaftcn Anblick dar. - Ich hatte in Rom bereits viele Exemplare der verschiedenem Menschenracen gesehen und sie unterscheiden gelernt; dieses Individuum zeigte aber in Gesicht, Farbe, Haar, in seiner ganzen Erscheinung ein so buntes Gemisch aller Racenzeichen, daß ich nicht wußte wohin ich ihn bringen könnte, und noch jetzt, wenn ick mir jenen Menschen in allen Einzelheiten seiner Gestalt vor das Gedächtniß rufe, könnte ich nicht sagen, ob er mehr Neger als' Fellah, mehr Mongole als Grieche war. Ebenso drückte sich in seinen Zügen eine bunte Mannigfaltigkeit aus, denn Verschmitztheit und Scharfsinn, Schlauheit und Gutmütigkeit, thierische Begierde und Spott stritten sich darin um die Herrschaft. Dies wurde mir freilich damals nicht klar, weckte jedoch ebensoviel Vertrauen wie Mißtrauen als ersten Eindruck in mir. Neben seiner Schlafstelle lag ein schwarzes Ueberkleid; er abersaß in ebenso buntscheckigen Unterkleidern'da, von denen jedes' einem anderen Welttheile entlehnt schien. „Nun, Gott sei Dank!" rief er aus, und seine Sprache verrieth ebenfalls keinen bestimmten Dialekt, und bald sollte ich von ihm viele Worte hören, die ich nicht verstand, da sie fremden, asiatischen oder afrikanischen Sprachen angehörten; bei der ungeheuren Zungenfertignng des jungen Menschen machte dies aber wenig aus. „Bist Du endlich zum Leben erwacht? Eine Nacht und einen halben Tag hast Du mir die Ohren voll gewimmert, auch geschrien und nach der Mutter gerufen wie ein zweijähriges Kind, und dann lagst Du wieder ebenso lang wie ein Klotz, denn selbst wenn ich Dich schüttelte, gabst Du kein Lebenszeichen von Dir, und vom Wasserkruge bekam ich keinen Tropfen ab, so verlangtest Du beständig zu trinken. Nun, weißt Du,.erzähle mir vor Allem, wer Du bist und was Dich hierher gebracht hat, roth wie ein Krebs auf dem Rücken, den ich Dir mit nassen Lappen geheilt habe. Dann sollst Du auch Etwas von mir erfahren, aber ich sage Dir gleich, nicht mehr als es mir recht ist." Ich glaubte keine Veranlassung zu haben, Etwas von meinem traurigen Schicksal zu verschweigen, und da ich aus seinen Worten entnommen, daß er sich meiner erbarmt und mir Gutes gethan hatte, so öffnete ich ihm

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